Die Schweiz belegt Rang 21 im aktuellen Klimaschutz-Index. Dieser wird seit 2005 jährlich veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein unabhängiges Überwachungsinstrument zur Verfolgung der Klimaschutzleistungen all jener Länder, die gemeinsam 90 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verursachen. Unter diesen sei die Schweiz nur ein mittelmässiger Performer. Eine niedrige Bewertung erhält sie gar für ihre Klimapolitik. Letztere wird nicht zuletzt seit dem Pariser Klimaübereinkommen von 2015 weltweit kontrovers diskutiert und unterschiedlich umgesetzt. Das Abkommen, das so gut wie alle Länder der Erde unterzeichnet und ratifiziert haben, sieht eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei, idealerweise sogar auf eineinhalb Grad Celsius vor. Dieses Ziel scheint jedoch gefährdet, geht es nach dem Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen IPCC. Die im Rahmen des Pariser Abkommens geleisteten Versprechen werden nicht erfüllt. So herrsche eine Kluft zwischen diesen und den umgesetzten Massnahmen. Verfehlt man die gesteckten Ziele, hätte dies erhebliche negative Auswirkungen auf das Leben und Wohlergehen der Menschen.
Gerade ältere Menschen leiden unter der Klimaerwärmung. Die häufigeren und intensiveren Hitzewellen erhöhen die Risiken, dass sie früher krank werden oder sterben. Ältere Frauen sollen dabei besonders betroffen sein. Aufgrund der akuten Bedrohung durch den herrschenden Klimawandel und zum Schutze der nachfolgenden Generationen klagte der Schweizer Verein Klimaseniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die Schweiz an. Sie tue zu wenig, um die Klimaerwärmung auf ein ungefährliches Ausmass zu begrenzen, und erfülle diesbezüglich die menschenrechtliche Schutzpflicht nicht. Da in der Schweiz lediglich eine eingeschränkte Verfassungsgerichtbarkeit existiert, stellte der EGMR die einzig mögliche Beschwerdeinstanz dar.
Im April war es dann so weit. Die Klimaseniorinnen erhielten recht und die Schweiz wurde gerügt. Jubel und Freude auf der einen Seite, Empörung auf der anderen. Das in der Schweizer Medienlandschaft heiss diskutierte Urteil fand lediglich Zuspruch bei einer Minderheit. So sprachen sich bei einer Befragung von 12 000 Schweizer Bürgerinnen und Bürgern nur ein Drittel für das Urteil aus. 56 Prozent erachteten das Urteil hingegen als falsch. Vonseiten der Regierung blieb lange Zeit jegliche Reaktion aus. Zwei Monate nach Urteilsverkündung veröffentlichte schliesslich der Ständerat eine Erklärung, in welcher er das Klima-Urteil kritisiert und als Missachtung der eigenen demokratischen Entscheidungsprozesse ansieht. Auch der Nationalrat schloss sich dieser Erklärung kurze Zeit später mit 111 zu 72 Stimmen an und wolle dem Urteil keine Folge leisten.
«Dass wir als Schweiz diesen Gerichtsentscheid nicht umsetzen möchten, empfinde ich als höchst absurd», ist der Berner Nationalrat Kilian Baumann von den Grünen ähnlich empört. Er stellt sich zudem die Frage, ob dies nun bei jedem Gerichtsentscheid so gehandhabt wird. In der Zwischenzeit hat laut Erklärung die Schweiz jedoch genügend für den Klimaschutz in die Wege geleitet. «Ja, die Schweiz handelt bereits, wir sind dran. Doch in Anbetracht der bevorstehenden Probleme geht es zu wenig rasch vorwärts und wir müssen schlicht noch mehr leisten», sieht Baumann noch grosses Verbesserungspotenzial. Ähnlich lautet die Forderung der Experten des Klimaschutz-Indexes: Die Schweiz müsse mehr zur Klimafinanzierung beitragen.
Die Forderung nach kostspieligen Investitionen sowie höheren Preisen, beispielsweise im Verkehr, treffen nicht selten auf grossen Widerstand. «Wenn es um Veränderungen geht, spielt Geld immer auch eine grosse Rolle», versteht Baumann grundsätzlich den Unmut gegenüber diesen. Am meisten störe ihn jedoch, dass das Warten die Menschen deutlich teurer zu stehen kommen würde, als der Klimaschutz Kosten verursachen würde. «Es ist die Aufgabe sowie Herausforderung von uns Politikerinnen und Politikern, jeweils Lösungen aufzuzeigen, Kompromisse zu finden und neue Wege zu ebnen, um der Allgemeinheit die Angst zu nehmen und neue Perspektiven zu schaffen», sieht sich der hauptberufliche Biobauer und Präsident der Kleinbauern-Vereinigung in der Pflicht. In der Landwirtschaft versucht er beispielsweise aufzuzeigen, dass nur mithilfe von Veränderungen eine längerfristige landwirtschaftliche Produktion gesichert werden kann – auch über Generationen hinweg. «Auf kurze Sicht ist es jedoch sehr schwierig, das Verständnis hierfür zu erhalten.»
Nicht nur die Landwirtschaft ist stark vom Wetter abhängig, auch alle anderen. Die immer häufigeren Extremwetterereignisse wie Starkniederschläge, Überschwemmungen, Hitzewellen oder Dürren werden laut Baumann nicht seltener: «Sie sind auf die Klimaveränderung zurückzuführen. Das sind nun mal die brutalen Fakten.» Der IPCC warnt zudem, dass sich das Zeitfenster für die Begrenzung der Erderwärmung auf eineinhalb Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau rasch schliesse. Die Entscheidungen, die in diesem Jahrzehnt getroffen werden, haben Auswirkungen für Tausende von Jahren.

