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Der Alltagsheld der Restessbar

Ein Drittel aller Lebensmittel landen in der Schweiz jährlich im Abfall – obwohl sie noch konsumiert werden könnten. Die Freiwilligen des Vereins Restessbar Solothurn setzen sich täglich dafür ein, diesen Food Waste zu verringern. Eine Reportage.

Es ist Samstagnachmittag, die Sonne brennt auf Solothurn nieder. Christoph Kläntschi ist an seinem freien Tag unterwegs mit einem grauen VW Touran. Hinten fehlt die zweite Sitzreihe, an ihrer Stelle sind mehrere grüne Gemüsekisten aufgestapelt. In einer liegt ein Karton mit Gipfeli und Brot von einer Bäckerei, noch frisch und geniessbar. Kläntschi hält bei einer Tankstelle vor Solothurn an, geht rein. Kurz darauf gesellen sich weitere Gipfeli zu jenen im Karton. «Ich glaube nicht, dass uns in den nächsten Jahren die Arbeit ausgehen wird», sagt er. Leider hat er wohl recht damit.

Christoph Kläntschi ist im vierköpfigen Vorstand der Restessbar Solothurn. Der Verein mit rund 90 Mitgliedern ist fast täglich unterwegs und sammelt Lebensmittelresten von Läden in der Region zusammen und verteilt sie kostenlos weiter – an Leute, die Lebensmittel vor der Tonne retten wollen, oder an Menschen, die am Existenzminimum leben und so Geld sparen.

Der Verein ist Teil des Food-Waste-Netzwerks Restessbar Schweiz in Winterthur. Sie arbeiten unter anderem mit dem Detailhändler Aldi zusammen, während Organisationen wie «Tischlein deck dich» mit Grossverteilern wie Migros oder Coop einen Vertrag haben. Jede Woche stösst ein neues Mitglied zum Solothurner Verein und setzt sich gegen Food Waste ein. Alles unentgeltlich und ehrenamtlich. Zuletzt ehrte der Solothurner Energieversorger Regio Energie den Einsatz des Vereins für mehr Nachhaltigkeit mit dem Regio-Energie-Preis.

Früchtekorb
Früchtekorb

Es ist 17 Uhr, eine Stunde vor Ladenschluss. Der 41-jährige Elektroplaner fährt bei der Aldi-Filiale neben dem Solothurner Hauptbahnhof vor, lädt die leeren Kisten aus und rollt sie in den Laden. Die Mitarbeiter begrüssen ihn, als ob er zum Team gehöre. Kläntschi geht direkt ins Lager, wo zwei Einkaufswagen im begehbaren Kühlschrank auf ihn warten. Sie sind gefüllt mit aufgebrochenen Joghurtbechern, angeschimmelten Melonen, Orangen, faulen Trauben, braunen Bananen, Fleischaufschnitten in Plastik und einigen Blumen und Pflanzen. Er zieht Handschuhe an und beginnt die Lebensmittel zu sortieren: Alles, was noch essbar ist, kommt mit. Ungeniessbares oder Fisch, Poulet und Schnittsalat, die das Verbrauchsdatum überschritten haben, landen direkt im Biocontainer.

In der Schweiz entstehen jährlich fast drei Millionen Tonnen Food Waste: Das sind laut Definition Lebensmittelabfälle, die vermeidbar wären. Pro Kopf macht das 330 Kilogramm pro Jahr oder rund ein Drittel aller Lebensmittel. Ein Grossteil von Food Waste entsteht in der Lebensmittelverarbeitung, dicht gefolgt von Haushalten: Fast 800 000 Tonnen fallen dort an. Gemäss der Zahlen vom Bundesamt für Umwelt sind es im Gross- und Detailhandel vergleichsweise «nur» rund 300 000 Tonnen. Der Umwelteinfluss von Food Waste in Haushalten ist jedoch mit Abstand der grösste. Je mehr ein Lebensmittel verarbeitet wurde, je mehr Arbeit, Energie und Wasser darin steckt, desto schädlicher. Das heisst, Butter oder Kaffee wegzuschmeissen, schadet der Umwelt mehr als etwa frisches saisonales Obst und Gemüse.

Die Restessbar Solothurn sammelt pro Woche zwischen 550 und 600 Kilogramm Lebensmittel bei Aldi und einigen kleineren Geschäften rund um die Stadt ein. Zum Überschuss kommt es oft, wenn die Filiale die Nachfrage überschätzt und zu viel von einem Produkt bestellt hat. So schwankt auch die Menge der Abfälle von Tag zu Tag. Manchmal liegt das Problem aber auch im System: So mussten die Mitarbeiter von Aldi vor Kurzem noch bis zum Ladenschluss eine grössere Menge frisches Brot anbieten. Damals habe er auch schon fünf 100-Liter-Säcke füllen können, erinnert sich Kläntschi. Seitdem das geändert wurde, bleibe am Ende des Tages nicht mehr viel Brot.

Die Grafik zeigt die Umweltbelastung vermeidbarer Lebensmittelabfälle in Umweltbelastungspunkten (UBP) pro Kilogramm.
Die Grafik zeigt die Umweltbelastung vermeidbarer Lebensmittelabfälle in Umweltbelastungspunkten (UBP) pro Kilogramm.

Um 18 Uhr begibt sich Kläntschi wieder nach vorne in den Laden – die Brotregale sind fast leer. Was noch übrig ist, packt er zu den anderen Lebensmitteln: ein Baguette, ein paar Weggli und kleinere Brote. Immer, wenn die «Beute» klein ausfällt, sei Kläntschi gedanklich in einer Zwickmühle. Schliesslich wolle er den Leuten, die die Lebensmittel abholen kommen, auch viel bieten. «Aber wir sind eigentlich froh, wenn es nicht viele Reste gibt.» Er lädt die Kisten wieder ins Auto und macht noch einen letzten Stopp bei einem Lebensmittelmarkt in der Stadt, bevor er zum Ausgabelokal in der Weststadt fährt – ein kleiner Raum, den die Quartierarbeit zur Verfügung stellt. Dort bereiten fünf weitere Alltagshelden, wie sich die Vereinsmitglieder nennen, bereits die Tische und Kisten vor.

Die 90 Mitglieder der Solothurner Restessbar sind bunt zusammengewürfelt, Pensionierte, Berufstätige, Studenten, Mütter und Väter helfen gleichermassen mit. Von Montag bis Samstag sind sechs bis sieben Mitglieder abends unterwegs, sammeln und verteilen die geretteten Lebensmittel und tauschen sich auch in der übrigen Zeit rege miteinander aus, geben einander Tipps, wie man Food Waste im Alltag verhindert. Wöchentliche Menüpläne und Einkaufslisten sind da nur einige Ideen, auch etwas Kreativität beim Kochen und Backen kann helfen. «Alte Bananen kann man beispielsweise rüsten und einfrieren. Gemixt gibt das eine leckere Glace», erklärt etwa ein Mitglied. «Bei uns wird nichts weggeworfen», hängt Kläntschi an.

Jährlich landen rund ein Drittel aller Lebensmittel im Abfall, obwohl sie noch geniessbar wären.

So verwertet der Verein selbst jene Produkte, die sie nicht mehr weitergeben dürfen. Das Lebensmittelgesetz steckt da nämlich klare Grenzen: Was mehr als sechs Tage über dem Mindesthaltbarkeitsdatum liegt, darf nicht mehr verteilt werden. Dasselbe gilt für Fleisch und Milchprodukte, welche das Ablaufdatum überschritten haben. Sie verteilen diese Produkte unter sich oder frieren sie oft ein, um sie irgendwann an einem Vereinsfest zu verbrauchen. Gleichzeitig klärt Kläntschi beim Amt für Lebensmittel ab, ob die Fristen auch verlängert werden und die Lebensmittel länger verteilt werden können.

Christoph Kläntschi
Christoph Kläntschi

Rund 40 Leute stehen bereits vor dem Lokal: Es sind viele Menschen mit Migrationshintergrund darunter. Ein Mitglied des Vereins zieht aus einem Sack Lösli mit Nummern und verteilt sie an die Wartenden. In der Reihenfolge der Nummern dürfen sie sich schliesslich am Food-Waste-Buffet bedienen. Die Mitglieder zählen die Lebensmittel und geben sie gezielt ab: ein Gipfeli und ein Schoggibrötli, ein paar Früchte und ein oder zwei Bananen. Wer will, kann ein Dessert mitnehmen oder sich am Blumenbouquet bedienen. Am Ende strahlen die Menschen dankbar und stehen für eine zweite Runde an – nicht immer kommt alles gleich in der ersten Runde weg.

Der Bundesrat will mit einem Aktionsplan Food Waste bis 2030 gegenüber 2017 halbieren. Diverse Betriebe haben im Mai 2022 eine branchenübergreifende Vereinbarung zur Reduktion von Lebensmittelverlusten unterschrieben. Darunter sind auch führende Lebensmittelproduzenten und Detailhändler wie Fenaco, Unilever Schweiz, Emmi, Aldi, Lidl, Coop oder Migros. Kläntschi aber glaubt nicht, dass das reicht.

Das Konzept der Mindesthaltbarkeitsdaten müsse auf gesetzlicher Ebene überdacht und mehr Aufklärungsarbeit dazu betrieben werden. «Was wir hier tun, ist ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt er. Auch im Verein gäbe es noch viel Luft nach oben: Ihnen fehle momentan die Kapazität, mit noch mehr Betrieben in der Stadt zusammenzuarbeiten. Im Sommer erhält der Verein aber einen Container mit vier grossen Kühlschränken, um noch mehr Lebensmittel zu lagern. Er hofft auch, dass das Lebensmittelgesetz in individuellen Fällen gedehnt werden kann, um noch mehr Lebensmittel vor dem verfrühten Ende zu retten.

Nach der Ausgabe der gesammelten Lebensmittel bleibt oft kein Brot mehr übrig.
Nach der Ausgabe der gesammelten Lebensmittel bleibt oft kein Brot mehr übrig.

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