Pflanzen, die Berggipfel im Hochgebirge bewohnen, leiden besonders an der Klimaveränderung. Dies wird allgemein angenommen, und zwar aus einleuchtenden Gründen: Eine Pflanze, die schon zuoberst auf einem Berg lebt, kann sich nicht weiter nach oben ausbreiten; von unten nachstossende Pflanzenarten, die in höhere Lagen streben, würden sie verdrängen.
Tatsächlich hat eine internationale Forschergruppe mit Schweizer Beteiligung festgestellt, dass die Pflanzenvielfalt auf Berggipfeln in den vergangenen 100 Jahren grösser geworden ist, weil viele Arten nach oben «geklettert» sind. Über 100 Gipfel hat das Team dafür untersucht, von den Alpen bis nach Grönland.
WSL in Projekt involviert
In der nun veröffentlichten Studie, an der auch eine Forscherin der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL mitgeschrieben hat, wird tatsächlich festgestellt, dass viele Arten sich aufwärts ausbreiten, allerdings waren es nicht nur die wärmeliebenden Arten, die nach oben gewandert sind. Der erwartete Zusammenhang zwischen Erwärmung und Ausbreitung konnte nicht festgestellt werden.
Im Gegenteil: Es zeigte sich, dass an Berggipfeln mit geringerer Erwärmung mehr Arten aufwärts gewandert waren als an solchen mit höherer Erwärmung. «Jedoch war dieser Zusammenhang nicht signifikant», schreibt die ebenfalls ins Projekt involvierte Universität Rostock in einer Pressemitteilung von Montag.
Zu einfach gedacht
Darüber hinaus ergab die Untersuchung, dass unter den Arten, die von den Gipfeln verschwunden sind, deutlich mehr wärmeliebende Pflanzen waren. Das Gegenteil des erwarteten Resultats also, das vorausgesagt hatte, kältesuchende Arten hätten es im Zuge der Klimaerwärmung besonders schwer, sich durchzusetzen.
Die Ergebnisse lassen laut den Forschern den Schluss zu, dass das Aufwärtswandern der Arten nicht allein durch die Klimaerwärmung erklärt werden kann. «Es wird seit längerem diskutiert, dass die Erwärmungshypothese möglicherweise zu einfach gedacht ist», sagt der Rostocker Forscher Gerald Jurasinski.
Ganz ausser Acht lassen will er den Klimawandel in seiner Forschung allerdings nicht: «Dass die beobachteten Artenverschiebungen mit der globalen Klimaveränderung im Zusammenhang stehen, bleibt jedoch unbenommen», sagt er.
Originalpublikation:
Grytnes J-A, Kapfer J, Jurasinski G, Birks HH, Henriksen H, Klanderud K, Odland A, Ohlson M, Walther G-R, Wipf S, Birks HJB (2014) Identifying driving factors behind observed species range shifts on European mountains. Global Ecology and Biogeography
DOI: 10.1111/geb.12170

