Alles begann mit «Adam» und «Eva». Das waren die ersten Hasen in der Sammlung von Gertrud Pürro. Sie erhielt die Miniatur-Plastiktiere vor rund 35 Jahren als Geschenk von ihrem Mann. «Ich dachte, die beiden sind so allein. Da habe ich noch mehr Hasen gekauft, damit sie Gesellschaft haben», erklärt die 72-Jährige. Und dann verfiel sie dem Sammelfieber: Kein Gegenstand mit Hasenmotiven war mehr vor ihr sicher. Nun ist sie bei rund 7500 Hasen und Kaninchen angelangt, das sind also 15 000 lange Ohren. Alle zu sehen im Hasenmuseum in Bubikon ZH.
Das Museum ist ein wahres Paradies für die Freunde von «Meister Lampe». In Glasvitrinen stehen, sitzen und liegen Hasenfiguren aus Holz oder Porzellan, Gold- und Edelsteinhasen, Teller, Briefmarken mit Hasenbildern aus der DDR oder China, Stoffpuppen, ein Karussell, Bücher, Schmuckstücke, Spiele. Darunter auch eine sizilianische Münze aus der Zeit von 450 bis 480 vor Christus. «Das ist das älteste Stück hier», sagt Pürro. Auf einem Regal steht das Modell eines Zürcher Trams mit Plüschhasen-Passagieren. Auf einem Kunststoffrasen genehmigen sich Hasenfiguren ein Picknick oder spielen im Sandkasten. Zwei schön geschnitzte Holzhasen brechen zum Wandern auf. Am Esstisch sitzt ein weisser Plüschhase. Offensichtlich ein Gourmet, denn vor ihm stehen ein Teller mit Karotten und eine Flasche Wein. Gleich daneben sitzt ein Hasenschüler am Pult und macht seine Hausaufgaben.
Wenn Gertrud Pürro schöne Hasenfiguren fand, konnte sie nicht widerstehen
Die Museumsbesitzerin führt durch die Räume. Immer wieder bleibt sie stehen, zeigt auf bestimmte Objekte und erzählt eine Geschichte dazu. Auf dem Empfangstisch sitzt ein kleiner Stoffhase mit einem blauen Pullover. «Er ist mein Glücksbringer. Ihn nehme ich immer auf Reisen mit.» Auf einer Kommode steht ein grosser Plüschhase mit rotbraunem Fell. Sie nimmt ihn liebevoll in die Arme. Josef, wie sie ihn nennt, wurde 1920 von der weltbekannten Firma Steiff hergestellt. Er ist eine absolute Rarität, denn von ihm wurden nur wenige Exemplare angefertigt. «Sie haben ihn nicht mal im Museum der Firma Steiff in Giengen», sagt Pürro stolz. Er ist deshalb auch sehr wertvoll. «Ich würde ihn aber keinesfalls verkaufen», macht sie deutlich. Sie stellt ihn wieder an seinen Platz auf der Kommode neben einen kleinen, roten Stoffhasen. «Das ist ein Findelkind. Der lag eines Morgens in einem Plastiksack vor der Tür. Jetzt ist er der kleine Bruder von Josef», sagt sie und schmunzelt. Über den beiden hängt ein Teppich, bestickt mit Hasenmotiven. Den liess sie eigens von einem Teppichgeschäft in der Türkei anfertigen. «Der ist das teuerste Objekt des Museums. Aber über Preise spreche ich nicht», sagt Pürro mit einem Augenzwinkern.
Ein Kinderzimmer im Hasen-Dekor
Die Sammlung besteht nur aus Gegenständen, lebende oder ausgestopfte Hasen sucht man vergebens. Die Objekte hat sie grösstenteils selber gesammelt. Auf zahlreichen Reisen ins Ausland ging sie oft in Antiquitätenläden oder auf Flohmärkte. Am liebsten in England. «Wenn ich schöne Hasenfiguren entdeckte, konnte ich nicht widerstehen.» Oft kam es vor, dass Freunde oder Familienmitglieder ihr Objekte schenkten. Mittlerweile hat die Museumsbesitzerin aber aufgehört zu sammeln. «Ich habe keinen Platz mehr», sagt sie. Doch muss sie gestehen: «Bei ganz besonderen Stücken greife ich trotzdem zu.»
Mit einem Lift geht es in die untere Etage. In der Ecke ist liebevoll ein Hasenkinderzimmer eingerichtet. «In dem Bettchen hat einst auch mein Sohn geschlafen», sagt Gertrud Pürro. An den Wänden Gemälde, Zeichnungen und Stickereien. Am Boden grössere Hasenfiguren aus Stein und Plastik, daneben lagert eine Weinsammlung. Alle Flaschen sind mit Hasenmotiven etikettiert. Im Hinterraum ist ein Badezimmer nachgebildet mit Duschvorhang, WC-Sitz und Lavabo. Natürlich im Hasen-Design. Pürro erklärt: «Man kann es aber nicht benutzen, das ist nur Dekoration.» Dies muss sie regelmässig auch den Museumsbesuchern erklären, denn die Einrichtung wirkt täuschend echt.
«Ich war schon immer von Hasen fasziniert», sagt Gertrud Pürro. «Es sind neugierige, aufmerksame und liebenswerte Tiere.» Sie war früher selber eine erfolgreiche Kaninchenzüchterin. Mit ihren Kleinsilberkaninchen nahm sie auch an Wettbewerben teil und gewann Preise. Das Züchten reduzierte sie mit der Zeit immer mehr und verlegte sich dafür aufs Sammeln. Irgendwann nahm die Sammlung derart grosse Ausmasse an, dass Freunde sie fragten: «Warum machst du das nicht öffentlich zugänglich?» Pürro: «An dieser Idee fand ich immer mehr Gefallen.»
1991 war es dann so weit. Sie eröffnete das Hasenmuseum. Die ersten fünf Jahre war es in Wetzikon stationiert. 1996 zog die Sammlung ins benachbarte Bubikon. «Hier habe ich mehr Platz zur Verfügung und die Miete ist nicht so teuer», sagt Pürro. Geöffnet ist das Museum jeweils am letzten Mittwoch und am letzten Sonntag des Monats, zudem führt Pürro auch Sonderführungen für Gruppen durch. Am Ostermontag ist das Hasenmuseum ebenfalls immer offen. Da herrscht meist ein Grossandrang. Einmal kamen 400 Besucher. Pürro gerät ins Schwärmen: «Die Leute standen draussen Schlange.»
Das Hasenmuseum gibt es schon seit 22 Jahren, doch bald ist Schluss
Leben kann sie von den Einnahmen des Museums trotzdem nicht. «Ich verdiene ein besseres Sackgeld damit», sagt die ehemalige Handelsangestellte. Die Pensionärin lebt zusammen mit ihrem Mann in einer Vierzimmerwohnung oberhalb des Museums. Wenn sie Lust hat, ihre Sammlung zu sehen, muss sie nur die Treppe hinuntersteigen.
«Das Hasenmuseum ist mein Lebenswerk», sagt Gertrud Pürro. Sie strahlt und wirkt trotz ihrer grauen Haare wie ein junges Mädchen. Doch das Alter hat auch bei ihr Spuren hinterlassen: Wegen gesundheitlicher Probleme hat sie sich nun entschieden, ihr Hasenmuseum, das seit 22 Jahren besteht, in absehbarer Zeit zu schliessen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann. «Mein Herz tut weh beim Gedanken daran. Doch irgendwann müsste ich sowieso aufhören.»
Bis dahin allerdings werden noch viele Feldhasen über die Zürcher Oberländer Wiesen hoppeln – und «möglichst viele Besucher» das Hasenmuseum besuchen, hofft Pürro. «Die grösste Freude ist für mich immer, wenn die Leute mein Museum mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht verlassen.»

