Katzenbücher gibt es wie Sand am Meer. Nur wenige behandeln jedoch Geschichte, Biologie und Verhalten der Büsi auf so umfassende Art wie das reich bebilderte Nachschlagewerk «Die Katze». Ein Buchtipp.
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Von
Leo Niessner
Themen
Verspielt, eigensinnig und faszinierend: DasWesen der Katze ist äusserst vielschichtig.
Fast mantra-artig taucht eine Ermahnung immer und immer wieder auf: Wer sich ein Haustier anschafft, möge sich doch vorher über dessen Wesen und Haltung eingehend informieren. Sonst sind unangenehme Überraschungen vorprogrammiert – für den Menschen, aber auch für das Tier. Oft verhallen die Mahnungen jedoch ungehört. Gerade auch, wenn es darum geht, den Haushalt um eine Katze zu erweitern, geschweige denn um mehrere. Diese Tiere, so hört man immer wieder, sind selbstständig und brauchen nur etwas Futter und ab und zu etwas Zuneigung.
Das mag im Ansatz stimmen. Doch um einer Katze gerecht zu werden, tut der Besitzer gut daran, sich mit Wesen, Verhalten, Vorlieben sowie Eigenarten seines Büsis auseinander zu setzen. Nicht zuletzt, weil er sonst Gefahr läuft, dass es sich sonst einen anderen Platz sucht – und sei es fernab des Menschen. Denn Katzen sind Meister darin, sich anzupassen, und auch Hauskatzen verwildern, wenn sie dadurch einem ungeliebten Platz entrinnen können Das schreibt die promovierte Zoologin und Autorin Sarah Brown in ihrem Nachschlagewerk «Die Katze – Geschichte, Biologie, Rassen».
Es vermittelt Katzenhalter-Neulingen nicht nur umfassendes Wissen über die Tiere, sondern bringt selbst diejenigen zum Staunen, die seit langem mit Büsi unter einem Dach wohnen und dachten, restlos alles über ihre Lieblinge zu wissen.
Ein Abriss der Hauskatzen-Geschichte Spannend liest sich bereits das Eröffnungskapitel. Es liefert fundierte Einblicke in die Familie der Katzen, der Felidae, und ordnet die modernen Katzenlinien ein. So zeigt eine Grafik, dass sich unter anderem Löwe, Leopard, Jaguar und Schneeleopard bereits vor 10,8 Millionen Jahren entwickelten, während die Ursprünge der Hauskatze viel später zu suchen sind, «erst» etwa vor 3,4 Millionen Jahren.
Nach einem reich bebilderten Ausblick auf deren nächste Verwandten wie Wildkatze (Felis silvestris), Sandkatze (Felis margarita), Falbkatze (Felis lybica) oder Gobikatze (Felis bieti) macht sich die Autorin auf die Spuren der Verbindung von Mensch und Katze. Anschaulich schildert sie, wie sich Katzen etwa in Ägypten im Laufe der Zeit von einfachen Schädlingsbekämpfern und Gefährten des Menschen zu vergötterten Wesen entwickelten.
Die Schwarzfusskatze (Felis nigripes) lebt im südlichen Afrika und ist die kleinste Katzenart überhaupt. (Bild: )
Sie gehört wie die Sandkatze (Felis margarita) zu den Altweltkatzen (Felis). Die Sandkatze lebt in Nordafrika und ist hervorragend. an das Leben in der Wüste angepasst. Ein Beispiel dafür sind die grossen Ohren, über die Wärme abgegeben werden kann. (Bild: )
Die Rohrkatze (Felis chaus) ist in süd- und südostasiatischen Feuchtgebieten beheimatet. (Bild: )
Zur Gattung Felis gehört auch unsere Wildkatze (Felis silvestris). Die Afrikanische Wildkatze (Felis silvestris lybica), eine Unterart der Wildkatze, ist die Stammform aller heutigen Hauskatzen. (Bild: )
In der Asiatischen Gattung der Altkatzen (Prionailurus) gibt es vier Arten. Die Bengalkatze (Prionailurus bengalensis) kommt in Ost- und Südostasien vor. Sie lebt in tropischen Regenwäldern, Misch- und Nadelwäldern. Sie wird oft verwechselt mit der gleichnamigen Hauskatzenrasse. Diese entstand aus Kreuzungen von Bengalkatzen mit domestizierten Katzen. (Bild: )
Die Flachkopfkatze (Prionailurus planiceps) kommt auf den Inseln Sumatra und Borneo sowie auf der malaysischen Halbinsel vor. Sie lebt in Feuchtgebieten und wird von der IUCN als «stark gefähredet» eingestuft. (Bild: )
Der Name ist Programm bei der Fischkatze (Prionailurus viverrinus). Anders als andere Katzenarten schwimmt sie gerne im Wasser und holt sich dort ihre Nahrung in Form von Fischen. Sie lebt in Indien, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka. (Bild: )
Die Rostkatze (Prionailurus rubiginosus) aus Indien und Sri Lanka ist nach der Schwarzfusskatze die zweitkleinste Katzenart. (Bild: )
Ebenfalls in Asien zu finden ist die Gattung Catopuma. Dazu gehören die Asiatische Goldkatze (Catopuma temminicki), die Wälder in Süd- und Südostasien bewohnt ... (Bild: )
... sowie die Borneo-Goldkatze (Catopuma badia), die – der Name sagt es – auf der Insel Borneo endemisch ist. (Bild: )
Der Serval (Leptailurus serval) ist der einzige Vertreter seiner Gattung und in Mittel- und Südafrika verbreitet. Die langen Beine braucht er, um seine Beute im hohen Gras zu jagen. Die elegante Katze wurde mit Hauskatzen gekreuzt, was zur Entstehung der Rasse Savannah führte. (Bild: )
Der elegante Karakal (Caracal caracal) ist mit dem Serval verwandt. Er lebt in Afrika und im Nahen Osten. Die langen Ohrbüschel und der kräftige Körper haben ihm den Spitznamen «Wüstenluchs» eingebracht. (Bild: )
Mit in die selbe Linie gehört die Afrikanische Goldkatze (Caracal aurata), die etwa doppelt so gross wie eine Hauskatze ist und die Regenwälder West- und Zentralafrikas bewohnt. (Bild: )
Die mit acht Arten grösste Gattung der Kleinkatzen sind die Pardelkatzen (Leopardus) aus Mittel- und Südamerika. Ihr bekanntester Vertreter ist der Ozelot (Leopardus pardalis). Früher wegen seinem Fell stark bejagt, konnten sich seine Bestände seit den 1990ern erholen. Der Ozelot hat ein sehr grosses Verbreitungsgebiet über die Nordhälfte von Südamerika und Mittelamerika. Teilweise ist er auch im US-Staat Texas anzutreffen. (Bild: )
Die Tigerkatze (Leopardus tigrinus), auch als Ozelotkatze, Oncilla oder Tigrillo bekannt, ist eine der kleinsten südamerikanischen Katzen. Sie lebt gerne den Bergnebelwäldern Brasiliens und den umliegenden Ländern. (Bild: )
Dem Ozelot sehr ähnlich ist die Langschwanzkatze (Leopardus wiedii), auch Margay oder Baumozelot genannt. Sie ist allerdings kleiner als Ersterer und haben einen längeren Schwanz. Langschwanzkatzen leben in den Regenwäldern Brasiliens und Zentralamerikas, sind flinke Kletterer und verbringen einen Grossteil ihrer Zeit auf Bäumen. (Bild: )
Die Berg- oder Andenkatze (Leopardus jacobinus) lebt im Hochgebirge Perus, Chiles, Boliviens und Argentiniens. Sie kommt ausschliesslich auf Höhen über 3000 Meter vor. Die seltenste Katze Südamerikas wird als «stark gefährdet» eingestuft. (Bild: )
In der südlichen Hälfte Südamerikas östlich der Anden lebt die Kleinfleck- oder Salzkatze (Leopardus Geoffroyi). Ähnlich der Fischkatze jagt sie gerne im Wasser nach Fischen. (Bild: )
Westlich der Anden in Mittel- und Südchile lebt die Chilenische Wildkatze oder Kodkod (Leopardus guigna). Sie ist die kleinste Katze Südamerikas und eine der kleinsten der Welt. (Bild: )
Einige taxonomische Verwirrung gab es in jüngerer Zeit um die Pampaskatze (Leopardus colocolo). Nahm man erst an, dass zwei ihrer Unterarten eigene Arten sind, wird nun doch wieder von nur einer Artgesprochen. Das Verbreitungsgebiet der Pampaskatze erstreckt sich über die Anden, Südbrasilien und Argentinien. (Bild: )
Erst 2013 wurde sie als eigene Art erkannt: die Südliche Tigerkatze (Leopardus guttulus). Sie lebt in Atlantikwäldern an der Ostküste Südamerikas. (Bild: )
Verwandt mit der Gattung Prionailurus ist der seltsam aussehende Manul (Otocolobus manul). Ihn findet man in den (Berg-)Steppen von Zenralasien. Ans kalte Klima ist er mit seinen kleinen Ohren, den kurzen Beinen und dem dicken Fell sehr gut angepasst. Im Gegensatz zu vielen anderen Kleinkatzen hat der Manul runde Pupillen. (Bild: )
Ebenfalls aus Süd- und Südostasien und mit der Gattung Catopuma verwandt ist die Marmorkatze (Pardofelis marmorata). Äusserlich ähnelt sie dem aus der gleichen Region stammenden Nebelparder (Neofelis nebulosa), der aber zu den Grosskatzen gehört. (Bild: )
Ebenfalls zu den Kleinkatzen gehören die Luchse (Lynx). Zu ihnen gehört natürlich auch unsere zweite einheimische Katzenart, der Eurasische Luchs (Lynx lynx). (Bild: )
Es gbit allerdings noch eine zweite europäische Luchsart, nämlich den Pardelluchs oder Iberischen Luchs (Lynx pardinus). Leider kommt er nur noch an wenigen Orten in Spanien und Portugal vor und ist stark gefährdet. Der Pardelluchs ernährt sich fast ausschliesslich von Wildkaninchen, dessen ursprüngliche Heimat auch die Iberische Halbinsel ist. (Bild: )
In der neuen Welt gibt es ebenfalls Luchse, hier der Kanadische Luchs (Lynx canadensis). Er ist wesentlich kleiner als der Eurasische Luchs, wenn auch sonst äusserlich ähnlich. Er kommt in Kanada und Alaska vor. Seine Hauptbeute sind Schneeschuhhasen. (Bild: )
Der Rotluchs (Lynx rufus), der in den USA, Mexico und im Süden Kanadas vorkommt, ist der kleinste aller Luchse. Er ist sehr anpassungsfähig und bevölkert verschiedene Lebensräume, bevorzugt aber Wälder. (Bild: )
Hätten Sie ihn hier erwartet? Der Gepard (Acinonyx jubatus) wird oft zu den Grosskatzen gezählt, gehört aber eigentlich zu den Kleinkatzen. Das in Afrika ansässige schnellste Landtier der Welt unterscheidet sich aber auch von diesen in zahlreichen Merkmalen. Sein nächster Verwandter ist ... (Bild: )
... der Puma (Puma concolor), von dem ebenfalls häufig fälschlicherweise angenommen wird, er sei eine Grosskatze. Der Puma bringt es aber auch auf eine stattliche Grösse mit einem Gewicht von bis zu 100 Kilogramm. In seinem riesigen Verbreitungsgebiet auf fast dem gesamten amerikanischen Kontinent ist er ein Kulturfolger und wagt sich auch in Städte. (Bild: )
Ebenfalls mit Puma und Gepard verwandt, aber viel weniger bekannt ist der Jaguarundi (Herpailurus yaguaroundi). Er ist viel kleiner als der Puma und lebt in Süd- und Mittelamerika östlich der Anden. Sein Fell ist einheitlich gefärbt, es gibt aber zwei Farbvarianten: eine rote (Bild) und eine graue. (Bild: )
Die Grau- oder Gobikatze (Felis bieti) wird manchmal auch als Unterart der Wildkatze geführt, die IUCN behandelt sie jedoch als eigene Art. Sie ist endemisch in Nordchina, wo sie bergige Steppen und Wälder bewohnt. Auffallend sind die schönen blauen Augen. (Bild: )
Die Sunda-Bengalkatze (Prionailurus javanensis) wurde früher für eine Unterart der Bengalkatze gehalten, der sie auch sehr ähnlich sieht. Ihr Habitat ist beschränkt auf einige Inseln in Indonesien und den Philippinen. (Bild: )
Die Rolle der Büsis als Schädlingsbekämpfer lobten sich später, im 8. Jahrhundert, die Händler und Entdecker: An Bord der Schiffe fanden die Tiere genug zu fressen. Gleichzeitig halfen sie, die Ladung von Schädlingen zu schützen. Durch den Handel gelangten sie gleichzeitig in in viele Teile der Welt.
Nachdem die Verbreitung in alle Welt geklärt ist, ist die Zeit gekommen, sich mit der Anatomie der Büsi zu befassen. Anschaulich, mit vielen Bildern und Skizzen, geht die Autorin zunächst auf Skelett und Muskulatur ein, veranschaulicht mit einer Bilderserie Bewegung und Gleichgewicht beim Fallen oder nimmt den Hör- und Sehsinn der Katze unter die Lupe. Für den einen oder anderen dürfte etwa neu gewesen sein, dass blauäugige Katzen zu Taubheit neigen.
Hilfen für die Kommunikation Es folgt ein Kapitel über die Ernährung, mit vielen Tipps, die sich jeder Katzenbesitzer zu Herzen nehmen sollte: Etwa dass Schokolade, Zwiebeln, Knoblauch, Trauben, rohe Eier und roher Fisch gefährlich sind für die Tiere. Bei derselben Gelegenheit weist Sarah Brown darauf hin, dass im Winter ausgelaufene Frostschutzmittel viele Katzenleben kosten.
Wertvolles Wissen vermittelt der darauf folgende Exkurs über Paarung und Geburt, der vor allem denjenigen wichtige Informationen liefert, deren Kätzin zum ersten Mal Junge erwartet. Wie die Kleinen aufgezogen werden, wie sie sich entwickeln, spielen und zu jagen beginnen – das gesammelte Wissen sollte man sich auf jeden Fall schon vor der Geburt aneignen.
Hilfreich bei der Kommunikation mit dem Büsi sind diejenigen Kapitel, in denen es um die Interaktion geht: sei es in Form von Verhalten oder Miauen, Fauchen und Schnurren – etwas, das die Miezen im Laufe der Evolution beziehungsweise des Zusammenlebens mit dem Menschen perfektioniert haben. Dank dieser Laute erweichen sie die Herzen ihrer Besitzer, etwa um Futter zu erhalten oder signalisieren, dass etwas nicht stimmt.
Nach einem Kapitel, das sich mit der Gesundheit der Katzen befasst, listet Sarah Brown 48 beliebte Katzenrassen auf. Diese Zusammenstellung rundet das Nachschlagewerk ab, das sich flüssig liest und mit seinen unzähligen Bildern selbst diejenigen in seinen Bann ziehen dürfte, die nicht zu den Katzenhaltern gehören, aber dennoch ein felines Gen besitzen. Und sei es auch nur ein kleines.
«Die Katze – Geschichte, Biologie, Rassen» von Sarah Brown Haupt Verlag, 224 Seiten 1. Auflage, 2020 ISBN 978-3-258-08164-9 Zirka 30 Franken