Er dürfe am Nachmittag gemeinsam mit seinem Vater den Flachs zupfen gehen, informiert der 5-jährige Lukas noch vor der Begrüssung. Mit der speziellen Zupfmaschine übers Feld zu fahren ist für den aufgeweckten Jungen jeweils ein Ereignis. Auch Adrian Brügger erfüllt es jeden Juli von Neuem mit Freude, wenn er auf seinem Hof in Willadingen BE die filigranen, rund einen Meter hoch stehenden Leinpflanzen ernten kann. Was vor zehn Jahren als Versuchsprojekt seinen Anfang nahm, hat sich im Emmental zu einem wichtigen landwirtschaftlichen Betriebszweig entwickelt. Insgesamt sechs Hektaren werden hier mittlerweile mit Gemeinem Lein, der zu den ältesten Kulturpflanzen gehört, bepflanzt.
Wobei eher von wiederentwickelt gesprochen werden muss. Bis zum Zweiten Weltkrieg pflanzten in der Schweiz nämlich über zehntausend Familien Flachs zur Stoffproduktion an. Die Hochblüte war 1945 mit einer Anbaufläche von 230 Hektaren erreicht. Dann zerstörte erst die Einfuhr von Baumwolle und ab den 1960er-Jahren auch von synthetischen Stoffen den Flachsmarkt. Die Pflanze, aus der feste, schmutzabweisende, atmungsaktive und reissfeste Textilien gewoben werden konnten, wurde verdrängt und verschwand von den Schweizer Feldern. Nicht zuletzt, weil Ernte und Verarbeitung mit den zahlreichen Einzelschritten sehr arbeitsintensiv sind. «In der Schweiz wurden noch alle Schritte manuell ausgeführt, eine Mechanisierung wie im heutigen Hauptanbaugebiet in den Niederlanden, Frankreich und Belgien, hat bei uns nicht stattgefunden», so Adrian Brügger.
Eine Fahrt ins Blaue
80 Prozent des Weltmarktes an Flachs, was ungefähr140 000 Hektaren entspricht, wird in diesen drei europäischen Ländern angebaut. Deshalb hat sich der Emmentaler Landwirt auch nach Frankreich begeben, um zu erfahren, wie der Flachs geerntet werden muss. Mit Mähen kommt man nämlich nicht weit, weil sich die zähen Halme kaum schneiden lassen, das habe er schnell gemerkt. Der Lein muss durch eine spezielle Maschine mitsamt der Wurzel ausgerupft werden. «Ich hatte Glück und konnte eine Zupfmaschine aus Belgien erwerben, und einen speziellen Wender sowie einen Drescher fand ich auf der Schwäbischen Alp.» Auch dort und beispielsweise in Ostdeutschland wurden Versuche zum Flachsanbau gestartet, aber mit weniger Erfolg als in der Schweiz. Die Fahrt ins Blaue, wie der Ausflug in die nur während kurzer Zeit intensiv blau blühenden Flachsfelder früher genannt wurde, fiel dort sprichwörtlich ins Wasser.
«Drei Tonnen Garn werden aus Schweizer Flachs produziert.»
Hierzulande hat der Flachsanbau Tradition, weil die Aufwachsbedingungen, dank den entsprechenden Sonnen- und Regenstunden, optimal sind. Nach der Aussaat von rund 1800 Kernen pro Quadratmeter, die Ende März erfolgt, benötigt es eine gewisse Menge an Regen, damit die Pflanze schön hoch aufschiessen kann. Denn das Ziel ist, eine möglichst lange Faser zu erhalten. Nach rund 100 Tagen ist der Flachs ernte- respektive zupfreif. Durch die hohe Pflanzendichte sind sehr feine Stängel entstanden. Auch nach dem Zupfen benötigt die Pflanze Feuchtigkeit in Form von Tau – für die sogenannte Tauröste. Dazu werden die Halme während gut einer Woche auf dem Feld liegengelassen. Durch das Zusammenspiel von Sonne und Nässe, Bakterien und Pilzen kommt ein Gärprozess in Gang, der dafür sorgt, dass sich die holzigen Schichten von den Fasern des Stängels lösen.

Durch das Dreschen werden dann die Kapseln entfernt, worin sich die Leinsamen befinden. «Spannend am Flachs ist seine Doppelnutzung, aus der Pflanze können nicht nur Textilien, sondern auch Nahrungsmittel hergestellt werden», so Adrian Brügger. Die Mühle Landshut im nahegelegenen Utzenstorf übernimmt die Weiterverarbeitung der braunen Samen zu Spezialmehlmischungen mit den klingenden Namen «Hoselupf» oder «Aaremehl-fix». Durch seinen Reichtum an Ballaststoffen ist Leinsamen besonders gut für die Verdauung. Gerne wird er auch zu leicht nussig schmeckendem Öl gepresst.
Der gesamtheitliche Nachhaltigkeitsgedanke ist Landwirt Brügger wichtig, er arbeitet nach dem regenerativen Ansatz. «Die Flachspflanze ist zwar eine Diva, was die Nährstoffe betrifft, ist sie allerdings sehr extensiv», sagt der Emmentaler. Das sei kein Vergleich mit der Baumwolle, die mit vielen Herbiziden und Insektiziden behandelt werden muss, oftmals gentechnisch verändert ist und noch dazu künstlich bewässert wird. Auch vom Ertrag her schneidet der Lein deutlich besser ab: Aus einer Hektare Flachs können 700 Kilogramm Garn gewonnen werden, aus dem gleich grossen Baumwollfeld nur 150 bis 250 Kilogramm.

Gegenentwurf zur Fastfashion
Das zu Rundballen gepresste Leinenstroh muss nach Holland geschickt werden, wo eine Brechmaschine die Flachsfasern von den Holzteilen trennt. Weiter wird der Rohflachs nach Litauen transportiert, wo der Rohstoff zu Garn versponnen wird. Erst dann kommt das teilverarbeitete Produkt wieder zurück in die Schweiz. Hier fehlen die entsprechenden Maschinen, eine Anschaffung würde sich noch nicht rentieren. Drei Tonnen Garn werden aus Schweizer Flachs bisher produziert. Ein Produktionskreislauf innerhalb Europas ist den Schweizer Anbauern allerdings wichtig. 90 Prozent des weltweit angebauten Flachses wird derweil in China verarbeitet.

Verwoben und gefärbt wird das Garn in der Schweiz. Der Leinenstoff findet vielfältige Verwendung. So wird er vom Schweizer Modelabel Erfolg oder vom Werk5 zu Kleidungsstücken verarbeitet, das Möbelhaus Pfister hat Vorhänge aus Schweizer Leinenstoff im Sortiment, Schwingerhosen sind aus Leinenzwilch gewoben und eine Manufaktur in Zermatt verarbeitet die Wolle von Schwarznasenschafen zusammen mit Leinenfaden zu Teppichen. Bei der Vermarktung des Naturprodukts behilflich ist die Firma Swissflax, wo Adrian Brügger Geschäftsführer ist. Gemeinsam mit weiteren Landwirten, Agronomen und Betriebswirtschaftlern will er die Wertschöpfungskette für Schweizer Flachs wieder aufbauen. «Wir möchten mit den Leinentextilien einen Gegenentwurf zur Fastfashion offerieren und das Bewusstsein für die Kosten nachhaltig und lokal produzierter Kleidung stärken», sagt Brügger. So trägt der Flachsanbau nicht nur dazu bei, eine Tradition wiederaufleben zu lassen, er vermittelt Freude und Wertschätzung an Bekleidungsstücken und zeigt: In der Schweiz ist es sehr wohl möglich, Textilien herzustellen.
Flachs erleben
Im Freilichtmuseum Ballenberg kann am 7. und 8. Oktober 2023 miterlebt werden, wie aus Flachs feines Leinen wird. Die zahlreichen Arbeitsschritte, die dazu nötig sind, werden an der traditionellen Brächete vorgeführt. Freilichtmuseum BallenbergDer Verein ZiehLein fördert den Flachsanbau in der Schweiz und organisiert zahlreiche Anlässe in Zusammenhang mit dem Flachs wie etwa Färbeworkshops, Flachs-Spinnerei-Kurse oder den Flachsanbau in Schulgärten. ZiehLeinDie Website von Swissflax gibt einen Einblick in den Flachsanbau, und Leinengarn sowie Leinenstoffe können hier direkt bezogen werden. Swissflax

