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Schillernde Flugkünstler

Libellen leben seit Urzeiten auf unserem Planeten und lassen sich im Sommer an fast jedem naturnahen Gewässer beobachten. Während viele sie wegen ihrer schillernden Farben und Flugkünste bewundern, fürchten sich andere vor ihnen. Auf Tuchfühlung mit den stabförmigen Insekten.

Zählen Sie auch zu denjenigen, denen beim Anblick einer Libelle der Angstschweiss auf der Stirn steht? Dann haben Sie vermutlich bereits als Kind Schauergeschichten über die fliegenden Sonnenanbeter gehört. Viele von ihnen ranken sich um die vermeintliche Gefährlichkeit der fliegenden Insekten. Die Vorurteile, dass die als Drachenfliegen und Teufelsnadeln bezeichneten Tiere schmerzhaft stechen oder beissen und sogar Pferde töten können, halten sich bis heute hartnäckig. Doch nichts davon ist wahr, wie der Umweltingenieur und Odonatologe Claudio Koller bestätigt. «Libellen sind für Menschen völlig harmlos. Es ist mir rätselhaft, warum sie bei manchen Leuten den Ruf haben, gefährlich zu sein.»

Der 44-jährige Zürcher ist ursprünglich Ornithologe und hat sich vor rund fünfzehn Jahren zusätzlich den Libellen verschrieben. Seither engagiert er sich in Kursen, auf Exkursionen oder bei Vorträgen zu dem Thema und erhebt den Sommer über wissenschaftliche Daten als Grundlage für den praktischen Libellenschutz. Das Ziel ist es, das Wissen über die urtümlichen Fluginsekten zu stärken und für sie zu begeistern. «Libellen sind wunderschöne Tiere.» Vor allem Fluss- und Quelljungfern hätten für ihn einen Wow-Effekt, dem er kaum widerstehen könne – auch wenn er sie schon tausendmal fotografiert habe. Jede Art habe ihre Reize und den entscheidenden Vorteil, dass man sie anders als etwa Schmetterlinge nicht fangen müsse, um sie zu bestimmen, so Koller: «Das kommt meinem Naturell sehr entgegen, weil ich nur ungern Tierefange oder gar seziere.»

«Die Fledermaus-Azurjungfer sieht fast wie das Zeichen von Batman aus.»

Ums Fangen geht es auch an diesem Tag nicht. Kollers Aufgabe ist es stattdessen, im Naturschutzgebiet rund um die «Stille Reuss» bei Rottenschwil AG eine Bestandsaufnahme der prächtig gefärbten Insekten samt ihren Paarungen und Eiablagen zu machen. An diesem Libellen-Hotspot leben ungefähr fünfzig der rund achtzig einheimischen Arten. Trotz relativ frischen Temperaturen knapp unter 20 Grad Celsius, gaukeln bereits einige der wärmeliebenden Flieger durch die Lüfte. «Dort fliegen ein paar Falkenlibellen, die ein Revier am Wasser verteidigen, und da sitzt ein Vierfleck», erklärt der Experte mit geschultem Blick. Kurz darauf hält er inne, als etwas schnell an ihm vorbeifliegt. «Ein Paarungsrad zweier Libellen. Faszinierend!», ruft Koller voller Begeisterung, obwohl er diesen Anblick bereits unzählige Male geniessen durfte. Dann zieht er seine Gummistiefel an, holt den Feldstecher hervor und kramt ein kleines Döschen aus dem Rucksack. Darin sammelt er Larvenhäute für seine Bestandserhebung. Ein letzter Blick auf die Umgebungskarte und es kann losgehen. «Ich gehe jetzt zum Schilf am Wasser, um dort die Schlupfaktivität unter die Lupe zu nehmen. Diesen Bereich darf man eigentlich nicht betreten. Ich habe aber eine Genehmigung», betont der Fachmann, der gleichzeitig im Auftrag der Stiftung Reusstal für die Aufsicht im Naturschutzgebiet zuständig ist und darauf achtet, die Schutzverordnung durchzusetzen.

Akkurat und hochkonzentriert durchkämmt Koller Quadratmeter um Quadratmeter. Immer wieder legt er etwas in sein Döschen ab. Nach einigen Minuten präsentiert er ein erstes Ergebnis und macht sich Notizen: mehrere Larvenhäute, die aussehen wieleblose Insekten, in Wirklichkeit aber nur Hüllen sind. Bei näherem Hinsehen wirken sie wie abgestreifte Anzüge. «Ich habe einiges gefunden; viele Häute von Falkenlibellen und sogar von einer Keilfleck-Mosaikjungfer. Leider aber keine Spur von der Zierlichen Moosjungfer.» Die seltene Art bereitet Koller grosse Sorgen. Im Winter mussten an der Stillen Reuss Ausbaggerungen durchgeführt werden, um eine Verlandung des Altlaufes durch Auffüllung mit Schlamm und organischem Material zu verhindern. «Die Massnahme ist zur langfristigen Erhaltung des gesamten Lebensraumes unverzichtbar», erklärt der Experte, «sie können aber einzelne Arten, wie eben die Zierliche Moosjungfer, empfindlich treffen. Besonders, da deren Larven just in dem entfernten Material überwintern. Ein klassisches Dilemma des heutigen Naturmanagements …»

Die Suche nach der Moosjungfer

Weiter geht es zum nächsten Streckenabschnitt, vielleicht gibt es hier Hinweise auf die Zierliche Moosjungfer. Bald folgt jedoch die nächste Ernüchterung. «Fast nur Falkenlibellen. Normalerweise hätte ich bei dieser hohen Anzahl auch mindestens fünf Moosjungfern entdecken müssen», zeigt sich Koller enttäuscht. Seine Miene hellt sich aber schnell wieder auf, als sich gleich mehrere Fledermaus-Azurjungfern blicken lassen. «Das ist sehr erfreulich, weil es sich ebenfalls um eine seltene Art handelt.» Die schlanken Tierefallen durch ihre attraktive schwarz-blaue Färbung auf und haben auf dem zweiten Hinterleibssegment eine typische schwarze Zeichnung. «Sie erinnert an eine Fledermaus und sieht fast wie das Batman-Zeichen aus», erklärt der Odonatologe und zeigt Sekunden später auf die nächste Schlanklibelle, ein Grosses Granatauge, das seinen Namen den granatroten Augen verdankt und das mit seinen hellblauen Körpersegmenten ebenfalls ein echter Hingucker ist.

Das gilt für die meisten Libellen, die durch ihr farbenfrohes Erscheinungsbild auffallen. Fast jeder hat beispielsweise schon Prachtlibellen an einem ruhigen Gewässer beobachtet und ihre metallisch glänzende Blaufärbung bewundert. Sie entsteht durch die Struktur des Aussenskeletts, des Chitinpanzers. Das Licht bricht sich daran und erzeugt die schillernd blaue Farbe. Das Spektrum ist aber noch weitaus grösser und unterscheidet bei vielen Arten zwischen Weibchen und Männchen. Die Partnerin der Gebänderten Prachtlibelle etwa glänzt metallisch grün.

Jäger und Gejagte

Gerne würde Claudio Koller seinem neugierigen Begleiter eine noch grössere Libellenvielfalt präsentieren, doch dafür sei es einfach noch zu früh im Jahr. Zudem versteckt sich die Sonne etwas zu häufig hinter der morgendlichen Wolkendecke. «Es war doch viel besseres Wetter angesagt», hadert der Naturkenner. Immerhin bleibt so genügend Zeit, mit weiteren Ausführungen noch etwas tiefer in die Welt der Libellen einzutauchen. Dazu gehört neben ihrem betörenden Äusseren auch ihr hervorragendes Sehvermögen.Libellen sind nämlich nicht nur schillernde Gliederfüsser, sie nehmen auch ihre Umgebung viel bunter wahr als der Mensch. So können sie Ultraviolett oder polarisiertes Licht auf der Wasseroberfläche wahrnehmen. Zu verdanken haben sie diese Fähigkeit ihren lichtempfindlichen Proteinen, den Opsinen. Davon besitzen die Insekten nicht nur drei wie wir, sondern mindestens elf, manche Arten sogar bis zu dreissig.

Schon gewusst?

Viele Libellenarten stehen unter Naturschutz und dürfen nicht gefangen werden. Beobachten und fotografieren ist dagegen erlaubt. Allerdings gelten auch hier Verhaltensregeln. Auf keinen Fall sollten die Wege in Naturschutzgebieten und sensiblen Lebensräumen verlassen werden, um die scheuen Insekten aus der Nähe zu betrachten. Empfehlenswert sind daher ein Feldstecher und eine Kamera mit Teleobjektiv. Als Libellen-Hotspot gilt hierzulande beispielsweise der Klingnauer Stausee im Kanton Aargau. Dort sind bei warmer und trockner Witterung mehr als die Hälftealler einheimischen Libellenarten zu sehen. Sehr gute Chancen, zahlreiche «Helikopter der Lüfte» anzutreffen, bestehen auch im Zürcher Greifenseegebiet, im Aargauischen Reusstal und in allen Flach- und Hochmooren der Schweiz. Beobachtungen können gerne gemeldet werden auf: ornitho.ch oder webfauna.ch

Das zeitliche Auffassungsvermögen übersteigt jenes des Menschen ebenfalls um ein Vielfaches. Mit bis zu 28 000 Einzelaugen, die jeweils in ihren beiden grossen Komplexaugen vereint sind, erfassen sie schnelle Bewegungsabläufe messerscharf und in allen Details. Dadurch können die Jäger der Lüfte ihre Beute im Flug fixieren und fangen. Bei der Jagd überlassen sie nichts dem Zufall. So haben Forschende herausgefunden, dass das Gehirn einer Libelle die Flugbahn der Beutetiere, zu denen vornehmlich Mücken und Fruchtfliegen gehören, berechnet und die Information direkt an den Flugapparat weitergibt. Dadurch können sie selbst in einem Fliegenschwarm ihre Mahlzeit gezielt aus-suchen. Die Erfolgsquote liegt bei unschlagbaren 95 Prozent. Selbst berüchtigte tierische Jäger wie grosse Raubkatzen oder Haie kommen nicht annähernd an diese Effizienz heran.

Libellen haben aber auch zahlreiche Fressfeinde wie Ameisen, Spinnen, Frösche und vor allem Vögel. Besonders frisch geschlüpfte Larven und flugunfähige Libellen sind ihnen hilflos ausgeliefert. Anders sieht es bei erwachsenen Tieren aus, denen dank ihrer herausragenden Flugkünste oft die Flucht gelingt. Mit ihren Flugfähigkeiten können selbst Helikopter nicht mithalten. Libellen sind in der Lage, sich problemlos in alle Richtungen zu bewegen, diese blitzschnell zuändern und in der Luft stehen zu bleiben. Sogar einen «Rückwärtsgang» haben sie im Repertoire. Das Fundament dafür bilden ihre vier Flügel, die separat oder zumindest paarweise gesteuert werden können. Sie sind mit luftgefüllten Adern, sogenannten Tracheen, durchzogen und halten dank ihrer zickzackförmigen Flächenstruktur mühelos grossen Belastungen stand. Ein Flügelmal in der Nähe der Flügelspitze dient der zusätzlichen Stabilisierung. Dazu kommen mächtige Muskeln in der Brust, dem Thorax. Sie machen fast die Hälfte der Körpermasse aus und sind die antriebsstarken Motoren für den rund fünfzig Stundenkilometer schnellen Flug, der sie bei günstigen Winden über weite Strecken trägt. Schneller fliegt kein anderes Insekt.

Im Wasser, an Land und in der Luft

Trotz ihrer Flugkünste und ihres Durchblicks tragen Libellen ihren wissenschaftlichen Namen Odonata (vom griechischen «odon» für Zahn) aber wegen eines anderen Merkmals: den Mandibeln, bei denen es sich um gezahnte Kauwerkzeuge handelt. Diese sind so kräftig, dass Libellen mit ihnen bereits im Flug ihre Beute verspeisen. Wer nun einwendet, dass die Tiere richtig Biss haben und die Angst vor den fliegenden Stäbchen doch berechtigt ist, kann beruhigt sein.«Libellen können Menschen trotzdem nicht beissen, selbst wenn sie es wollten. Die Stärke der Mandibeln reicht nicht aus, um unsere Haut zu durchdringen», sagt Koller. «Das gilt auch für ihren Legestachel.»

«Die Libelle pumpt ihre glänzenden Flügel auf und startet zum Jungfernflug.»

Die Begegnung mit einer Libelle kann also gelassen angegangen werden. Am besten stehen die Chancen für eine Sichtung im warmen Sommer an einem langsam fliessenden oder stehenden Gewässer. Darin entwickeln sich nämlich ihre Larven. Diese schlüpfen als Prolarven mit unbeweglichen Gliedmassen aus winzig kleinen Eiern, die ihre Mütter mittels Legebohrer oder Legeapparat direkt ins Wasser oder in untergetauchten Pflanzen platziert haben. Kurz darauf häuten sie sich zur eigentlichen Larve, die als solche eher einem Käfer als einer ausgewachsenen Libelle gleicht. Es folgen weitere Häutungen, bei denen das Insekt jedes Mal ein Stückchen wächst, ehe es abhängig von der Art nach zwei Monaten bis fünf Jahren die Schlupfreife erreicht. Zu diesem Zeitpunkt ist dann in der schwimmenden, käferartigen Larve bereits die fertige Libelle eingepackt. «Sie schwimmt quasi in einem U-Boot ausLarvenhaut», sagt der passionierte Naturmensch, der nach seinem Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil die Einmannfirma Edunata gegründet hat. Der Begriff setzt sich zusammen aus dem englischen Wort «Education» für Umweltbildung sowie dem lateinischen Begriff für Libellen, Odonata. Anders als die Schmetterlinge müssen sich die Libellenlarven nicht verpuppen, sondern können sich direkt als Imago, also erwachsenes Tier, durch einen Riss am oberen Rücken aus der Larvenhaut herauspressen. «Ist das passiert, pumpt die Libelle ihre deutlich erkennbaren glänzenden Flügel auf und startet zum Jungfernflug», erklärt Koller.

In die Zange genommen

Es dauert einige Tage oder sogar Wochen, bis die Jungtiere ihre Geschlechtsreife erreichen. Dann kehren sie von ausgiebigen Ausflügen in die Ferne zu ihrem Schlupfort zurück, um sich zu paaren. Dies geschieht auf eine scheinbar rabiate Weise, berichtet der Fachmann: Das Männchen packt mit den Hinterleibsanhängen das Weibchen wie mit einer Zange am Hinterkopf. Dadurch bildet sich eine Paarungskette, das Tandem. Nun füllt das Männchen den vorderen Teil seines Hinterleibes mit Sperma. Das Weibchen verankert sich mit seiner Geschlechtsöffnung an dem «Samenpaket»,sodass das typische Paarungsrad entsteht, das ein beliebtes Motiv für Naturfotografen ist und sogar im Flug beobachtet werden kann.

Um diesem Schauspiel auch künftig beiwohnen zu können und den Fortbestand der Libellen zu sichern, bedarf es allerdings wichtiger Schutz- und Förderungsmassnahmen. Der Gesamtbestand ist hierzulande zwar stabil und sogar leicht steigend, was Renaturierungen und zum Teil auch der Klimaerwärmung zu verdanken ist, doch mehr als ein Drittel der einheimischenLibellenarten steht auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere. «Jede Art hat eigene Ansprüche an ihren Lebensraum. Und diese sind in der Schweiz längst nicht immer erfüllt», warnt Koller. Für das Überleben seien reich strukturierte, möglichst naturnahe Gewässer essenziell. Auch Privatpersonen können im kleinen Rahmen den hübschen Flugakrobaten Gutes tun. «Schon ein kleiner Gartenteich kann vielen Arten als Trittbrett für die Ausbreitung ihrer Population dienen», sagt der Libellenfreund. Wichtig sei dabei, dass ein solches Gewässer naturnah und sonnig angelegt ist. Springbrunnen und Fontänen seien ebenso kontraproduktiv wie Goldfische, die die Larven fressen und den Grund aufwühlen.

Nach diesen wertvollen Tipps widmet sich derLibellenexperte wieder seiner Zählung, für die er nun eine erhöhte Position einnimmt, um mit dem Feld-stecher auf den Seerosenblättern der Stillen Reuss Ausschau zu halten. Die Zierliche Moosjungfer bekommt er immer noch nicht vor die Linse. «Da es für die Art noch reichlich früh ist und auch das Wetter nicht optimal ist, versetzt mich das noch nicht in Alarmbereitschaft», sagt er und fügt lächelnd an, auf die nächste Zählung bei Sonnenschein zu hoffen.

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