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Tarnung als Überlebenstaktik

Mit seiner Umwelt zu verschmelzen ist ein wichtiger Überlebensmechanismus – entweder, um nicht gefressen zu werden, oder aber, um besser jagen zu können. In der Tierwelt gibt es verschiedene Arten der Tarnung. Und viele Tiere, die sich darauf spezialisiert haben.

In der Tierwelt gibt es verschiedene Arten der Tarnung. Einige Tiere haben sich auf diesen Überlebensmechanismus spezialisert. Entweder nutzen sie das Verschmelzen mit der Umwelt um sich vor Fressfeinden zu verstecken, oder um die eigene Beute zu jagen.

Irrtum Chamäleon

Das Chamäleon gilt als Meister der Tarnung. Es kann nicht nur auffallend mit den Augen rollen und in mehrere Richtungen gleichzeitig blicken, sondern eben auch seine Farbe anpassen. Stelzt das Reptil ungelenk vor einen knallgrünen oder rotbraunen Busch, ändert sich langsam seine Haut-farbe, bis das Tier komplett verschwunden ist.

Wie man mittlerweile weiss, hat das Chamäleon seinen Titel aber nicht verdient. Sein scharfer Blick mag zwar rekordverdächtig sein, die Fähigkeit zur Tarnung hält sich jedoch in Grenzen. Entgegen dem weitverbreiteten Irrtum können die Tiere ihre Farbe nicht nach Belieben jedem möglichen Hintergrund anpassen. Gerade besonders feine Details kann das Chamäleon nicht adaptieren. Zwar vermag es je nach Lichtverhältnissen, dunkler oder heller zu erscheinen und seine Farbe in einem breiten Spektrum anzupassen – all dies ist in seinem natürlichen Lebensraum aber nicht nötig. Bereits in seinem grünbraunen Normalzustand verschmilzt das Chamäleon mit den Büschen und Blättern Madagaskars, wo die meisten Arten heimisch sind.

Ihre Farbe wechseln die skurrilen Glubschaugen nicht primär, um sich zu verstecken. Andere Aspekte sind da viel wichtiger. Beispielsweise das Konkurrenzverhalten, bei dem es sogar richtig bunt zu und her gehen kann: Begegnen sich zwei Männchen, liefern sie sich einen regelrechten Kampf der Farben. Wer bunter ist, gewinnt. Die Farbenpracht dient weiter dazu, Weibchen zu beeindrucken. Ist dieses jedoch nicht mehr verfügbar, also bereits befruchtet, wird es dunkel – und signalisiert so Aggressivität.

Zweige, Blätter oder Seegras

Während die Tarnung beim Chamäleon zweitrangig ist, spielt sie für viele andere Tiere eine zentrale Rolle. Sich seiner Umgebung anzupassen ist ein wichtiger Überlebensmechanismus, der in entsprechend vielen verschiedenen Weisen und Formen vorkommt. Wer sich seinem Lebensraum in Form und Farbe anpasst,betreibt die sogenannte Mimese. Das Wort stammtaus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «täuschende Nachahmung». Neben dem Chamäleon sind die wohl berühmtesten Beispiel hierfür Insekten, die aussehen wie Blätter oder Zweige, beispielsweise die Vietnamesische Stabschrecke. Die Ramulus artemis kommt ursprünglich im Regenwald vor, wird knapp zehn Zentimeter lang und sieht täuschend echt wie ein Stöckchen aus. Sie ist nachtaktiv, den Tag hingegen verbringen sie praktisch bewegungslos. Dann klammert sie sich mit einem gestreckten Beinpaar am Geäst fest und hängt nach unten, so, dass sie sich einfach fallen lassen kann, falls sie doch von einem Fressfeindentdeckt wird.

Ähnlich hält es der Gespenst-Blattschwanzgecko, auf Lateinisch Uroplatus phantasticus, der hauptsächlich in Madagaskar vorkommt. Mit ihrer einzigartigen Körperform imitiert die nachtaktive Echse trockenes Blattwerk. Dabei helfen ihr nicht nur die braungrüne Farbe, sondern auch die zahlreichen Hautfalten ebenso wie natürlich der flache, blattförmige Schwanz. Der Gecko kann beinahe nahtlos auf die Baumrinde aufliegen, wodurch sein Körper fast keinen Schatten mehr wirft. So verbringt das Reptil den Tag gut getarnt auf Ästen, in hohlen Stämmen oder im Laubwerk.

Der Gecko liegt beinahe nahtlos auf die Baumrinde auf, so dass er fast keinen Schatten wirft.

Streifen im hohen Gras

Nicht nur Reptilien, Amphibien und Fische betreiben Mimese. Auch viele grössere Säugetiere verlassen sich auf ihre Anpassungsfähigkeit. Grossraubkatzen wie Löwe und Jaguar tragen nicht aus Zufall ein hellbraunes, fast schon goldenes Fell. Es erlaubt es ihnen, im ähnlich farbigen Gras der Savanne unterzutauchen und sich unbemerkt an die Beute heranzuschleichen. Der Jaguar besitzt zudem auffällige schwarze Ringel-flecken, mit denen er auch im stark bewachsenenRegenwald kaum auffällt. Die umrandeten Punktehelfen, zwischen Rinden und Ästen einzutauchen.

Die Faustregel lautet: Je dichter bewachsen derLebensraum der jeweiligen Wildkatze ist, desto stärker gemustert ist ihr Fell. Das beste Beispiel hierfür ist wohl der Schwarze Panter. Schaut man genau hin, weisen diese Tiere zwar immer noch eine Musterung auf,diese verschwimmt jedoch im Schatten des indischen Urwaldes so sehr, dass sie komplett dunkel erscheinen. Entsprechend handelt es sich bei den Pantern auch um keine eigenständige Art, sondern um eine Form von Jaguar oder Leopard mit einem stark ausgeprägten Melanismus, also einer sehr dunklen Pigmentierung.

Es muss jedoch nicht immer unauffällig, dunkel, braun oder grün sein. Das Zebra etwa besticht durch seine Streifenpracht. Die schwarz-weisse Musterung mit ihrem extremen Kontrast sticht ins Auge – undgenau das macht sie zu einer effektiven Art der Tarnung. Einerseits machen es die Streifen dem Löwen schwer, ein einzelnes Zebra in der Gruppe zu fixieren undanzugreifen, da sie die Umrisse der Individuen nur noch schwer erkennen können. Der Jäger muss also warten, bis sich ein Einzeltier aus der Herde entfernt.

Die Streifen machen es dem Löwenschwer, ein einzelnes Zebra in der Gruppe zu fixieren.

Andererseits hilft die auffällige Fellfarbe auch gegen lästige Insekten, etwa gegen die Tsetsefliege. Das Stechinsekt ist berüchtigt, da es zahlreiche Krankheiten wie etwa die Nagana-Seuche überträgt. Wie ein Forscherteam 2012 herausgefunden hat, können die Facettenaugen des Blutsaugers die Streifen des Zebras nicht richtig als Oberfläche wahrnehmen. Deshalb bremsen Mücken und Fliegen nicht ab, um auf dem Tier zulanden, sondern fliegen weiter und stossen so unweigerlich gegen das unerwartete Hindernis. Entweder fallen die Insekten herunter oder sie fliegen verwirrt weiter. Gestochen werden Zebras aber nur selten.

Getarnt als jemand anderes

Die Mimese ist die wohl häufigste Form der Tarnung in der Tierwelt, jedoch nicht die einzige. Statt sich an die Umgebung, den Hintergrund oder die Pflanzenwelt anzupassen, geben sich verschiedene Tiere auch als jemand anderes aus. Beispielsweise die Schwebfliege, die bekannt dafür ist, auf einer Stelle zu fliegen. Mit seiner gelb-schwarzen Färbung sieht dieser Zweiflügler auf den ersten Blick aus wie eine Wespe, eine Biene oder eine Hummel. Anders als diese stechenden Insekten, besitzt die Fliege jedoch keinen Stachel und ist somit komplett harmlos. Das wissen ihre Feinde jedoch nicht. Sie halten die Schwirrfliegen für gefährlich und lassen sie deshalb lieber in Ruhe.

Imitiert ein Tier ein anderes, nennt sich dies Mimikry. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Weinschwärmer-Raupe, die eigentlich in ganz Europa beheimatet ist: Das Kopfmuster des etwa achtzig Millimeter langen Kriechers ist erst knallgrün, später dann bräunlich. Immer jedoch zieren den Kopf zwei dunkle Flecken, die an die Augen einer Schlange erinnern. Bahnt sich Gefahr an, richtet die Raupe ihren Vorderleib auf und macht sich gross, um den Angreifer zusätzlich abzuschrecken. Die Strategie scheint aufzugehen, gehört der später aus der Raupe entstehende Weinschwärmer doch zu der häufigsten Art von Faltern.

Mimikry ist also effektiv, um nicht gefressenzu werden. Manchmal jedoch wird die Tarnungs-methode auch eingesetzt, um Beute anzulocken. Diese sogenannte «aggressive Form» wendet etwa der Seeteufel an. Der mächtige, schuppenlose Jäger lebt in Tiefen von bis zu tausend Metern und ernährt sich vor allem von kleinen Fischen. Mit einem durchschnitt-lichen Gewicht von über fünfzig Kilogramm ist der Teufel eher träge, weshalb er eine ganz spezielleMethode entwickelt hat: Vor seinem mächtigen Mund hängt ein Hautanhängsel, welches aussieht wie ein Wurm. Dieses lässt der Anglerfisch, wie er auch genannt wird, hin und her baumeln. Springt ein Fisch auf die Attrappe an und nähert sich, muss der Seeteufel nur noch im richtigen Moment zuschnappen.

Eine gute Tarnung ist erfolgversprechend. Tatsächlich gilt in der Forschung die sogenannte Krypsis im Tierreich als einfache, aber effektive Methode, um zu überleben. Dabei beschränkt sich die Bandbreite an Strategien nicht nur auf das Äussere, sondern bezieht alle Sinne mit ein. Einige Tiere nutzen ihren Ruf, um ein anderes Wesen nachzuahmen, andere passen ihren Geruch an. Doch egal, ob es darum geht, nicht gefressen zu werden oder besser an seine Beute heranzukommen: Wer sich tarnt, ist klar im Vorteil.

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