2019 war das Jahr für den Buchdrucker. Auf das Sturmtief Burglind ein Jahr zuvor folgten zwei Hitzesommer, die ideale Brutbedingungen für den Borkenkäfer schafften: viel Sturmholz und geschwächte Bäume. Obwohl sie als Forstschädlinge gefürchtet werden, übernehmen Borkenkäfer auch wichtige Funktionen im Ökosystem. So bohren sich Pionierborkenkäferarten beispielsweise als erste Insekten in die Rinde von absterbenden Bäumen ein und schaffen so Eintrittspforten für Pilze, welche das Baummaterial zersetzen, wie Simon Blaser vom Institut für Wald, Schnee und Landschaft auf Anfrage weiss.
Weltweit leben rund 6000 verschiedene Borkenkäferarten. In der Schweiz hat man bisher 112 davon entdeckt. Sie sind nur wenige Millimeter gross und kommen sowohl auf Laubbäumen als auch auf Nadelholz vor. Meist bevorzugen die Käfer eine spezifische Baumart. Aber der bekannteste unter ihnen ist wohl der Buchdrucker, der sich in Fichtenrinden entwickelt. «Der Buchdrucker gilt in der Schweiz als wichtigster Borkenkäfer, da er die ökonomisch schwersten Schäden verursacht», so Blaser.

Leben unter der Rinde
Zum Lebensraum der Borkenkäfer gehören hauptsächlich geschwächte und frisch abgestorbene Bäume. Manche brüten im Holz, andere in der Rinde. Rindenbrütende Borkenkäfer wie der Buchdrucker bohren sich ein und legen ihre Brutsysteme unter der Rinde an. Dort ernähren sich die Larven und Käfer von Rindenbast. Unter der Rinde angelangt, fangen die Buchdrucker an, sich zu vermehren. Zuerst frisst das Männchen eine sogenannte Rammelkammer aus – dort treffen anschliessend die Weibchen, die durch Duftstoffe angelockt wurden, zur Paarung ein. Diese legen danach ein Brutsystem im Rindenbast an. Beim Buchdrucker sind das mehrarmige Gänge, die bis zu 30 Zentimeter lang werden können. Die Eier legt das Weibchen dann an dessen Wänden ab.
Nach rund ein bis zwei Wochen schlüpfen die Larven und fressen sich quer zum sogenannten Muttergang in den Rindenbast und hinterlassen einzigartige Muster im Holz. «Oft verursachen die Borkenkäfer bei ihrer Frasstätigkeit artspezifische Brutbilder, die als Bestimmungsmerkmale verwendet werden», weiss Simon Blaser. Das Brutbild gab dem Buchdrucker auch seinen Namen: Er erinnerte frühere Wissenschaftler an arabische Schriftzeichen.

Bis zu drei Generationen pro Jahr Nach rund sechs Wochen verpuppen sich die Larven für ein bis zwei Wochen. Nachdem sie geschlüpft sind, bleiben sie im Rindenbast, bis sie geschlechtsreif sind. Sobald die Temperatur draussen über 16 Grad steigt, also irgendwann ab April oder Mai, fliegen sie aus. So können unter besonders günstigen Bedingungen in den tieferen Lagen bis zu drei Generationen pro Jahr erzeugt werden. Die ausschwärmenden Borkenkäfer der neuen Generation befallen häufig nahegelegene Bäume und formen Befallsherde, die zahlreiche Bäume umfassen.
«Vitale Bäume haben ein gutes Abwehrsystem und können einbohrende Borkenkäfer grundsätzlich durch Harzfluss abwehren», sagt Blaser. Die Harzkanäle des Baumes befinden sich im Bast und reichen bis ins Holz hinein, wo sich die klebrige Flüssigkeit unter Druck ansammelt. Sobald der Borkenkäfer die Gänge verletzt, spült ihn das Harz wieder aus dem System des Baumes. «Störungsereignisse wie Windwurf, Lawinen- und Schneedruck können dazu führen, dass viel geeignetes Brutmaterial entsteht, in welchem sich die Buchdrucker ungestört vermehren können», sagt Blaser. Dann wird es auch für gesunde Bäume gefährlich: Wenn sich genug Käfer gleichzeitig über einen Baum hermachen, hat dieser keine Chance, sie alle abzuwehren. «Bei ihrem Frass in der Bastschicht unterbrechen die Buchdrucker den Saftstrom zu den Wurzeln. Fehlt dort der Zucker, kann kein Wasser mehr aufgenommen werden und die eigentlich vitalen Bäume sterben ab.» Das ist beispielsweise an einer verröteten Baumkrone erkennbar.
Eine Zukunft mit dem Buchdrucker
Will man die Borkenkäfer bekämpfen, müssen die befallenen Bäume rechtzeitig aus dem Wald gebracht werden, bevor die nächste Käfergeneration ausfliegt. Das führt zur Zwangsnutzung von eigentlich wirtschaftlichem Holz. Zu Spitzenzeiten im Jahr 2019 waren es über 1200000 Kubikmeter. 2022 war es halb so viel, aber mit steigender Tendenz. «Aufgrund des Klimawandels und der zunehmenden Intensität und Häufigkeit von klimatischen Extremereignissen wie Trockenheit wird der Druck auf die Fichten weiter zunehmen», sagt Blaser. Einerseits, weil sich die Käfer unter diesen Bedingungen schneller entwickeln können. Andererseits wird die Trockenheit den Fichten noch mehr zusetzen, sodass sie sich immer weniger gut gegen die Eindringlinge wehren können, insbesondere in tieferen Lagen, wo die Fichte ausserhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes vorkommt. «Langfristig wird dies an solchen Standorten zu einer Waldumwandlung in Richtung erhöhtem Laubholzanteil führen», so Simon Blaser.

