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Wie die Dörrobstmotte vom Freund zum Feind wurde

In ihrem Ursprungsgebiet sorgt die Dörrobstmotte als Nützling für Ordnung und baut biologischen Abfall ab. Mittlerweile ist sie dank dem Menschen auf der ganzen Welt verbreitet und fühlt sich besonders in Vorratslagern wohl.

Gibt man im Internet das Schlagwort «Lebensmittelmotte» ein, reiht sich ein Ergebnis an das andere. «So wirst du die Schädlinge los» oder «Mottenbekämpfung ohne Chemie» sind nur einige der vielen Resultate. Es ist offensichtlich, dass die Insekten äusserst unwillkommene Gäste in unseren Wohnungen sind. Die Biologie und Lebensweise der kleinen Flatterer ist dagegen den wenigsten bekannt.

Der Begriff «Lebensmittelmotte» ist menschengemacht und beschreibt keine eigenständige Tierart. Vielmehr handelt es sich dabei um verschiedene Arten aus der Familie der Zünsler, die häufig als Vorratsschädlinge auftreten. Die zu den Schmetterlingen gehörenden, meist kleinen und unscheinbaren Tiere, bilden eine grosse Insektenfamilie, zu der mehr als 6000 verschiedene Arten gehören.

Ein Leben zum Zweck der Fortpflanzung

Besonders die Dörrobstmotte (Plodia interpunctella) ist uns Menschen keine Unbekannte. Sie ist von den Zünslern die am weitesten verbreitete Art und hat ihren Hauptwohnsitz in menschliche Behausungen verlegt. Ihren Ursprung hat sie vermutlich in Vorderasien und den Mittelmeerländern, wo sie sich, wie es ihr Name verrät, von heruntergefallenem, verdorrtem Obsternährt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde sie durch den regen Warenhandel in ganz Europa verbreitet, von wo aus sie gut versteckt in Lebensmitteln in den Rest der Welt gelangte.

Als nachtaktiver Schmetterling ruht sie tagsüber, bevor sie sich bei Einbruch der Dunkelheit mithilfe von Pheromonen auf die Suche nach Geschlechtspartnern macht. Kälte mag die Dörrobstmotte gar nicht und ist für ihre Fortpflanzung auf beheizte Räume angewiesen. Ausserhalb von Gebäuden hat sie kaum eine dauerhafte Überlebenschance. Nur in warmen Regionen, so zum Beispiel im US-Bundesstaat Florida, konnte ihre Fortpflanzung ausserhalb von Wohnungen und Häusern nachgewiesen werden.

Wie die Dörrobstmotte vom Freund zum Feind wurde
In ihrem kurzen Leben müssen die erwachsenen Dörrobstmotten nicht viel mehr vollbringen, als sich erfolgreich fortzupflanzen.

Ihr Leben folgt, wie das vieler anderer Insekten auch, einem einfachen Muster: Schlüpfen – Paarung – Eiablage – Sterben. Eine erwachsene Dörrobstmotte lebt geschlagene acht bis vierzehn Tage. In ihrem knappen Leben muss sie nicht viel mehr vollbringen, als sich erfolgreich fortzupflanzen. Obwohl sie einen Saugrüssel besitzt, hat das Fressen für sie keine Priorität.

Die Larven dagegen leben ein Leben im Überfluss. Das Mottenweibchen legt bis zu 400 kleine Eier direkt an oder auf einem Futtersubstrat ab. Dieses kann von Getreideprodukten über Schokolade bis hin zu Pfefferkörnern reichen – die Larven haben kaum Ansprüche an ihre Nahrung. Je nach Umgebungstemperatur schlüpfen die kleinen Maden nach drei bis acht Tagen und fangen kurz darauf an, Gespinste zu spinnen, die sich durch das ganze Futter ziehen können. Üblicherweise sind die Larven weisslich gefärbt, können aber auch pink, braun oder grünlich schimmern. Je nachdem, was sie vorher verspeist haben.

Um sich wie alle Schmetterlinge zu verpuppen, verlassen die Larven ihr Futter und spinnen sich abseits davon in Rillen oder Zimmerecken einen Kokon. Bei ihren Wanderungen können sie im Verhältnis zu ihrer Körpergrösse weite Strecken zurücklegen.

Dies bewerkstelligen sie dank ihrer drei Beinpaare und ihren zusätzlichen Abdominalfüssen, stummelförmigen Extremitäten auf der Unterseite des Körpers. Je wärmer es ist, umso schneller entwickeln sich die Tiere und haben ihre komplette Entwicklung bei idealen Temperaturbedingungen nach sechs bis acht Wochen abgeschlossen. In einer beheizten Wohnung können sich vier bis sechs Mottengenerationen pro Jahr entwickeln.

Der Lebenszyklus einer Mottenkolonie beginnt dort, wo Futter einfach zugänglich ist. Eier und Larven werden meist durch befallene Produkte aus dem Supermarkt in Küchen eingeschleppt, können während der warmen Jahreszeiten aber auch durch geöffnete Fenster eindringen. In Vorratsschränken finden sie ideale Bedingungen.

Wie die Dörrobstmotte vom Freund zum Feind wurde
Die Maden sind bei ihrem Futter nicht wählerisch und mögen das, was der Mensch auch gerne isst.

Plastikfressende Nützlinge

Da die Lebensmittel durch die Verunreinigung mit Gespinsten, Kot und Larvenhäuten ungeniessbar werden, wird die Dörrobstmotte allgemeinhin als Schädling bezeichnet. Dass sie den Planeten aber schon lange vor dem Menschen besiedelt hat und dadurch nicht als natürlicher Gegenspieler zum Menschen entstanden ist, erklärt Jürg Sommerhalder, Vorstandsmitglied der Entomologischen Gesellschaft Zürich.

«Vielmehr bevorzugt die Art zufällig ähnliche Nahrungsmittel wie wir: Verdorrte Früchte mögen sie, aber auch trockene Kräuter, Nüsse und Samen von Gräsern und dergleichen.» Aus biologischer Sicht gehört die Dörrobstmotte zur «Gesundheitspolizei» und hilft in freier Natur als Nützling dabei, organische Abfälle abzubauen. «Wir machen es dem Falter bloss – sowie zahlreichen anderen Arten, die wir als Schädlinge zu bezeichnen belieben – extrem einfach, an Nahrung zu gelangen», berichtet der Entomologe weiter.

Ein weiterer Aspekt, der die Dörrobstmotte zu einem Freund und Helfer des Menschen machen könnte, ist der, dass die Larven Plastik fressen. Im Jahr 2014 bemerkte ein chinesischer Forscher, dass sich Maden durch Hirseverpackungen aus Polyethylen in seinem Vorratsschrank hindurchfrassen.

Polyethylen ist der am meisten verwendete Kunststoff der Welt und ist, wenn er in die Natur gelangt, kaum abbaubar. Herr Yang und sein Team extrahierten daraufhin Mikroben aus dem Darm der Larven und inkubierten die gefundenen Bakterien auf dem umweltschädlichen Kunststoff. Und tatsächlich, nach 60 Tagen waren zehn Prozent des Kunststoffes von den Mikroorganismen zersetzt worden.

Wie die plastikfressenden und abfallvernichtenden Maden zeigen, ist die Kategorisierung in Schädling und Nützling nicht immer so eindeutig. Klar ist, dass die Dörrobstmotte ein Überlebenskünstler mit spannenden Fähigkeiten ist.

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