Rot, getigert, blau, samten, gepunktet, die Schwanzfarben von Guppy-Männchen faszinieren. Kein Wunder, dass der Guppy zu den beliebtesten Aquarienfischen zählt. Er sei ein Anfängerfisch, steht in aquaristischer Fachliteratur. Wer aber Hochzuchtguppys aus der Zoohandlung erwirbt, kann sich meist nicht lange an ihnen erfreuen. Nach wenigen Monaten sind sie verstorben.
«Warum gelingt es nicht, den Guppy wieder so hinzubekommen, dass er robust ist?», fragte sich vor wenigen Jahren Monika Thommen aus Dulliken (SO). Die Aquarianerin diskutierte mit Kollegen im In- und Ausland – und wurde initiativ. Das Resultat: Ein Keller mit über 100 Aquarien, in denen es blubbert, spritzt und funkelt. «Ich sagte meinem Mann, dass ich diese beiden Räume nun einfach annektiere», sagt die Mutter einer Tochter und dreier Söhne schmunzelnd. Monika Thommen hält und züchtet zwischen 30 und 40 Zuchtformen desGuppys. Die Pflegefachfrau, die teilzeitlich in derDauernachtwache arbeitet, sagt lachend: «Ich stehe auf 0815-Fische, aber in Sonderausgaben.» Tatsächlich galt der Guppy lange als einfacher Aquarienfisch. Dieser Familienangehörige der lebendgebärenden Zahnkarpfen wurde um 1908 erstmals aus seinem Ursprungs-gebiet, den Süssgewässern der Karibik und dem angrenzenden Venezuela, als Aquarienfisch exportiert. Rasch pflanzte sich die Art in europäischen Aquarien fort. Hartes ungeheiztes Wasser mit einer Temperatur ab 19 °C war für die Art kein Problem. Bald entstand der Übername «Millionenfisch», weil sich die Art so rasch vermehrte.

Grosse Spannbreite an Wasserwerten
Es dauerte nicht lange, bis Aquarianer durch selektive Zucht die farbigen und verlängerten aber doch noch kurzen Schwanzflossen vergrösserten. So entstanden die heiklen Pracht-Guppys. Die Fische im heutigen Zoohandel stammen meist aus professionellen Zuchtanlagen Osteuropas, Israels oder Südostasiens.
Auch Monika Thommen importiert mit ihren Zuchtkollegen Spezialformen. «Wir arbeiten mit einem Züchter in Vietnam zusammen», erklärt sie. Wenn sie bestimmte Formen in Zoohandlungen sehe, erwerbe sie aber auch dort Fische und versuche, sie in ihrer Zucht zu etablieren und zu stabilisieren. Solche Guppys seien oft anfällig gegenüber Bakterienerkrankungen. Aufgrund spezieller Farben sei zudem die Genetik eng.
Nach einer Neuanschaffung beobachtet Monika Thommen die Neuankömmlinge intensiv. «Manchmal salze ich das Wasser etwas auf, das hilft», sagt sie. Sie verwendet für ihre Aquarien Osmosewasser, welches sie nachträglich mineralisiert. Guppys stammen aus Gebieten mit teilweise leicht alkalischem Wasser. «Der Guppy verträgt eine enorme Spannbreite an Wasserwerten», sagt die Aquarianerin. Sie sei mit Leitungswasser vorsichtig, weil sie den alten Leitungen im Haus nicht traue. Das Wasser könnte sich mit Schwermetallen anreichern.
«Durch Inzucht sind gewisse Zuchtformen sensibler geworden.» Sie kreuze deshalb ihre erworbenen Fische mit solchen anderer Stämme. «Ich selektioniere die Tiere auch dafür, dass sie ihre Schwänze gut tragen können. Ein weiteres Selektionskriterium könne sein, dass Guppys ihren Jungen nicht nachstellen. ‹Beigewissen Zuchtformen ist dies weitgehend gelungen›, stellt Monika Thommen zufrieden fest.
Ein idealer Zuchtstamm besteht bei ihr aus zwei Männchen und sechs Weibchen. «Hochzuchtguppy-Weibchen haben nicht so viele Junge, kaum mehr als zwölf und in unregelmässigen Abständen», merkt die Spezialistin an. Sie können aber einmal monatlich gebären. Doch so einfach ist es nicht immer. Die Aquarianerin erklärt: «Manche Formen züchte ich nur draus-sen erfolgreich.» Im Garten ihres Einfamilienhauses stellt sie ab Mai Plastikkisten auf. «Die direkte Einstrahlung der Sonne wirkt Wunder.» In den Boxen wuchern Wasserpflanzen und Algen. In Verbindung mit denultravioletten Strahlen löst der Aufenthalt draussen eine erhöhte Zuchtbereitschaft aus. «Ich muss die Bassins aber mit einem feinmaschigen Netz abdecken, damit Libellen ihre Eier nicht legen können. Ihre Larven machen sich sonst über die Jungfische her.»
Guppy-Weibchen können Spermien während längerer Zeit einlagern. Auch wenn sie mit einem anderen Männchen zusammen sind, stammen die nächsten stecknadelgrossen Jungfische womöglich immer noch von vorangehenden Partnern. Es ist ein langer Prozess, bis Hochzuchtguppys in resistenten Stämmen aufgebaut und eingewöhnt sind. Nachzuchten gibt Thommen an Börsen ab. Klar, dass sie teurer sind als Normal-Guppys. Ein bis drei Jahre leben ihre Guppys. Aber in dieser Zeit haben sie sich vielfach vermehrt.

Faszinierende Passion
Monika Thommen betreibt jedes ihrer über 100 Becken mit eigenem System. Mit Lufthebern wird das Wasser gefiltert. Die meisten der Aquarien sind eingerichtet mit Bodengrund, Pflanzen, Wurzeln und Steinen. Ein natürliches Aquarienmilieu, mit dem die Fische von Anfang an klarkommen müssen. In kommerziellenBetrieben werden sie meist in nackten Becken aufgezogen. Thommens Zuchtformen haben schillernde Namen wie Red Mosaik, Lavender Mosaik, SunsetFlame, Red Grass, Blue Grass. «Hier, diese Guppys tragen das Ribbon-Gen.» Monika Thommen zeigt aufFische mit verlängerten Flossen und weist auf die Halfmoon-Formen mit Flossen wie Halbmonden hin. «Oh, hier hat es Babys gegeben!», ruft die Fischzüchterin begeistert, als sie ihre Aquarienreihen, die vom Boden bis zur Decke reichen, abgeht und kontrolliert. Sie gibt als Nahrung Artemia-Nauplien ins Wasser. Auch trockene Artemia-Eier und Flockenfutter gehören zum Ernährungsplan ihrer Lieblinge. Sie füttert mehrmals täglich kleine Portionen. Monika Thommen istCo-Präsidentin des Aquarienvereins Danio in Rümlang im Kanton Zürich. «Mir gefällt in der Aquaristik, dass jeder jedem hilft», sagt sie, taucht einen Schlauch in ein Becken und macht einen Wasserwechsel.
Guppys halten
Der Guppy ist ein friedlicher Fisch, der auch im Gesellschaftsaquarium gepflegt werden kann und Schweizer Leitungswasser gut verträgt. Wasserpflanzendickichte, die bis zur Oberfläche reichen, sind wichtig, damit sich die Jungen verstecken können. Guppys fressen Flockenfutter und Gefrierfutter aus dem Zoohandel.

