In der Stadt Zürich sind rund 40 Prozent der Fläche zubetoniert und in der Stadt Basel gar erschreckende 60 Prozent. Ein Frauenquartett aus Zürich hat sich aufgemacht, diesen beton-brutalistischen Zahlen etwas entgegenzusetzen. «Wir wollen weg von der grauen Eintönigkeit, hin zu grün-blauen Inseln», sagt Naturvermittlerin Barbara Gollwitzer. Sie ist einer der vier engagierten Köpfe, die hinter dem Projekt mit dem schlagkräftigen Namen «Die Asphaltknackerinnen» stecken. Die beiden Gründerinnen Bettina Walch und Isabella Sedivy lernten sich 2018 beim Biodiversitätsprojekt Mission B vom Schweizer Radio und Fernsehen SRF kennen. Rund eineinhalb Jahre durften die beiden SRF-Mitarbeiterinnen in diesem Rahmen über multimediale Beiträge die Zusammenhänge der Natur aufzeigen und sich so dafür stark machen, dass Tieren und Pflanzen wieder mehr Raum gelassen wird. Als die Mission B nach deren Abschluss bei SRF dann an einen Verein überging, war für die beiden Frauen klar: Wir wollen uns weiterhin für die Vermittlung ökologischer Themen einsetzen. Sie gründeten die Umweltkommunikationsagentur Plan Biodivers.
Als ein Facebook-Beitrag, den Isabella Sedivy über klimaangepasste Parkplätze für den Kanton Aargau verfasst hatte, regelrecht durch die Decke ging und gleichzeitig auch die Stadt Zürich gemeinsam mit der Zürcher Kantonalbank einen Projektwettbewerb im Umweltbereich ausschrieb, war die Idee mit den Asphaltknackerinnen geboren. Und siehe da, die Initiative, möglichst viel asphaltierte Fläche im Raum Zürich zu entsiegeln, knackte auch den Code der Jury. «Mit den zugesprochenen knapp 70 000 Franken wollten wir mit den Asphaltknackerinnen bis 2023 einige Entsiegelungsprojekte initiieren und begleiten. Als das Ganze ins Rollen kam, war für uns aber klar, dass nach einem Jahr nicht Schluss sein konnte mit unserem Engagement», so Bettina Walch. Sobald die ehemalige SRF-Kaderfrau über ihr Projekt zu sprechen beginnt, wird klar: Hier brennt ein Feuer, das heisser glüht als Asphalt, wenn er zu Strassenbelag ausgewalzt wird.

Das Anliegen besteht darin, möglichst viele Naturinseln innerhalb der Stadt Zürich zu schaffen. Lange seien Städte ausschliesslich für das Auto gedacht worden, klagt Walch. «Wir finden, es ist nun an der Zeit, den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum zu rücken.» Was würde sich aus dieser Sicht besser zur Asphaltbefreiung anbieten als – und hier sind sie wieder – Parkplätze? «Wenn wir mit dem Presslufthammer anrücken, bedeutet dies allerdings nicht, dass Parkmöglichkeiten verschwinden», erklärt Barbara Gollwitzer. Der Asphaltbelag wird entfernt und mit Kies oder Rasengittersteinen ersetzt. So haben Pflanzen die Möglichkeit, auf der Fläche zu wachsen, und das Wasser kann versickern.
Ein jüngst umgesetztes Beispiel einer solchen Parkplatzrenaturierung liegt in einem Innenhof an der Stampfenbachstrasse. Hier wurden Parkplätze sickerfähig gemacht und begrünt. Treibende Kraft war ein Mieter. Ein Baum, neue Sträucher und eine Fassadenbegrünung werden diese einstige Hitzeinsel in eine grüne Oase verwandeln. «Wichtig ist jeweils, einheimische Pflanzen zu setzen, die auch Nahrung für Insekten bieten», sagt Barbara Gollwitzer und fügt an: «Dabei sollten auch Versteckmöglichkeiten, etwa in Form von Totholzhaufen, nicht fehlen, damit Kleinlebewesen oder vielleicht sogar ein Igel Unterschlupf finden.» So tragen diese Inseln dazu bei, die Biodiversität und die Artenvielfalt im städtischen Gebiet zu erhöhen. Immer mehr solche Orte verweben sich schliesslich zu einem grünen Netz, das sich über die Stadt legt. Der aufgebrochene Boden erhitzt sich lange nicht so stark wie Asphalt und vermag das Regenwasser zu speichern, womit gegen den bereits fortgeschrittenen Temperaturanstieg angekämpft werden kann. «Solche grüne Oasen bieten nicht nur Pflanzen und Tieren Lebensraum, sondern erhöhen auch die Lebensqualität von uns Menschen», wirft Barbara Gollwitzer ein. Auch wenn noch einigen Stadtbewohnerinnen das wildwuchernde Grün als unordentliches Unkraut erscheinen mag. «Ästhetik liegt nun mal im Auge des Betrachters und unsere Augen waren jahrzehntelang an adrett in Form gestutzte Hecken und in Reihen gepflanzte exotische Blumen gewohnt», sind sich die Initiantinnen grün.
«Wichtig sind heimische Pflanzen, die Nahrung für Insekten bieten.»
Für Barbara Gollwitzer sind die Totholzhaufen, Wildblumenweisen, Wildstauden und Sandflächen aber eine Augenweide. Seit 20 Jahren lebe sie nun im Zürcher Kreis 5. Vergangenen Sommer sei aber erstmals eine wuchtige Holzbiene mit ihren blauschimmernden Flügeln bei ihr auf dem Balkon vorbeigebrummt. Und morgens wache sie neuerdings mit dem Gezwitscher der Distelfinken vor dem Fenster auf. «Zusammen mit den Igeln, die ich manchmal auf dem Nachhauseweg kreuze, sind dies für mich Hinweise, dass die neuen Naturflächen, die sowohl die Stadt als auch Private in den vergangenen Jahren im Kreis 5 geschaffen haben, Wirkung zeigen.

Initiative und kommunikative Macherinnen
Initiant der Parkplatzumwandlung ist Wolfgang Rossbauer, Architekt und Mieter, der die Hauseigentümer davon überzeugen konnte, die Asphaltknackerinnen auf den Plan zu rufen. «Wir werden vor allem für Private aktiv», so Bettina Walch. Aber auch für die SBB, eine Baugenossenschaft und im Namen einer Stiftung hätten sie schon den Presslufthammer ansetzen dürfen. «Schön ist, dass wir dabei Hand in Hand mit Grün Stadt Zürich arbeiten können – beide wollen wir mehr naturnahe Flächen im urbanen Raum», sagt die Kommunikationsfachfrau.
Bereits zehn Entsiegelungsprojekte konnten die Asphaltknackerinnen abschliessen. Besonders am Herzen liegt Barbara Gollwitzer ein Projekt in einer ABZ-Genossenschaftssiedlung ganz in der Nähe des Büros von Plan Biodivers. Hier hat der Bewirtschafter schon seit Jahren ein Biodiversitäts-Paradies geschaffen und mit den Asphaltknackerinnen noch den letzten Schandfleck, eine asphaltierte Zufahrtsstrasse, entsiegelt. Verschiedene Projekte stecken in der Pipeline, auch ein richtig grosses, das von einer namhaften Versicherung getragen wird.
Natürlich spielen die Auftrag- respektive Geldgeber eine wichtige Rolle für die Verwirklichung eines Entsiegelungsprojekts. Die treibende organisatorische und kommunikative Kraft dahinter sind aber jeweils die Asphaltknackerinnen. «Es benötigt jedoch noch weit mehr Involvierte, damit aus einer Idee eine Pflanzenfläche erblühen kann», so Barbara Gollwitzer. Auch wenn sie alle gerne selbst Hand anlegen, sei für den Aufbruch die professionelle Umsetzung durch eine Gartenbaufirma unerlässlich. Danach kommen Spezialisten für den Abtransport und die fachgerechte Entsorgung des Asphalts zum Zug. Die Gartenbaufirma setzt auch die von den Asphaltknackerinnen und den Auftraggebenden gemeinsam ausgearbeiteten Begrünungskonzepte um. Und auch der spätere Unterhalt der bepflanzten Fläche muss immer mitgedacht werden.
Ein enger Austausch und eine kooperative Zusammenarbeit sind bei so zahlreichen Involvierten unabdingbar. Während aufseiten der Umsetzung Männer die Überhand haben, besteht das Team der Asphaltknackerinnen ausschliesslich aus Frauen. Sie arbeite gerne in diesem Frauenteam, es sei zwar lässig, aber nicht Absicht, dass alles Frauen sind. Allerdings habe sich zu ihrem Bedauern tatsächlich noch nie ein Mann beworben, erzählt Bettina Walch und ergänzt: «Wieso dies eine so weibliche Thematik ist, kann ich mir nicht erklären.» Sie finde Heterogenität wichtig und freue sich, wenn auch einmal ein Asphaltknacker zum Team stosse, der mithilft, die Natur in den Fokus zu rücken.

Internationale Ziele erreichen
Und dieser Fokus ist nach wie vor zentral für die Zukunft: Nur so bestehe eine Chance, die internationalen Biodiversitätsziele, bei denen die Schweiz sträflich hinterherhinke, zu erreichen und Hitze- und Überschwemmungskatastrophen abzuwenden, sind sich die Frauen einig. In den Monaten Juni und Juli 2021 haben Überschwemmungen aufgrund des heftigen Regens Schäden in der Höhe von über 400 Millionen Franken verursacht. «Statt wie bis anhin weiterhin enorme Summen für den baulichen Überschwemmungsschutz auszugeben, müsste man vielleicht mehr mit der Natur statt gegen die Natur arbeiten», halten die engagierten Frauen fest. Dies gelingt, indem man aus Betonwüsten naturnah begrünte, sogenannte Schwammstädte erschafft. Mit ihren aufgebrochenen Inseln ebnen die Asphaltknackerinnen in Zürich den Weg zu mehr urbaner Natur.
Gegen die Stadt als Wärmeinsel
Noch bis Mitte September 2024 zeigt die Stadtgärtnerei Zürich die Ausstellung «Cool down Zurich – Wir kühlen die Stadt». Dort erfährt man, wie Pflanzen, Wasser, Schatten und helle Oberflächen für kühlere Temperaturen im Sommer sorgen können. Ein Schwammstadt-Modell zeigt, wie das Regenwasser zukünftig besser genutzt und Starkregen-Vorkommnisse besser abgeleitet werden können. Und es werden die Gründe für die Erwärmung erklärt. Mehr zur Ausstellung
Weitere Entsiegelungsprojekte
Im Norden von Lausanne entsiegeln die Bewohnerinnen des Vallon-Quartiers in Partnerschaft mit der Stadtverwaltung ihren zentral gelegenen Place de Vallon. Der Verein Association de Quartier du Vallon hat rund 250 Quadratmeter Asphalt entsiegelt und mit Wildblumen, Kleinstrukturen und Bäumen aufgewertet. So fördere man nicht nur die Biodiversität und eliminiere Hitzeinseln, sondern auch die soziale Interaktion werde angeregt. In Sion ist man mit dem Projekt Acclimatisation für die Förderung der Biodiversität und die Klimaanpassung aktiv. Hier engagiert sich die Stadt für die natürliche Umgestaltung von öffentlichen Orten, unterstützt Private in ihren Projekten und unternimmt viel für die Sensibilisierung von Klein und Gross. In Bern wurde 2021 das kollektive Kunstprojekt Entsiegeln.art durch Duscha Padrutt, Künstlerin und Koordinatorin des Vereins Netzwerk Quartierzeit und des Berner Wildpflanzen Märits initiiert. Es werden Modellflächen eingerichtet, Plätze umgestaltet und Sensibilisierungsprojekte durchgeführt. Vom Aargauer Naturama ausgehend sind die Asphaltknacker aktiv. Das Projekt begleitet interessierte Institutionen (Gemeinden, Kirchgemeinden, Genossenschaften, Schulen, Vereine etc.) bei Entsiegelungsmassnahmen ab einer Grösse von 60 m2 mit fachlicher Beratung. Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons Aargau beteiligt sich finanziell an der Umsetzung von zehn Flächen inklusive biodiversitätsfördernder Folgegestaltung.

