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Auf dem Wasserfallen-Hof oberhalb von Reigoldswil im Baselland

Die Bauernfamilie Räuftlin bewirtschaftet ein grosses Gut hoch im Jura. Zum Hof auf der Wasserfallen oberhalb von Reigoldswil (BL) gehören besondere Nutztiere. Die Jurawiesen bieten Lebensräume für seltene Pflanzen- und Tierarten.

Als Heinz Räuftlin als junger Mann seinem Vater auf dem Hof in Arboldswil (BL) beim Melken half, ahnte er nicht, dass er einmal 70 Hektaren Land und drei Höfe bewirtschaftenwürde.

Der 58-Jährige stapft einen steilen Hang empor. Auf der Weide unter ihm grasen seine Hinterwälder Rinder. Wenn die zierlichen, wohlproportionierten Kühe ihre Köpfe heben und wiederkäuen, sehen sie in die Ferne bis weit über die Grenze nach Deutschland. Heinz Räuftlin und sein Sohn Steven bewirtschaften den auf etwa 1000 Meter über Meer gelegenen Wasserfallenhof im Baselländer Jura. «Das hier ist die Kantonshecke», sagt der Bauer, während er auf dicht wucherndeHaselstauden, Schwarz-, Schlehdorn, Ahorn undVogelbeersträucher zeigt. Auch das dahinterliegende Land gehört zum Wasserfallenhof, obwohl es bereits im Kanton Solothurn liegt. Heinz Räuftlin ist Landwirt durch und durch. Der elterliche Hof war allerdings zu klein, um ihn vollzeitlich als Bauer bewirtschaften zu können. Er führte den Zehn-Hektaren-Betrieb inArboldswil in seiner Freizeit weiter und arbeitete zu 100 Prozent auswärts in einer Holzverarbeitungsfirma. Seinen Traum gab er nicht auf.

Vor 22 Jahren ergab sich die Gelegenheit, denWasserfallenhof im Juragebirge oberhalb von Reigoldswil zu pachten. Er gehört der Stiftung Wasserfallen, die von umliegenden Gemeinden getragen wird.Letztes Jahr erfolgte ein weiterer Schritt: Der innovative Landwirt erwarb den Hof March in Titterten (BL). Das Besondere dort: dem Bauernhof ist eine Sägerei angeschlossen. Während sein Sohn Steven auf derWasserfallen zu den Tieren schaut, wird der Hof March vom zweiten Sohn, dem Forstwart und LandwirtJeremy, bewirtschaftet. Alle drei Betriebe werden als Bio-Suisse-Knospe geführt.

Burenziegen sind Landschaftspfleger.
Burenziegen sind Landschaftspfleger.

Ideale Rinder für das Berggebiet

Während Steven die Kuh Kägi streichelt, trottet der Stier Köbi langsam heran. Martina, Gloria, Maja und Käthi zupfen Gras in der Nähe. Zum Wasserfallenhof gehören 45 Hektaren Land, die sich über Hügel ziehen und meist steil abfallen. «Die 25 Hinterwälder Rinder eignen sich bestens für dieses Gelände», erklärt Heinz Räuftlin. Sie begnügten sich auch mit abständigem Gras. Der Landwirt streicht weitere Vorteile der Rasse heraus: «Das im Vergleich zu anderen Kühen leichte Gewicht und die grossen Klauen bewirken, dass es kaum Trittschäden gibt.» Die 25 Tiere leben von Frühling bis Herbst draussen, die Kälber werden von ihren Müttern gesäugt. Auf seinem Hof in Arboldswil hält Heinz Räuftlin weitere 18 Tiere dieser alten Rasse, die fast ausgestorben wäre. Weiter züchten er und seine Söhne Galloway-Rinder; ein Teil davon weidet auch auf der Wasserfallen. Sie sind als Punkte am anderen Hang zu sehen, so weit weg sind sie. Der grössere Teil der Galloways wird auf dem neu hinzugekauften Hof March in Titterten gehalten, auch hier in Mutterkuh-Haltung und zur Fleischgewinnung.

Hinterwälder Rinder eignen sich hervorragend für Berggebiete.
Hinterwälder Rinder eignen sich hervorragend für Berggebiete.

Der vielseitige Bauer stapft nun durch ein Föhrenwäldchen zur Krete. «Das ist mein Lieblingsort, kanadisches Flair im Baselland», findet er, bleibt stehen und pfeift. Unvermittelt schiessen auf der anderen Seite wollige Köpfe in die Höhe und blicken gebannt zu ihm hin. 13 Lamas trippeln an den Jurahängen als wären sie in den Anden Südamerikas. «Mit sieben Tieren führen wir Trekkings durch», erklärt Heinz Räuftlin. Es brauche ein Jahr, bis ein Lama dazu ausgebildet sei.

«Ohne meine Frau könnten wir das alles nichtmachen» räumt Heinz Räuftlin unumwunden ein. Sie organisiert die Trekkings, die von Montag bis Samstag möglich sind und ist jeweils immer dabei. Sie ist die Drehscheibe der Betriebe, kümmert sich um die Direktvermarktung der Produkte und um die Administration. Zur Familie gehört auch die Tochter Victoria. Sie ist beruflich als Fachfrau Gesundheit tätig und hilftadministrativ.

Familie Räuftlin betreut weitere Tiere, zum Beispiel 150 Spiegel- und Charollais-Schafe. «Sie verbringen den Sommer auf einer Alp im Simmental», sagt Heinz Räuftlin. Die Tiere werden dort nicht nur von einer Älplerin betreut, sondern auch von Pyrenäen-Herdenschutzhunden bewacht. Heinz Räuftlin hat total fünf solcher Hunde, die er entsprechend ausbildet. Wie die Kühe, züchtet er auch die Schafe des Fleisches wegen.

Heinz und Steven Räuftlin bewirtschaften den Wasserfallenhof im Baselländer Jura.
Heinz und Steven Räuftlin bewirtschaften den Wasserfallenhof im Baselländer Jura.

Artenvielfalt dank Landwirtschaft

Unvermitteltes Rascheln von Blättern und Meckern verraten die Burenziegen. «Das sind unsere Helfer bei der Landschaftspflege», sagt Heinz Räuftlin. Das Gebiet Wasserfallen sieht malerisch aus: Weiden mit Gewächsinseln, der lichte Föhrenwald, dichte Hecken zwischen Feldern, Karstfelsen, abgestufte Waldsäume, sumpfige Zonen, ein Quellgebiet, ein Teich. So unterschiedliche Lebensräume führen zu grosser Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren. Dies kommt nicht von ungefähr.Familie Räuftlin pflegt die Hecken, hält die Weiden offen, sorgt aber auch dafür, dass mitten drin alskleine Inseln Sträucher und Bäume gedeihen, stuft die Waldränder ab. «Im Winter schneiden wir Heckenzurück, schlagen Holz im Wald und entfernen Jungwuchs aus den Weiden», sagt Heinz Räuftlin. So wie Räuftlins Landwirtschaft betreiben, führt dies zu mehr Artenvielfalt. Würde auf der Wasserfallen nichtsgemacht, würden Arten aussterben. Ein gutes Beispiel ist der Neuntöter, der entlang der Hecken und in den Gewächsinseln beobachtet werden kann. Eine weitere prioritäre Art ist der Baumpieper. Der Bodenbrüter ist in der Schweiz sehr gefährdet. Auf der Wasserfallen kann er seine Brut aber aufbringen, da die Wiesen spät gemäht werden. Glockenblumen, Gelbe Enziane,Scheiden-Kronwicken und Orchideenarten sind nur einige der besonderen Pflanzenarten auf den Weiden oberhalb von Reigoldswil.

Die Vielzahl an Gräsern führt zu qualitativ gutem Heu. Alle Nutztiere leben nämlich ganzjährig auf der Wasserfallen. «Wir füttern sie durch den Winter ausschliesslich mit eigenem Heu», sagt Heinz Räuftlin. Das Tenn ist im September gefüllt mit Rundballen voller duftendem Bergheu. Heinz oder Steven Räuftlin mähen das Gras mit einem Einachsmäher. Neben den gestapelten Heurundballen steht das landwirtschaftliche Gerät Twister. Damit werde das geschnittene Grasgewendet, erklärt Heinz Räuftlin. Ausserhalb des Stalls liegen zahlreiche Siloballen. Über Heu im Winter freuen sich auch die fünf Pensions-Pferde. «Sie verbringen hier ihren Lebensabend», sagt Heinz Räuftlin.

Auf dem Wasserfallen-Hof oberhalb von Reigoldswil im Baselland
Der Deutsche Enzian blüht in den Weiden der Hinterwälder Rinder und Lamas auf der Wasserfallen.

Unterhalb des Tenns befinden sich die Stallungen für alle Tiere. Hier leben sie über die Wintermonate. Alle haben Zugang zu Aussenbereichen. Die Tiere haben ihre Unterkunft, doch ein Wohnhaus für den Landwirt fehlt. Steven Räuftlin logiert deshalb in einer Wohnung des nahen Restaurants. Heinz und Karin Räuftlin leben auf ihrem Hof in Arboldswil.

Die Wasserfallen ist ein reizvolles Wandergebiet. «Wir freuen uns, wenn sich Leute für unsere Arbeit interessieren und wenn sie schätzen, was wir hier oben machen», sagt Heinz Räuftlin. Vom Wald her schleichen Wolken durch die Kronenschicht der Bäume, in der Ferne fallen Sonnenstrahlen auf die Region Basel. Heinz und Steven Räuftlin behalten die Übersicht.

Ausflugsziel

Auf die Wasserfallen führt von Reigoldswil eine Gondelbahn (Fahrt retour Fr. 26.–, GA und Halbtax nicht gültig). Betriebszeiten: April bis Oktober von 9:00 bis 17:30 Uhr, November bis März von 10:00 bis 16:30 Uhr. Zur Talstation der Gondelbahn gelangt man von Liestal aus per Bus Nr. 70 oder 71, bis Reigoldswil Dorfplatz, dann etwa zehn Minuten zu Fuss. Von der Bergstation führt ein Fussweg in knapp30 Minuten am Wasserfallenhof vorbei auf die Hintere Egg, den mit 1169 Meter über Meer höchsten Punkt des Kantons Baselland.

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