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Die Haltung und Zucht von Gottesanbeterinnen

Michael Casutt hält und züchtet eine Vielzahl verschiedener Arten von tropischen Gottesanbeterinnen. In zahlreichen Terrarien lauern die bizarren Insekten auf Nahrung. Ein Besuch beim Spezialisten.

Sie schaut immer zu. Wenn Michael Casutt,seine Frau Carina und die beiden kleinen Töchter Chiara und Maila auf dem Kanapee fläzen, werden sie beobachtet – von einer grünen Gottesanbeterin der Art Sphodromantis lineola, die frei auf einem Strauch im Wohnzimmer lauert. Das afrikanischeInsekt gehe nie von seiner Pflanze weg. «Es ist ein Weibchen und kann nicht fliegen», merkt der 36-Jährige an.

Im Leben der Familie Casutt aus Mollis (GL) spielen Fangschrecken seit rund zwei Jahren eine zentrale Rolle. Das wird beim Eintritt in ihre Wohnung sofort klar. Im grosszügigen Wohnzimmer stehen an den Wänden rund 24 Terrarien, alle beleuchtet und eingerichtet mit Substrat, Zweigen und weiteren Dekorationsgegenständen, zusätzlich unzählige Becher und Behälter. Im Zentrum liegt der Arbeitstisch Michael Casutts. An einem Sonntagmorgen im Juni bahnt sich darauf eine Paarung von Rhombodera kirbyi an – und der Mantidenexperte wacht darüber, dass kein Drama daraus wird.

Michael Casutt vor seiner Zucht-anlage für Mantiden-Arten.
Michael Casutt vor seiner Zuchtanlage für Mantiden-Arten.

Michael Casutt kommentiert, während er mit einer Pinzette eine zappelnde Schokoschabe reicht: «Die grössere Fangschrecke ist das Weibchen.» Sekundenschnell schnappt die Lauerjägerin mit den Fangarmen zu und beginnt sofort damit, die zappelnde Schabe aufzufressen. Währenddessen erklärt der Züchter die Situation: «Das Weibchen verströmt Duftstoffe. Mit seinen abwärts gerichteten Fühlern zeigt das kleinere Männchen sein Interesse an, doch es zögert.» Es wisse genau warum. «Erwischt er den falschen Zeitpunkt, schnappt sie zu – und verspeist ihn Stück für Stück», sagt Michael Casutt. Der Paarung tue dies keinenAbbruch, doch er möchte das Männchen nicht verlieren. Das Prozedere könne sich über Stunden ziehen. Das Weibchen schaukelt mit dem Kopf und frisst, das Männchen verharrt am Fleck, nur die Fühler zittern leicht.

Bei Gottesanbeterinnen läuft sehr viel über das Visuelle. «Sie sehen auf fünf Meter sehr genau», betontMichael Casutt. Zudem nähmen sie Pheromone wahr. «Deshalb halte ich Männchen nicht neben den Weibchen. Sind weibliche Duftstoffe dauernd vorhanden, verliert das Männchen das Interesse.»

Gottesanbeterin
Gottesanbeterinnen sind bizarr aussehende Insekten.

Grosse Artenvielfalt, wenig Literatur

Er verpaare die Insekten stets ausserhalb des Terrariums, sagt Michael Casutt. «Das Männchen hat so eine Chance, zu entkommen.» Nur Männchen könnenfliegen. Eine durchaus nützliche Eigenschaft.

Michael Casutt interessiert sich generell für Insekten und züchtete lange Gespenstschrecken. Diese Pflanzenfresser werden von Gottesanbeterinnen überwältigt. Mantidenarten sind unterschiedlich gross und erbeuten alles, was sich bewegt und kleiner ist als sie – auch Mäuse und kleine Vögel. Gottesanbeterinnen ihrerseits werden etwa von grösseren Vögeln aufgepickt oder von Kleinsäugern verspeist.

Die Haltung und Zucht von Gottesanbeterinnen
Hierodula timorensis in einem Terrarium bei Michael Casutt.

Das meiste, was er über Gottesanbeterinnen wisse, habe er über Gleichgesinnte erfahren, sagt Michael Casutt. «Das Interesse an diesen Insekten nimmt zu. Das zeigt sich auch an der TerraExpo im aargauischen Spreitenbach.» Michael und Carina Casutt sind dort immer mit einem Stand vertreten. «Ohne meine Frau könnte ich die Passion nicht in diesem Ausmass betreiben», merkt der Mantiden-Spezialist an, der im Aussendienst arbeitet. «Mich reizt das Unbekannte», sagt er. Über die 2400 Arten von Gottesanbeterinnen, die weltweit in gemässigten und tropischen Zonen leben, gibt es nur spärlich Literatur. Es würden immer noch neue Arten entdeckt, weiss Michael Casutt. Er pröbeltgerade, ob sich eine Gruppe von Idolomantis diabolica untereinander verträgt. «Bis jetzt ist es gut gegangen.» Die Tiere aus Ostafrika sehen aus wie Blumen oder vertrocknete Blätter. Ganz anders sieht die Wandelnde Geige aus Südostasien aus. Das Insekt hängt mit Spreizbeinen an der Decke seines Terrariums, der Kopf sieht aus, als wäre er mit einem Helm besetzt. In den Terrarien der Familie Casutt lauern über 30 Arten auf Nahrung. Fruchtfliegen, und Schokoschaben landen in den Fängen. Die grossen Fangschrecken füttert der Insektenkenner von Hand, das heisst, er hält ihnen zwei Mal pro Woche mit der Pinzette ein Insekt hin. Junge erhaschen Fruchtfliegen, die in ihrem Behälter krabbeln. Feuchtigkeit nehmen die Fangschrecken über Nahrung oder Tropfen auf Blättern auf. Derweil bahnt sich auf dem Tisch eine brenzlige Situation an. Das Weibchen von Rhombodera kirbyi hat die Schabe verschlungen und richtet den Kopf in Richtung des Partners. DieGottesanbeterin kann ihren Kopf über einen grossen Winkel drehen. Es ist, als hänge er an einem Faden. Ob das Männchen etwas ahnt? Es klammert sich immer noch regungslos an den Ast, die Fühler nach unten. Sicherheitshalber versorgt Michael Casutt die Dame nochmals mit einer Schabe.

Die gleiche Art in Drohgebärde.
Idolomantis diabolica aus Ostafrika.

Häutungen sind anspruchsvoll

Danach nimmt er aus dem Gestell unterhalb derTerrarien einen Plastikbecher und zeigt ein Gebilde, das wie gehärteter Schaumstoff aussieht. Er erläutert: «Nach der Paarung bildet das Weibchen das Gelege.» Es dauere 24 Stunden, bis es verhärte. Der Mantiden-Züchter klebt es anschliessend mit leicht warmem Heisskleber an einen kleinen Zweig und befestigt ihn in einem Plastikbecher, dessen Lüftungslöcher oben und seitlich mit Gaze überzogen sind. Nach etwa acht Wochen schlüpfen die Jungen. Sie sehen aus wie Zweiglein. So zum Beispiel die Jungen von Sphodromantis lineola, die in einem luftigen Schmetterlingshaus leben.

Die Jungen von Tarachodula pantherina hingegen krabbeln in einem Terrarium. Es handelt sich um eineseltene Art aus Äthiopien. Er müsse sie spätestens nach drei Häutungen trennen, sagt Casutt. «Manchmalkannibalisieren sie sich schon früher.» Ein abgebissenes Bein ist aber nicht so dramatisch bei jungen Gottes-anbeterinnen. Es wächst wieder nach.

Vorsicht ist besser, sagt sich Michael Casutt undsepariert die Jungen frühzeitig. Er setzt sie einzeln in einen Plastikbecher, dann in einen runden Behälter und schliesslich in ein Terrarium.

Die Haltung und Zucht von Gottesanbeterinnen
Ein Terrarium von 30 x 30 x 40 Zentimeter eignet sich für die Haltung einer Gottesanbeterin.

Mantiden fahren sprichwörtlich aus ihrer Haut. Die Anzahl Häutungen ist je nach Art und Geschlechtunterschiedlich und hat mit dem Wachstum zu tun. Sie hat ihre Tücken. Michael Casutt erzählt: «Die Gottesanbeterinnen müssen Raum unter dem Ast haben,damit sie sich frei hängend aus der Haut befreienkönnen.» Stiessen sie irgendwo an, entstünden Schäden oder Fehlhäutungen am Tier.

Auf dem Tisch stagniert die Situation bei den beiden Rhombodera kirbyi. Die zweite Schabe ist gefressen, der Bauch des Weibchens wölbt sich, schwarze Streifen kommen zum Vorschein, eine weitere Schabeverschmäht es. Die Begattung wird erst am späteren Nachmittag stattfinden.

Die Haltung und Zucht von Gottesanbeterinnen
Parasphendale kuhlii asiatica.

Die Haltung von Mantiden

Andere Bezeichnungen für Gottesanbeterinnen sind Mantis oder Fangschrecken. Michael Casutt empfhiehlt ein Terrarium von 30 x 30 x 40 Zentimeter mit Lüftungsschlitzen unten und oben und einer dimmbaren Beleuchtung, um die Temperatur zu regeln. Viele Arten benötigen zwischen 25 und 28 °C und eine Luftfeuchtigkeit von etwa 60 bis 80 Prozent. Einrichtungsgegenstände wie Hölzer und Zweige werden gewässert und anschliessend im Backofen bei 100 °C Hitze keimfrei gemacht oder im Zoofachhandel erworben. Sphodromantis lineola ist eine der wenigen Arten für die Freihaltung. Michael Castutt empfiehlt generell die Terrarienhaltung, da dort Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert werden können. Die Tiere werden etwa eineinhalb Jahre alt.

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