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Ein Tieraktivist kämpft für Tierrechte

Als Soya the Cow setzt sich Daniel Hellmann für die Rechte und das Wohl von Tieren ein. Mit seiner Kunstfigur der lebensfreudigen, feministischen und veganen Drag-Kuh gelingt es dem Zürcher, ein breiteres Publikum für seine Anliegen zu erreichen.

Es war ein Auftritt, der in Erinnerung bleibt. Als Daniel Hellmann aka Soya the Cow die Bühne der Castingshow «The Voice of Germany» betritt, geht ein Raunen durchs Publikum. Und vermutlich staunen in diesem Moment auch zahlreiche der über zwei Millionen Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer: Was sie zu sehen bekommen, ist nicht irgendein Sänger, sondern einer mit auffälligem Kuhkostüm samt imposant behörnter Kopfbedeckung. Als der Schweizer dazu noch den a-ha-Klassiker «Take On Me» neu interpretiert, reisst es seine Audienz von den Sitzen. Nur die vierköpfige Promi-Jury, die beim Auftritt keinen Blickkontakt zu ihm hat, überzeugt Soya trotz klassischer Gesangsausbildung nicht. Umso mehr berührt er sie wenig später mit seiner eindringlichen Botschaft: «Die Welt braucht mehr Schutz für Tiere. Nicht nur für niedliche Hunde und Katzen, sondern auch für sogenannte Nutztiere.» Unter tosendem Applaus verabschiedet sich die Drag-Kuh.

Schon seit Kind ein grosser Tierfreund

Ein gutes halbes Jahr danach geht es beim Treffen mit der «TierWelt» im Frühjahr 2020 deutlich ruhiger zu. Die Szenebar im Zentrum von Zürich ist am Nachmittag spärlich gefüllt. Mit den immer noch präsenten Bildern im Kopf von Soya bei «The Voice» ist es trotzdem nicht einfach, Daniel Hellmann ausfindig zu machen. Ungeschminkt und ohne Hörner ist er fast nicht wiederzuerkennen.

Stattdessen steht der fast 1,90 Meter grosse Mann beinahe schüchtern auf der Terrasse der Bar. Die Ausstrahlung und das Feuer in seinen Augen sind jedoch gleichgeblieben, vor allem wenn es um Tiere geht, von denen zahlreiche als Tattoo seine Haut zieren. «Obwohl ich damals kein Haustier hatte, war ich schon als Kind ein grosser Tierfreund, und zwar von allen Tieren», erinnert sich der 36-Jährige, der sich bereits als Teenager entschied, Vegetarier zu werden, und seit 2016 vegan lebt.

«Die Welt braucht mehr Schutz für Tiere. Nicht nur für niedliche Hunde und Katzen, sondern auch für sogenannte Nutztiere.»

Eine Frage wühlt ihn deshalb besonders auf: «Warum haben einige Tiere das Recht zu leben und andere nicht?» Er spielt auf die Doppelmoral an, manche Haustiere zu verwöhnen, gleichzeitig aber Rinder, Schweine und Hühner auszunutzen und zu schlachten.

Soya spricht schwere Themen leicht an

Dieser Widerspruch ist auch der Grund, warum sich Hellmann bei seiner Kunstfigur Soya für eine Kuh entschieden hat, ein Tier, das in erster Linie gehalten und gezüchtet wird, um getötet als Produkt konsumiert zu werden. «Ich wollte mich immer gesellschaftlich engagieren», sagt Hellmann, der früher Meeresbiologe werden wollte. Die nötige Inspiration für ein solches Engagement erhielt er im Rahmen seines Künstlerstipendiums in den USA vor vier Jahren. «Einerseits war ich von den amerikanischen Tierrechtsgruppen begeistert und andererseits von den Dragqueens», erzählt der Zürcher, der in der Limmatstadt Mitglied einer Wohngemeinschaft unweit des Hauptbahnhofs ist, aber die Hälfte des Jahres mit seinem Freund in Berlin lebt. «Ich wünschte mir, mich so mutig für Tiere einzusetzen, wie es Dragqueens für queere Menschen tun.»

Aus dem Wunsch ist seit dem Animal Rights March 2018 in Berlin Wirklichkeit geworden. Mit seiner lebensfreudigen, feministischen und veganen Drag-Kuh Soya erreicht Hellmann bei seinen Auftritten Menschen mit einer humorvollen und ernsthaften Art, wie er es als Privatperson vermutlich nicht schaffen würde. «Mit Soya kann ich die Leute direkter ansprechen, Witze machen, Missstände anprangern und dann wieder einen Witz machen. Ich habe eine Leichtigkeit, die mir als Daniel vielleicht fehlt», findet Hellmann und wirkt dabei sehr nachdenklich, fast schon melancholisch. Nach einer kurzen Pause gesteht er, wie sehr es ihn manchmal frustriert, wenn er sich vor Augen führt, was auf der Welt passiert. Neben den Kriegen meint er damit auch die Zunahme für landwirtschaftliche Flächen, auf denen Nutztiere gehalten oder Futtermittel angebaut werden. Es sei kaum zu fassen, wie viele Tiere unter haarsträubenden Bedingungen gehalten werden. «Wir befinden uns in einer einzigen grossen Krise», sagt er in besorgtem Ton.

Spricht Daniel Hellmann von Soya, hellt sich seine Miene aber schnell wieder auf. Mit ihr möchte der Künstler zum Träumen und Nachdenken anregen, Aufklärungsarbeit leisten und Tierschützer motivieren, nicht aufzuhören. Ein wichtiges Instrument, um das zu schaffen, ist die Musik. So singt Soya zu den Klängen von Electropop oder ruhig vom Klavier untermalt etwa vom Abschied zwischen einer Mutterkuh und ihrem Kalb oder von der ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen dem «Streicheltier» Katze und dem «Schlachtvieh» Kuh. Damit verbindet er einen grossen Wunsch an alle Tierliebhaberinnen und -liebhaber: «Bitte behaltet eure Liebe zu Tieren, erweitert den Kreis mit Fischen, Ziegen, Rindern und anderen vermeintlichen Nutztieren und schliesst auch sie in euer Herz.»

Auf Tuchfühlung: Soya fühlt sich beim Schlammbad mit dem Schwein Bo sauwohl.
Auf Tuchfühlung: Soya fühlt sich beim Schlammbad mit dem Schwein Bo sauwohl.

Auch wenn Hellmann sein Debüt-Album «Purple Grass» und mehrere Musikvideos im Internet herausgebracht hat, kann für ihn nichts den direkten Kontakt zum Publikum ersetzen. Entsprechend hart war für ihn der Corona-Lockdown, der Auftritte vor Menschen unmöglich machte. Zum Ankerplatz wurde in dieser Zeit der Lebenshof «Hof Narr» in Egg ZH. Dort machte er ein halbes Jahr lang Führungen für Schulklassen und pflanzte Bäume. Vor allem pflegte und fütterte er aber Tiere, die vor dem Tod gerettet wurden. «Das war ein sehr bereichernder Abschnitt in meinem Leben», blickt Hellmann zurück und lächelt. «Zu meinem besten Freund wurde dabei der Truthahn Levi, der mittlerweile leider gestorben ist.» Truthähne gehören für ihn zu den unterschätztesten Tieren überhaupt, und Lebenshöfe seien auch deshalb so wichtig, weil sie die Möglichkeit bieten, solche Tiere kennenzulernen.

Zu Hellmanns Lieblingstieren zählen aber nicht nur Truthähne, sondern auch Elefanten, Wale, Bonobos und Bärtierchen, die meist weniger als einen Millimeter gross sind. «Sie sind wahre Überlebenskünstler und einfach wahnsinnig faszinierend», sagt er mit einer spürbar kindlichen Begeisterung. Als Persönlichkeit passe zu ihm aber weder das Bärtierchen noch die Kuh, die er als Soya verkörpert. «Ich sehe mich eher als Huhn», gesteht der Sänger und verfällt dabei in ein lautes Lachen, das sofort ansteckt und sogar die vorbeifahrenden Züge übertönt.

Ein Tieraktivist kämpft für Tierrechte

Auftritte in den USA und in der Schweiz

Schon bald schlüpft Daniel Hellmann aber wieder in die Rolle der Kuh Soya. Bis Anfang Juni geht er auf USA-Tour und hat in den Millionenstädten Seattle,Los Angeles, Kansas und Houston Auftritte. Das Besondere daran ist, dass die Menschen von Zuhause aus Soyas amerikanische Abenteuer auf ihrem Instagram-Account mitverfolgen können. Ausserdem werden in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Ausstellungen mit Fotos, Filmen und Masken von Soya gezeigt.

Hierzulande ist Soya auch bald wieder zu sehen. Ab Juli tritt sie am Festival de la Cité in Lausanne und an der grenzüberschreitenden Animal Pride in Kreuzlingen sowie Konstanz auf, die der Würde aller Tiere gewidmet ist. Auch jener der queeren Tiere, für die sich Hellmann besonders interessiert. Im Tierreich könne man etwa von den mehrheitlich homosexuellen Giraffen und Transgender-Fischen noch einiges lernen. Sie seien sehr gute Beispiele dafür, dass die Natur weit vielfältiger ist, als wir es in der Schule gelernt haben.

Apropos lernen: Für Hellmann ist eine der wichtigsten zu beherrschenden Lektionen, das Leben nicht nur über den Konsum zu definieren und nicht darauf zu warten, dass andere sich verändern. «Jeder hat es selbst in der Hand, Gutes zu tun und sich für nichtmenschliche Tiere einzusetzen.» Den Beweis dafür hat Daniel Hellmann mit der Schöpfung von Soya the Cow auf eine ebenso schrille wie sympathische Art geliefert.

daniel-hellmann.com

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Dieser Artikel erschien in der gedruckten Ausgabe Nr 10/2022 vom 19. Mai 2022.

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