Mit Lukas Jost stapfen wir auf die weit-läufige Weide direkt am Ufer des Wohlensees hinaus. Schon bald sind wir von einer neugierigen Kälberschar umringt. Auch die Mutterkühe kommen näher, jedoch nicht, um ihre Kälber vor dem fremden Eindringling zu verteidigen, sondern um in aller Ruhe zu schauen, wer mit ihrer Vertrauensperson auf der Wiese umherwandert. Auch Quadrille und Quinoa sind mit von der Partie. Zwei besondere Kühe für den jungen Landwirt, der den Hof in einer Generationengemeinschaft mit seinen Eltern führt. Denn Quinoa ist das erste Kalb, das nach der Umstellung auf muttergebundene Kälberaufzucht im Frühjahr 2021 bei seiner Mutter Quadrille bleiben durfte. «Nun erwartet Quinoa ihr erstes Kalb, womit sich ein Kreis schliesst», so Lukas Jost.

Von Fleischrassen ist man sich den Anblick gewohnt, dass Mutterkühe gemeinsam mit ihren Kälbern Zeit geniessen, sie säugen und liebkosen können. Bei Milchkühen allerdings ist es eine Seltenheit, dass die Kälber die ersten Lebensmonate an der Seite ihrer Mütter verbringen. Meist werden sie direkt nach der Geburt getrennt. Für Lukas Jost, der ursprünglich eine Lehre zum Koch absolviert hatte und danach die landwirtschaftliche Ausbildung anpackte, stimmte aber dieses Konzept so gar nicht. Ein Zeitungsbericht, der bekannt gab, dass es nun erlaubt sei, Kühe zu melken und deren Milch zu verkaufen und weiterzuverarbeiten, auch wenn das Kalb direkt vom Euter trinkt, gab den Ausschlag, auf Mutter-Kalb-Haltung (MuKa) umzustellen.
«Die Kühe sind nun viel gelassener. Sie wissen genau, was wir für sie tun.»
«Für meine Eltern, die den Milchwirtschaftsbetrieb jahrzehntelang auf konventionelle Weise geführt hatten, war es anfangs schwer verständlich, wieso ich auf 60 Prozent der Milch verzichten wollte», sagt Lukas Jost. Nun unterstützen sie aber vollkommen, wie die Herde aus 28 Holstein- und Swiss-Fleckvieh-Kühen und ihren elf Kälbern gehalten wird. Der Milchverlust beläuft sich mittlerweile auch «nur» noch auf rund 40 Prozent. «Ich habe herausgefunden, dass die Kühe ihre Milch viel besser geben, wenn die Kälber mit in den Melkstand dürfen.» Mit dem Käse, den Josts in Zusammenarbeit mit einer Käserei im benachbarten Uettligen herstellen, und dem Kalbfleischverkauf, sollen die Verluste aufgefangen werden. Ein Teil der Kühe wird für die Nachzucht mit gesextem Sperma (welches nach X- und Y-Chromosomen getrennt wurde) mit Swiss-Fleckvieh und Red Holstein belegt. Mit Mastrassen wie Angus und Limousin werden fleischbetonte Kälber gezüchtet für den Fleischverkauf. Demnächst möchte Lukas Jost einen Muni aufziehen und in der Herde mitlaufen lassen. «Ich gebe dem Projekt etwa fünf Jahre Anlaufzeit, ein Zurück zur normalen Milchproduktion gibt es für mich aber keinesfalls», sagt der innovative Landwirt.
Entspannte Mütter, robuste Kälber
Die Umstellung auf MuKa-Haltung brachte aber auch einige Herausforderungen mit sich. Die Eutergesundheit habe sich aufgrund der höheren Beanspruchung eher negativ entwickelt. Man sei jedoch dabei, dies in den Griff zu bekommen, ist Lukas Jost guten Mutes. Und für die Einstreu des Laufstalles benötige er mehr Stroh, denn die Kälbchen legen sich gerne zu ihren Müttern in die Liegeboxen und produzieren dort überall Mist. Der Laufstall musste baulich etwas angepasst werden, allerdings nur gering – beim Boden mussten kleinere Spalten eingefügt werden, damit die Kälberfüsse nicht hindurchrutschen. Und beim Weidezaun braucht es nun eine bodennahe Litze mehr.

Im Grossen und Ganzen sei die Umstellung aber problemlos verlaufen und die Vorteile überwiegen für Lukas Jost klar. Die Kälber, die im Alter von rund fünf Monaten von ihren Müttern getrennt werden, sind viel robuster. Klar, hätten auch sie manchmal Durchfall, anders als in der separierten Haltung vermag ihnen dies jedoch kaum etwas anzuhaben. Der Mehraufwand des Kälbertränkens falle weg, etwas Kraftfutter könne eingespart werden und die Zellzahlen der Milch seien erfreulicherweise drastisch tiefer als früher. «Mir fällt auf, dass die Mütter nun viel gelassener sind. Sie wissen genau, was wir für sie tun», so Jost.
Von einigen Landwirten bekäme er allerdings das Gefühl vermittelt, er wisse ganz und gar nicht, was er tue. Etwas belächelt werde er von der Branche schon. Viele Kunden hingegen schätzen es sehr, wie er seine Tiere halte. «Am hofeigenen Verkaufsautomaten treffe ich häufig auf Personen, die sich aus ethischen Gründen vom Milchkonsum abgewendet haben, dank der MuKa-Haltung nun aber wieder Milchprodukte geniessen.» Auch Agronomiestudenten und Schülerinnen würden sich für seine Erfahrung in muttergebundener Aufzucht bei Milchkühen interessieren. «Immer wieder bin ich bei Abschlussarbeiten involviert und gebe gerne mein Erfahrungswissen weiter», so Jost. Doch bei all dem positiven Zuspruch ist sich der Tiernarr bewusst, dass diese viel artgerechtere Haltungsform wohl immer eine Nische darstellen wird.
Hier gibt’s Produkte aus MuKa-Haltung
• Auf dem Hof Jost können in einem Automaten Rohmilch und saisonal Käse bezogen werden. Besteht Interesse für Kalbfleisch darf man sich gerne via mukahof@gmail.com melden oder sich vor Ort für den Newsletter registrieren: Hof Jost, Hofenstrasse 113, 3033 Wohlen b. Bern, hof-jost.ch • Der Verein Cowpassion setzt sich stark für die MuKa-Haltung ein und vertreibt Käse: cowpassion.ch • Die Fachstelle MuKa zeigt eine Landkarte, mit Höfen, Verkaufsstellen und Gastronomiebetieben mit Milch aus MuKa-Haltung: mu-ka.ch

