Taubheit bei Hunden kann angeboren sein oder erst im Laufe des Lebens auftreten. Ersteres ist oft genetisch bedingt und zeigt sich bei mehr als 20 Rassen besonders häufig. Das Merle-Gen sorgt oftmals nicht nur für Aufhellungen im Fell, sondern führt auch zu schweren Gesundheitsproblemen wie Taubheit oder Blindheit, wenn ein Hund das Gen doppelt erbt. Reagiert ein Welpe nicht auf Umweltgeräusche, ist dies in der Regel ein untrügliches Zeichen dafür, dass mit dem Gehör etwas nicht stimmt. Auch die beiden weissen Doggenwelpen namens Juno und Artus von Monika Calmes hatten einen Doppel-Merle-Gendefekt. Die tauben Brüder, die vor Kurzem verstorben sind, kannten von Anfang an nur ein Leben ohne Gehör: «Für sie war das der Normalzustand», sagt Calmes, welche die beiden Tiere aus dem Tierschutz übernommen hat. «Sie hatten deswegen aber keine schlechtere Lebensqualität.»
Dennoch: Der Anfang mit den beiden tauben Jungspunden war anspruchsvoll. Hinzu kam, dass sich die Suche nach einer geeigneten Hundeschule nicht nur als höchst zeitaufwändig, sondern auch als erfolglos erwies. Deshalb nahm Calmes das Zepter gleich selbst in die Hand: Sie absolvierte die Ausbildung zur Hundetrainerin und steht heute Mensch-Hunde-Gespannen mit Rat und Tat zur Seite. Ihr Spezialgebiet sind Tierschutz- und taube Hunde, die sie neben regulären Junghunde- und Plauschgruppen trainiert und auch sozialisiert.
Mit Händen kommunizieren
«Vieles in der Erziehung von tauben Hunden ist gleich wie bei hörenden», präzisiert Monika Calmes. Und doch gibt es Abweichungen: Die ersten Jahre erfordern deutlich mehr Zeit. Denn es gilt, sich früh mit der Körpersprache des Hundes vertraut zu machen und diese lesen zu können – mit speziellem Augenmerk auf Körper, Augen und Ohren. Auch die Zeichensprache ist bei der Kommunikation mit dem handicapierten Vierbeiner von grosser Bedeutung. Ob Sitz, Platz, Warten, Stopp oder Los: Für jedes Kommando verwendet Calmes ein entsprechendes Handzeichen. Weniger ist mehr, so ihr Credo: «Die Anzahl der Handzeichen sollte nicht zu gross sein – das schafft sonst nur Verwirrung.»
Gerade draussen ist es wichtig, dass der Hund immer wieder zurückschaut und mit der Halterin oder dem Halter Blickkontakt aufnimmt. Denn im Freien lauern zahlreiche Gefahren: «Vieles ausser Haus ist nicht vorhersehbar. Weil man einen tauben Hund nicht einfach rufen kann, sollte er sich in brenzligen Situationen automatisch nach dem Halter umsehen», so Calmes. Doch die Arbeit beginnt schon viel früher: Weil sich ein Hund mit Handicap stark am Menschen orientiert, ist eine gute Bindung das A und O. «Ein tauber Hund muss sich auf sein menschliches Gegenüber absolut verlassen können», betont sie. Ein Vertrauen, das zu Bruch gehen kann, wenn das Tier zum Beispiel spasseshalber erschreckt wird. Um die Mensch-Hund-Bande kontinuierlich zu festigen, arbeitet die Hundetrainerin ausschliesslich mit positiver Verstärkung. Das dauere zwar länger, sei aber deutlich nachhaltiger. Denn: «Mit Druck, Stress und Angst lässt sich keine sichere, solide Basis schaffen.»
Eine Überzeugung, die auch in die Namensgebung ihrer eigenen Schule eingeflossen ist: «Stilles Vertrauen» soll das verkörpern, wonach sie vor acht Jahren mit den beiden jungen, tauben Doggenrüden suchte. Die bisherigen Rückmeldungen zeigen: Halterinnen und Halter von solch besonderen Hunden sind froh, wenn sie fachlich von einer Person mit breiter Praxiserfahrung unterstützt werden und mit ihren Anliegen auf Verständnis und Spezialkenntnisse stossen.
Sehen und riechen statt hören
Taube Hunde verlassen sich in ihrem Alltag stark auf ihre anderen Sinne. «Sie sind sehr sensibel, was Bewegungen, Gerüche und Vibrationen anbelangt», weiss Monika Calmes, die mit ihren Hunden in der Westschweiz wohnt. Gerade die Nase sei bei der Orientierung ein wegweisendes Organ. Doch auch der Tastsinn und die Augen helfen, sich in einer Situation zurechtzufinden. Dennoch: Weil taube Hunde nichts hören, erschrecken sie laut der Expertin meist viel schneller. Für solche Schockmomente kann ein Velofahrer oder ein rennender Hund sorgen, der sich in hohem Tempo von hinten nähert.
Die Hundetrainerin stösst in ihrem Alltag auch auf viel Halb- oder Unwissen: Dass taube Hunde auch stumm sind, sei ein Irrglaube. «Sie bellen, knurren und jaulen wie Artgenossen ohne Beeinträchtigung.» Taube lernen auch viel von hörenden Hunden. Das weissMonika Calmes aus eigener Erfahrung, sind doch ihre beiden Doggenrüden mit zwei Fellnasen ohne Beeinträchtigung gross geworden: «Sie profitierten von diesem Zusammenleben sehr, weil sie viel durch Nachahmung lernten und sich beispielsweise auf Spaziergängen an ihren hörenden Kumpels orientierten.»
Signale erkennen
Taubheit kann in jedem Lebensalter auftreten. Weil das Gehör im Laufe des Lebens nachlässt, ist ein altersbedingter Hörverlust auch bei Hunden häufig. Ebenso können Entzündungen, Infektionen, Verletzungen, Autoimmunerkrankungen oder giftige Substanzen das Gehör beeinträchtigen. Anzeichen von Taubheit lassen sich nicht immer sofort erkennen. Typische Hinweise sind fehlende Reaktionen auf Alltagsgeräusche wie die Türklingel oder auf Pfeifen, Rufen oder Trillerpfeifen. Auch wenn sich der Hund vermehrt über Geruch und Sehen statt über Hören orientiert, kann dies ein Hinweis auf Taubheit sein. In solchen Fällen sollte eine Tier-praxis aufgesucht werden. Diese führt in der Regel Gehörtests, Ultraschalluntersuchungen des Innenohrs und unter Umständen auch audiometrische Tests durch.

