Längst nicht ausgesummt
Wie schlimm steht es wirklich um das Insektensterben?
Sie bestäuben unsere Nahrung, recyceln tote Pflanzen und halten Ökosysteme zusammen – trotzdem gelten Insekten vielerorts als Verlierer unserer Zeit. Wie dramatisch ist ihr Rückgang tatsächlich? Und wie können wir ihn aufhalten?
Mitten im Berner Tierpark, umgeben von Anlagen für Wisente, Seehunde und Europäische Ziesel, steht ein Häuschen voller Käfer. Diese krabbeln nicht etwa an den Wänden herum, sondern liegen wohlig eingepackt in einem Substrat aus halb zersetztem Holz. Die allermeisten sind noch im Larvenstadium und fressen sich tagein tagaus durch ihre Kinderstube. Bis sie ihr Leben als Enger-linge hinter sich lassen und die Verwandlung in ihreadulte Tiergestalt beginnen, braucht es viel Geduld. «Wer Käfer züchten will, muss auch Freude an den Larven haben», ist Jürg Hadorn überzeugt. Der stellvertretende Direktor des Tierparks Bern und langjährige Anlagebauer ist privat seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Käfer-Züchter. Deshalb zögerte er nicht lange, als der Verein Stadtgrün Bern wegen eines gemeinsamen Insekten-Förderprojekts beim Tierpark anklopfte. Das Ziel: Stark bedrohte Totholzkäferarten züchten, passende Lebensräume bereitstellen und die Insekten dort auswildern, dies mit Unterstützung der Stadt und dem Kanton Bern und in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum.
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Zuerst fiel die Wahl auf das Dreigespann Hirschkäfer, Nashornkäfer und marmorierter Rosenkäfer. Schon bald wurde jedoch klar, dass der marmorierte Rosenkäfer gar nicht so stark gefährdet ist, wie gedacht. «Er verbringt sein ganzes Leben auf etwa zehn Metern Höhe in den Baumkronen und bewohnt Baumhöhlen, weshalb man ihn kaum je zu Gesicht bekommt», erklärt Jürg Hadorn. Als einige Bäume direkt neben demBärengraben gefällt werden mussten und in mehreren marmorierte Rosenkäfer zu finden waren, wurde aber klar: Dieser Käfer braucht keine gezielte Unterstützung durch Zucht, um in der Bundeshauptstadt zu überleben.
Ganz anders sieht es beim Nashorn- und Hirschkäfer aus. Beide Arten waren früher heimisch in Bern, verschwanden jedoch im Laufe des letzten Jahrhunderts von der Bildfläche. «In den Kriegsjahren wurde alles Totholz aus dem Wald geholt, um zu heizen oder zu kochen», erklärt Hadorn. Dies wurde vor allem dem Hirschkäfer zum Verhängnis.
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Der Nashornkäfer ist in dieser Hinsicht unkomplizierter. Bereits im 16. Jahrhundert entwickelte sich der Totholzkäfer zu einem opportunistischen Kulturfolger. Findet er kein Totholz, das im für ihn richtigen Zersetzungsstadium ist, gibt er sich auch mit Kompost oder einem Holzschnitzel-Becken zufrieden. So zum Beispiel aufeinem Spielplatz mitten in der Stadt Basel, wo seine Larven ab etwa 20 Zentimetern Tiefe zu Hunderten leben. Die Fülle an Larven ermöglichte es dem Projektteam, ein paar Tiere mitzunehmen, um damit in Bern eine neue Population aufzubauen.
Vorsichtige Zuversicht
Bisher scheint der Plan aufzugehen. Im Sommer 2024 wurden im Tierpark die ersten 50 Nashornkäferlarven ausgesetzt. 2025 folgte die Auswilderung von weiteren 90 Larven und 40 adulten Tieren an vier für sie vorbereiteten Standorten in der Stadt Bern. «Als wir ein Jahr später kontrollierten, haben wir beim Graben wieder Tiere gefunden», bilanziert Hadorn. «Sie sind also noch da, haben sich fertig entwickelt, verpuppt und sind Käfergeworden.» Dennoch ist er vorsichtig optimistisch, ob dies ein Erfolg für die Ewigkeit ist. «Es waren zwei warme Jahre. Kommt einmal ein kaltes, kann dies das Ende für eine ganze Population bedeuten.»
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Die wärmeliebende Eigenschaft des Nashornkäfers ist einer der Gründe, weshalb sich Experten sein Verschwinden nicht vollends erklären können. In Basel befindet sich die in der Schweiz grösste Population. «Wir gehen davon aus, dass sich die Nashornkäfer in einer Firma mit Rinden-Schnitzeln vermehren und durch Lieferungen verteilt werden», so Hadorn. Gemäss den Sichtungen der letzten paar Jahre scheint er nur in den wärmsten Regionen – also im Rhonetal, am Genfersee und auf der Alpensüdseite – zu überleben. Der Klimawandel steigert jedoch die Chancen des Nashornkäfers, sich künftig auch in Bern wieder ansiedeln zu können.
Wo Jürg Hadorn keinen Mangel mehr sieht, ist bei den geeigneten Lebensräumen. «Heute fehlt es hier nicht mehr an Totholz, sondern an Käfern», so der Experte. Dem Hirschkäfer stellt er eine gute Prognose, dass er seinen ehemaligen Lebensraum zurückerobern kann – zumindest im Dählhölzli: «Wenn er hier nicht überlebt, wo denn sonst?», fragt der Anlagebauer. Nicht nur das viele Totholz spreche für den Dählhölzliwald, sondern auch die südliche Orientierung, das wenige Fremdlicht, der lichte Baumbestand und die vielen Eichen sprechen für die Lage. Denn im Gegensatz zum Nashornkäfer braucht der Hirschkäfer auch im adulten Stadium noch Futter. Und Eichensaft steht ganz oben auf seinem Speiseplan.
Lebensräume braucht es überall
Problematisch bei beiden Arten ist die selbstständige Verbreitung. Ein Hirschkäfer hat einen Aktionsradius von höchstens einem Kilometer, weshalb eine engmaschige Vernetzung der Lebensräume für eine natürliche Verbreitung essenziell ist. «Das ehrgeizige Ziel des Kantons Bern ist es, die noch intakten Populationen des Hirschkäfers am Jura-Südfuss mit derjenigen im Berner Oberland entlang der Aare zu verbinden», erklärt Hadorn. Ob dies gelingen wird, ist noch nicht absehbar. Im Juli stehen die ersten Aussetzungen von Hirschkäferlarven auf dem Stadtgebiet an.
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Für Nashornkäfer ist dieses Jahr bereits die dritte Auswilderung geplant. Da sie als Larven weniger stark zersetztes Holz brauchen als Hirschkäfer, konnten ihre Aussetzungsstationen rascher vorbereitet werden. Eine befindet sich im Tierpark Bern selbst. Mitten im Siedlungsraum hat Stadtgrün Bern in Form sogenannter Käfertreffs weitere Auswilderungspunkte bereitgestellt. Wenn den Nashornkäfern keine ungünstigen Temperaturen in die Quere kommen, könnten sie sich also auch im Siedlungsgebiet selbstständig ausbreiten. Jedes eingegrabene Totholz oder – noch besser – jeder stehengelassene Strunk eines toten Baumes in Privatgärten hilft den Tieren dabei. Um sich Partner für die Fortpflanzung zu suchen, legen sie noch kürzere Wege zurück als Hirschkäfer. Das habe auch mit Überlebenstaktik zu tun, weiss Jürg Hadorn. «Jedes Mal, wenn du herumfliegst, kannst du gefressen werden.» Die Feinde von adulten Käfern sind vor allem Vögel und Fledermäuse. Als Larven haben sie ein noch gefährlicheres Leben: Mäuse, Füchse, Wildschweine, aber auch Würmer können ihnen in diesem Stadium zum Verhängnis werden.
Letztere sind sogar in den vermeintlich sicheren Boxen der Tierpark-Zucht ein Problem. «Im Substrat kommt es gerne mal zu Würmern», verrät Hadorn. «Und wenn sich die Larven verpuppen, sind sie komplett wehrlos.» Deshalb wechselt das Team vorher noch einmal den kompletten Inhalt der Zuchtboxen, um sicherzugehen, dass keine Würmer drin sind.
Alte Bäume bleiben stehen
Sensibilisiert durch die aufwändige Käferzucht veränderte der Tierpark seinen Umgang mit sterbenden Bäumen grundlegend. «Anstatt die sterbenden Bäume einfach zu fällen, entfernen wir die gefährlichen Baumbereiche mit Entlastungsschnitten und versuchen, mehrere Meter lange Baumstrünke so lange wie möglich stehen zu lassen», erklärt Hadorn. «Oft sind solche Bäume noch über viele Jahre ein Habitat vieler selten gewordener Arten.» Gerade in Siedlungsräumen werden seiner Meinung nach Bäume viel zu schnell gefällt.
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Der stellvertretende Direktor des Tierparks Bern hat noch viele weitere Ideen, um Insekten zu unterstützen. «Das nächste Tier, das eventuell auf uns zukommt, ist das Glühwürmchen», so Hadorn. Denn auch dieseKäferart hat grosse Mühe, sich im Siedlungsraumeigenständig auszubreiten. Um solche Projekte zu starten, brauche es jedoch zuerst einen offiziellen Auftrag des Kantons. Denn ohne diesen wäre eine Entnahme bedrohter Wildtiere aus der Natur illegal.
Auch bei offiziellen Artenförderprogrammen hält Hadorn ein Ablaufdatum für wichtig. «Es kann ja nicht sein, dass wir mit grossem Aufwand eine Population aufbauen, die sich danach nicht selbst etablieren kann», sagt er. In ein paar Jahren gehe die Zucht der beiden Totholzkäferarten deshalb in ein Monitoring über, um zu prüfen, wie sich die Populationen entwickeln. Bei den Hirschkäfern ist der Anlagebauer fast sicher, dass sich die Art selbstständig wird verbreiten können. «Auch bei den Nashornkäfern sehe ich nicht wirklich ein, weshalb es nicht funktionieren sollte», so Hadorn.
Mitten in der Trendwende
Die beiden Käferarten sind bei weitem nicht die einzigen Insekten, die Mühe haben mit der Veränderung ihrer Lebensräume. Durch den Klimawandel kommen kälteliebende Arten zunehmend unter Druck und könnten teilweise komplett verschwinden. Expertinnen und Experten vermuten, dass viele Insekten noch nicht einmal wissenschaftlich erforscht sind und deshalb völlig unbemerkt aussterben könnten.
Die über Jahrzehnte am besten untersuchten und dokumentierten Insektengruppen sind Tagfalter und Totholzkäfer. Im Rahmen der nationalen Forschungsinitiative «INSECT» ist es erstmals gelungen, Zahlen zu ihrer Artenvielfalt über fast ein ganzes Jahrhundert zu vergleichen. Die Ergebnisse zeigen, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Biodiversitätsschwund bei beiden Insektengruppen Fahrt aufnahm. Der Beginn ökologischer Schutzmassnahmen im Wald und in der Landwirtschaft leitete dann jedoch eine Trendwende ein. Totholzkäfer profitierten von der gezielten Alt- und Totholzförderung der letzten Jahrzehnte. Auch einige grosse Stürme sorgten für offene, struktur- und totholzreiche Waldflächen. «Totholzkäfer haben das Bestandesniveau der 1930er-Jahre wieder erreicht und sind teilweise sogar darüber», sagt Biodiversitätsforscher Kurt Bollmann.
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Die Tagfalter hingegen, die mehrheitlich auf blumenreiche Wiesen angewiesen sind, erholen sich nur sehr langsam. «Ihre Artenvielfalt ist im Vergleich von vor 90 Jahren um zwölf Prozent geschrumpft», bilanziert Bollmann. Besonders stark betroffen davon seien spezialisierte Arten, die wegen der Intensivierung und Mechanisierung der Landbewirtschaftung auf derRoten Liste stehen. «Einzelne Biotope können mitSense und Balkenmäher artgerecht gepflegt und mit Kleinstrukturen ergänzt werden, um die verbleibendenPopulationen zu retten», so der Wissenschaftler. «In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft, in welcher nur noch 2,2 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten, kann diese Form der Landnutzung jedoch nicht mehr grossflächig angewendet werden.» Im Mittelland hat die Artenvielfalt von Tagfaltern mit Abstand am meisten gelitten. «Das Jura- und Alpen-gebiet wurde aus rein topographischen Gründen nie so intensiv bewirtschaftet und auch nicht so stark besiedelt», erklärt Bollmann. Dementsprechend seien dort geringere Rückgänge und eine stärkere Erholung zu beobachten. «Deshalb dürfte die Gesamtentwicklung der Insektenfauna in der Schweiz weniger markant ausfallen, als es andere Studien aus Mitteleuropa zum Thema Insektensterben vermuten lassen.»
Noch nicht abschliessend geklärt ist, wie stark der Klimawandel zu dieser Entwicklung beiträgt. Abgesehen von den kälteliebenden Arten werden vermutlich viele Insekten vom Klimawandel profitieren, schätzt Bollmann. Denn die meisten Insekten seien für ihre Entwicklung auf warme Temperaturen angewiesen. Möglicherweise werde deshalb ein Teil des Verlustes häufiger Insekten vom vergangenen Jahrhundert durch den Klimawandel kompensiert. Währenddessen bleiben rund 45 Prozent der Insektenarten der Schweiz gefährdet – «darunter auch die kälteadaptierten Arten der Alpen, für welche die Schweiz eine besondere Verantwortung hat», betont der Biologe.
Was weiter zu tun ist
Immerhin weisen aktuelle Studien aus Mitteleuropa darauf hin, dass die Bestäubungsleistung in Landwirtschaftsgebieten nicht unter dem bisherigen Artenschwund gelitten hat. Um die Insekten dennoch bestmöglich weiter zu unterstützen, will das Forschungsteam von INSECT Handlungsempfehlungen für künftige Massnahmen eruieren. Dazu analysiert es in einem ersten Schritt die Auswirkungen verschiedener Umweltfaktoren auf die Artenvielfalt, Populationsgrösse und Biomasse von Insekten. Hierzu gehören unter anderem Pestizidbelastungen, Landnutzung und Witterungseinflüsse. «Wir beissen uns etwas die Zähne daran aus», sagt Co-Projektleiter Kurt Bollmann. «Wir müssen aufgrund alter Belege versuchen, die Belastung einzelner Gebiete historisch aufzuarbeiten, damit sie vergleichbar sind mit heutigen Daten.» Trotzdem ist er zuversichtlich, dass sich die wichtigsten Einflussfaktoren für die Veränderung der Insektengemeinschaften identifizieren lassen.
Um im Anschluss die Wirksamkeit einzelner Fördermassnahmen konkret zu prüfen, schlägt Bollmann eine Folgestudie mit Experimenten in der Landschaft vor. Die deutliche Trendwende im Wald zeigt immerhin, was innert 20 bis 30 Jahren möglich ist, wenn die richtigen Hebel gezogen werden. «Mit der Totholzförderung im Waldbau wird eine Massnahme umgesetzt, von welcher 30 Prozent der Waldbiodiversität profitieren», so Bollmann. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass auch andere bisherige Bemühungen eine positive Wirkung auf die Insekten haben. Der Wissenschaftler ist deshalb verhalten optimistisch: «Für mich ist das Glas halb voll.»
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