Da ist er wieder! Ein Kolibri am Schweizer Sommerabend? Ist er aus dem Zoo entwischt? Nein, es handelt sich um dasTaubenschwänzchen. Das Insekt rollt seinen Rüssel gezielt in die süsslich duftenden Blüten des Waldgeissblatts aus und trinkt Nektar.

Die Pflanze rankt auf einem Balkon einem Holz-gestell entlang. Sie bietet nicht nur einen guten Sichtschutz zur Nachbarschaft, sondern auch einen gedeckten Tisch für Nachtschwärmer. Davon gibt es viele. Auch das Taubenschwänzchen gehört dazu, obwohl es tagsüber und im sommerlichen Abendlicht fliegt. «Die Mehrheit aller Schmetterlinge gehört zu den Nacht-faltern», sagt Hans-Peter Wymann. Es gebe um die3600 Arten in der Schweiz. Ihnen stünden lediglich etwas mehr als 200 Tagfalter gegenüber. Der Schmetterlingsexperte, Buchautor und ehemalige Kurator der Schmetterlingssammlung des NaturhistorischenMuseums Bern erklärt, wie Tag- und Nachtfalterunterschieden werden können: «Die Fühler von Tagfaltern sind am Ende zu einer Keule verdichtet. Nachtfalter, die Heterocera, haben verschiedenförmigeFühler. Sie können schmal oder breit, einseitig oder doppelseitig gefiedert oder gezähnt sein, erscheinen aber meist lang und dünn. Vorne sind sie bei einheimischen Arten nie verdickt.»

Das Taubenschwänzchen gehört zur Familie der Schwärmer. «Schwärmer sind spektakulär, weil sie gross sind», findet Hans-Peter Wymann. Der Vergleich mit einer Kolibriart ist nicht abwegig, denn dasTaubenschwänzchen fliegt, wie der südamerikanische Nektarliebhaber, von einer Blüte zur anderen, bleibt in der Luft schwirrend davor stehen, und saugt denNektar ab, nicht mit einem Schnabel, sondern mit dem Rüssel.

Bedingung, dass Schwärmer am Balkon oder im Garten Halt machen, sind stark duftende Pflanzen. Hans-Peter Wymann sagt: «Sie besuchen gerne Blüten von Geranien, Pelargonien, Fuchsia, Phlox oderPetunien.» Diese Pflanzen haben den Vorteil, dass sie in der warmen Jahreszeit während vielen Monaten blühen. Sie gehören zumStandardsortiment von Gärtnereien und gedeihen in Balkonkistchen und Töpfen bei regelmässigem Giessen und Düngergaben hervorragend. Die farbigen Blüten erfreuen das Herz, begleiten durch den Sommer – und locken Nachtschwärmer an, die eher ihre kulinarischen Vorzüge schätzen. Es ist Exotik pur, wenn an einem lauen Sommerabend während der Dämmerung beispielsweise ein Windenschwärmer vorbeischaut, von einer Blüte zur anderen schwirrt, um mit dem Rüssel Nektar zu saugen.

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Blütensegen für Nachtfalter

Spannende nächtliche Besucher in der Luft bereichern das Garten- oder Balkonerlebnis. Auch wenn manche dieser Insektenarten Blüten kultivierter Pflanzen durchaus mögen, sind sie dankbar, wenn ebenso Blüten einheimischer Pflanzen zur Auswahl stehen.

Nachtfalter haben ähnliche Vorlieben wie Tagfalter. Eisenkraut, Weidenröschen oder Gewöhnlicher Wasserdost sind ideale einheimische Blütenpflanzen für tag- und nachtaktive Schmetterlinge. Es gibt aber auch Pflanzen, die ihren Blütenduft vornehmlich nachts verströmen. Der Botaniker Adrian Möhl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Botanischen Gartens Bern,erwähnt in diesem Zusammenhang Leimkräuter der Gattung Silene. «Sie entfalten ihren Duft auch nachts.» Zu Nachtduftpflanzen gehören weiter die Nachtviole und die Nachtlichtnelke. Sie spekulieren darauf, von Nachtfaltern bestäubt zu werden. Auch Blüten der nicht einheimischen Nachtkerze locken nachts durch ihren Duft Falter an. Duft ist ein Lockmittel, doch manche Blüten werden auch durch fluoreszierende Farbanteile wahrgenommen.

Gerade bei Nachtfaltern sei noch vieles unerforscht, stellt Hans-Peter Wymann fest. «Tagfalter sucht man aktiv auf, die Nachtfalter aber flattern einem zu.» Er sei kürzlich wieder in der Nacht unterwegs gewesen. Da habe er die Nachtfalter mit einer Lampe mit hohem Anteil an ultraviolettem Licht angelockt. Es sei beivielen Arten nicht genau bekannt, welche Nischen sie in der Natur zur Eiablage bevorzugen oder wo sich ihre Paarungsrituale abspielen. «Das macht den Schutz der Nachtfalter komplexer, zumal etliche Gefährdungs-faktoren weniger bekannt sind als bei den gut zubeobachtenden Tagfaltern. Darum werden sie auf keiner Roten Liste geführt.» Es könne aber davon ausgegangen werden, dass für Tagfalter interessante Lebensräume auch für Nachtfalter geeignet sind. «Ein Maisfeld ist für alle Schmetterlinge schlicht unbewohnbar.»

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Spektakuläre Schwärmer

Vielfältiger als in Monokulturen sieht es in kleinen Gärten und auf Balkonen aus, wo verschiedensteBlütenpflanzen locken, oft in einem Gemisch aus kultivierten und wilden Sorten. Entsprechend den Standorten auf dem Balkon oder im Garten, sollten auch die Pflanzen ausgewählt werden. Während das Geissblatt in normaler Blumenerde im Halbschatten gedeiht, eignen sich für Dost oder Oregano, Leimkräuter und die Weisse Lichtnelke trockene Standorte. Nachtviole, Weidenröschen, Eisenkraut und Wasserdost mögen es im Gegensatz feucht und nährstoffreich.

Wer Seifenkräuter der Gattung Saponaria auf gut durchlässigem Boden pflanzt, lockt damit vielleicht sogar den Windenschwärmer an. Wenn das spektakuläre Insekt auch noch die Ackerwinde vorfindet, die einem Gartenzaun emporrankt oder gar ineinem Topf einen Bambusstab hinaufklettert, ist der Lebensraum perfekt. Die Ackerwinde erfreut Pflanzenliebhaberinnen und -liebhaber durch die runden, kelchartigen weisslich-lila Blüten, und die Blätter werden von den Schwärmer-Raupen geschätzt. Hans-Peter Wymann streicht heraus: «Die Spannbreite der Flügel dieses dämmerungs- und nachtaktiven Schwärmers liegt bei zwölf Zentimeter. Er kommt aus Südeuropa und gehört zu den Wanderfaltern.»

Schwärmer kommen vor allem in den Tropen in grosser Zahl vor. Wenig verwunderlich, dass sie auch durch exotische Blüten angelockt werden, wenn sie sich aufgrund ihres Zugverhaltens bei uns aufhalten, etwa von Lilien, Stechapfel oder Tabak. «Auch an Buddleja, dem Schmetterlingsflieder, beobachte ich immer sehr viele Nachtfalter», erzählt Hans-Peter Wymann. Es handle sich um einen invasiven Neophyten. «Der Nektargehalt der Blüten für Schmetterlinge ist aber, entgegen unsinnigen Behauptungen, durchaus nützlich.»

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Beobachtungen dank gärenden Früchten

Häufiger als der Windenschwärmer sei der Ligusterschwärmer, auch er ein Nachtfalter. Sein Rüssel ist gleich lang wie der Körper. Seine Raupen schätzen Liguster, Flieder oder Eschen. Hans-Peter Wymann erwähnt weiter den Mittleren und Kleinen Weinschwärmer. «Sie sind extrem bunt.» In guten Wanderfalterjahren fliege auch der Linienschwärmer bis nördlich der Alpen.

Nicht immer sind es betörende Düfte von Blüten, welche Nachtfalter anlocken. «Eulenfalter migrieren in manchen Jahren in riesigen Mengen. Etliche Arten können ab dem Spätsommer mit stark gärenden Früchten angelockt werden», sagt Hans-Peter Wymann. Eine überfällige Aprikose oder Pfirsich muss also nicht weggeworfen werden. Eventuell führt sie zu einer spektakulären Begegnung in der Nacht. Das Dunkle hält noch so manch Unbekanntes bereit.

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Die Sache mit der NachtWenn ein Schmetterling als Nachtfalter bezeichnet wird, heisst das nicht, dass er nur in der Nacht fliegt. Es gibt Nachtfalter, die auch während des Tages unterwegs sind. Ebenso ist das Taubenschwänzchen, obwohl es systematisch zu den Nachtfaltern gehört – tagaktiv. Der Schmetterlingsfachmann Hans-Peter Wymann sagt dazu mit einem Schmunzeln: «Herr Kurz kann schliesslich auch lang sein.»