Sieben Jahre alt war Svenja Rakel, als das erste Kaninchen bei ihrer Familie einzog: «Ich bin mit diesen tollen Tieren aufgewachsen», sagt sie mit leuchtenden Augen. Sie lebten zwar in einem Gehege, wurden aber mit Trockenfutter gefüttert, bekamen hin und wieder Auslauf im Garten und wurden zum Kuscheln und Schmusen herausgenommen. «Als ich mit Anfang 20 Jahren in meine erste eigene Wohnung zog und Kaninchen-Senior Pepino mit umgezogen ist, habe ich mich zum ersten Mal im Leben so richtig mit den Bedürfnissen und Anforderungen für die Kaninchenhaltung beschäftigt», gibt sie zu. Und schlagartig wurde ihr damals klar: «Wir haben echt viel falsch gemacht!»
Heute ist Svenja Rakel 28 und die wohl bekannteste Kaninchen-Influencerin im deutschsprachigen Raum: Über 60'000 Menschen folgen ihr auf Instagram (@svenjazoerakel.art). Und auf ihrem Kanal dreht sich alles um ihr Leben mit den drei kastrierten Kaninchen Fulmi, Flavius oder Faramir. Ihre Kernbotschaft: «Kaninchen werden total unterschätzt! Es sind ruhige, intelligente Tiere, die ganz und gar nicht langweilig sind, wenn sie die Möglichkeit haben, sich zu entfalten.» Und die bietet sie ihren drei Fellohren mit einem sechs Quadratmeter grossen Gehege, das rund die Hälfte ihres Wohnzimmers in einem Örtchen nahe Leipzig einnimmt. Klettertreppen, frische Baumäste zum Nagen, eine Buddelkiste mit Sand, Rückzugsmöglichkeiten und Kuschelecken sind überall in der Wohnung versteckt. «Die Türen zum Gehege stehen immer offen, sodass sie noch viel mehr Platz haben, frei durch die Wohnung hoppeln, alles neu-gierig entdecken und an unserem Leben teilhaben können», sagt sie, «auch Kaninchen sind keine Dekogegenstände, die man nur ab und zu mal füttern muss. Wie Hund und Katze sind es echte Familienmitglieder, die Zeit, ganz viel Platz und Liebe brauchen.»

Bei Svenja Rakel sind die Böden tiergerecht mit waschbaren Teppichen ausgelegt. «Damit sie richtig flitzen können», sagt sie. Denn die Teppiche sind nicht aus hygienischen Gründen da, sondern damit sie nicht ausrutschen: «Kaninchen sind sehr reinlich und wenn man ihnen eine Katzentoilette anbietet und diese unter dem Futter platziert, sind die allermeisten stubenrein.»
Warum Pellets keine gute Idee sind
Handelsübliches Trockenfutter (Pellets oder Mischfutter) bekommen ihre Kaninchen heute überhaupt nicht mehr. Das Problem dabei sei zum Beispiel, dass Kaninchen dieses schnell sattmachende Futter kauen und nicht mehr in seitlichen Bewegungen über viele Stunden des Tages mümmeln und mahlen. «Das ist aber wichtig für ihre Zähne, die stetig weiterwachsen», sagt die Halterin. Im schlimmsten Fall könnten sich Zahnwurzeln entzünden und Probleme machen. Und auch Magen-Darm-Probleme seien dann häufig. Deshalb bekommen ihre Tiere rund elf Kilogramm Frischfutter pro Woche: «Von Frühling bis Herbst gehen wir jeden Tag raus auf die Wiese und pflücken Gräser und Wildkräuter.» Unbedenklich seien alle Gräserarten, die es in unseren Breitengraden gibt. Ausserdem füttert sie gerne Löwenzahn, Giersch Spitzwegerich und Co. «Fast alles, was wir Menschen als Unkraut erachten, ist tolles Futter», weiss Svenja Rakel. Eine Übersicht für Einsteiger und Fortgeschrittene biete auch die Ratgeberseite kaninchenwiese.de. «Im Winter lassen wir uns Grünfutter liefern, um nicht unzählige Supermärkte nach Blättern absuchen zu müssen.» Beim Bauern um die Ecke kann man Kaninchengrün oder um eine Pflückerlaubnis anfragen. Zudem gibt es auch in der Schweiz verschiedene Anbieter, die Grünfutter von Löwenzahn über Kohl- und Gemüseblätter rund ums Jahr versandfertig anbieten. «Zufüttern sollte man auf jeden Fall mit Heu – da stecken wertvolle Wildkräuter und Blüten drin und die Struktur und Rohfaser tut den Zähnen und dem Magen-Darm-Trakt gut», rät Svenja Rakel.
Und macht auch Auslauf direkt auf der Wiese Sinn? «Wenn man einen eigenen Garten mit festem Gehege hat, das sie kennen, ist das toll», sagt sie. Bedenken sollte man aber immer, dass Kaninchen territoriale Tiere seien, die sich nur in gewohnter Umgebung aufgehoben und sicher fühlen. Deshalb kritisiert dieKaninchen-Influencerin so manchen Trend aufs Schärfste: «Weder mit Auslauf-Geschirr Gassi zu gehen, noch sich mit anderen Kaninchenbesitzern im Park zu treffen, damit die Tiere Auslauf haben und miteinander spielen können, tut den Tieren gut», sagt Rakel, «das verursacht enormen Stress bei den Tieren und macht nur den Besitzern Spass.» Noch schlimmer seien nur Kaninchen-Cafés, wie es sie zum Beispiel in Japan, Hongkong und seit Dezember 2025 auch im franzö-sischen Bordeaux gibt: «Hochgenommen zu werden löst in Kaninchen den Greifvogeleffekt aus, eine natürliche Panikreaktion, die sie mit der Gefahr assoziieren, von einem Greifvogel gefangen worden zu sein», erklärt die Kaninchen-Expertin, «solche Cafés haben also ganz und gar nichts mit Tierliebe zu tun, sondern sie wollen mit niedlich aussehenden Tierchen nur zusätzlich Profit machen.»

Sie selbst nimmt ihre Kaninchen nur aus medizinischen Gründen hoch – wenn ein Tierarztbesuch oder das Krallenschneiden ansteht. Geschmust wird im Hause Rakel trotzdem: «Und zwar dann, wenn Fulmi, Flavius oder Faramir das selbst möchten.» Die drei Fellohren hoppeln frei durch die Wohnung und können über kleine Treppen sogar aufs Sofa hinaufhoppeln. Wenn abends Ruhe einkehrt und Svenja Rakel auf der Couch lümmelt, lümmeln die kleinen Kerlchen gerne mit: «Eigentlich sind Kaninchen wie vegane Katzen: Eigenwillig, freiheitsliebend und wenn man ihnen den Raum lässt, sich zu entfalten, dann suchen sie von sich aus Nähe zu den Menschen, welchen sie vertrauen!»
Das sagt die Schweizer Politik
Sozialkontakte:
Kaninchen dürfen in der Schweiz nicht alleine gehalten werden. Können sie z. B. aufgrund von Aggressionen «nicht im gleichen Gehege gehalten werden, müssen sie zumindest andere Kaninchen im Raum riechen und hören können. Zu empfehlen ist auch Sichtkontakt. Das Leben mit Artgenossen bietet Abwechslung und Anregung», schreibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Tierschutzorganisationen empfehlen drei bis fünf Tiere, wobei kastrierte Rammler mit Weibchen meist am besten harmonieren.
Körperkontakt:
Als Heimtiere sind Kaninchen vor allem für Kinder beliebt. «Aber sie mögen es nicht, herumgetragen und geknuddelt zu werden», schreibt das BLV in seinen Empfehlungen zur Heim- und Wildtierhaltung über Kaninchen. «Sie erstarren dabei vor Schreck oder kratzen und beissen.» Die Empfehlung des BLV: «Leben Kaninchen mit ihrer Gruppe in einem artgerecht gestalteten Gehege, so können sich Erwachsene und Kinder an ihrem natürlichen Verhalten erfreuen, ohne dass die Tiere festgehalten oder aus dem Gehege herausgenommen werden müssen.»
Gehege:
Auf tierhaltungsrechner.ch des Schweizer Tierschutzes STS kann man Empfehlungen für Gehegegrösse- und -gestaltung ermitteln. Gesetzlich vorgeschrieben sind beispielsweise für zwei Kaninchen lediglich nur 0,48 Quadratmeter Gehege-Fläche (Innenmass) und eine Mindesthöhe von 40 Zentimetern. Diese Empfehlungen kritisiert der Tierschutz und empfiehlt stattdessen für zwei Kaninchen mindestens ein Gehege mit sechs Quadratmetern. Zudem sollte es mindestens 60 bis 100 Zentimeter hoch sein, damit Kaninchen frei umherspringen und auch Männchen machen können. Rückzugsmöglichkeiten, Nageobjekte und begehbare erhöhte Flächen werden ebenfalls empfohlen, um das körperliche und seelische Wohlbefinden zu gewährleisten.

