Trockenmauern sind weitaus komplexere Lebensräume, als es auf den ersten Blick erscheint», sagt Marco Moretti, Leiter der Forschungsgruppe Naturschutzbiologie an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Was für uns wie starre Materie wirkt, ist aus ökologischer Sicht ein fein abgestimmtes Gefüge – ein Mosaik aus Nischen, Übergängen und Mikroklimata. Ein erstaunlich vielfältiges Mosaik: «Mauern vereinen auf wenigen Quadratmetern eine grosse Vielfalt an Mikrolebensräumen», erklärt Moretti. Kleine Spalten, Hohlräume, vorspringende Steine, schattige Winkel und sonnenexponierte Flächen bilden ein dichtes Nebeneinander unterschiedlicher Bedingungen. Gerade ihre Dreidimensionalität – das Nebeneinander von Oberfläche und Tiefe, von Hitze und Kühle, von Trockenheit und Feuchtigkeit – eröffnet Lebensmöglichkeiten, die in klassischen Lebensräumen wie Wiesen oder Wäldern so nicht existieren. «Studien zeigen, dass Trockenmauern den Artenreichtum deutlich erhöhen können – um bis zu 30 bis 60 Prozent im Vergleich zu Gebieten ohne Mauern.»
Diese räumliche Komplexität macht Mauern zu sogenannten «ökologischen Inseln». Inmitten städtischer Räume oder intensiv bewirtschafteter Agrarlandschaften bieten Mauern Rückzugsorte für spezialisierte Arten. Entscheidend ist dabei nicht nur das Vorhandensein einer Mauer, sondern ihre Beschaffenheit. Alter, Material und Struktur beeinflussen massgeblich, wie vielfältig sie besiedelt wird. «Eine alte, unverfugte Trockenmauer mit ihren offenen Fugen und unregelmässigen Steinen schafft ein ganz anderes Lebensraumangebot als eine glatte, zementierte Wand», so Moretti. Mit den Jahren nimmt die ökologische Komplexität in den Mauern sogar zu: «Staub, organisches Material und erste Pionierarten schaffen die Grundlage für weitere Besiedlung.»

Was Mauern so wertvoll macht, ist zugleich das, was sie zu einem herausfordernden Lebensraum werden lässt. Kaum Substrat, schnelle Austrocknung, starke Sonneneinstrahlung – Bedingungen, die auf den ersten Blick lebensfeindlich wirken. «Die sonnenexponierten Flächen erwärmen sich rasch und können im Sommer sehr hohe Temperaturen erreichen, während wenige Zentimeter tiefer in den Spalten kühle und feuchte Bedingungen vorherrschen. Das sind schon extreme Lebensräume», so Moretti. In der Tat zeigen Messungen Unterschiede von bis zu 20 Grad zwischen sonnen-exponierten Steinen und kühlen Spalten im Inneren. «So entsteht ein kleinräumiges Umweltmosaik, das Arten mit unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Ansprüchen ermöglicht, auf und in derselben Mauer zu koexistieren», erklärt Moretti weiter. Trockenheitsliebende Pflanzen wachsen auf den warmen, exponierten Flächen, während Moose und Farne schattige, feuchte Nischen besiedeln. Insekten nutzen die Hohlräume als Rückzugsorte, um Austrocknung zu vermeiden – oder gezielt die Wärme, um ihren Stoffwechsel anzukurbeln. Auch Reptilien profitieren von diesem Temperaturgefälle: Eidechsen wechseln gezielt zwischen warmen und kühlen Bereichen, um ihre Körpertemperatur zu regulieren.
So wird Ihre Mauer zum Lebensraum
• Nicht zementieren: Fugen offen lassen • Vegetation tolerieren: nicht auskratzen oder entfernen • Trockenmauer-Technik nutzen: ohne Mörtel bauen oder sanieren • Steinhaufen anlegen: Alternative für Gärten • Vernetzen: mit Hecken, Wiesen oder Beeten kombinieren
Mauern beherbergen zudem zahlreiche naturschutzrelevante und teils gefährdete Arten der Roten Liste. Dazu zählen Pflanzen wie Asplenium ruta-muraria und Draba muralis, die an sonnige Kalkspalten angepasst sind, sowie die Flechte Teloschistes chrysophthalmus, die europaweit stark bedroht ist. Auch unter den Wirbellosen finden sich spezialisierte Arten wie Wildbienen der Gattung Osmia und die Felsenschnecke Chondrina avenacea. Bei den Wirbeltieren ist die Mauereidechse regional gefährdet.
Für die Landwirtschaft sind Trockenmauern ebenfalls von Nutzen. Indem sie das Nisten bestimmter Bestäuber fördern und Lebensraum für Nützlinge bieten, stellen sie Ökosystem-Dienstleistungen zur Verfügung, welche für die landwirtschaftliche Produktion von Bedeutung sind. «Dies ist besonders bedeutsam für Arten der Gattung Osmia, insbesondere O. cornuta und O. bicornis, die als effiziente Bestäuber von Obstbäumen und Gemüse gelten», sagt Moretti und verweist auf die Nähe von Trockenmauern zu blütenreichen Flächen wie Obstgärten, Gärten, Hecken oder Wiesen.
Mauern als Trittsteinbiotope
Doch nicht jede Mauer ist ein Lebensraum. Entscheidend ist ihre Bauweise. «Werden Fugen zementiert oder Mauern vollständig betoniert, geht ihre ökologische Funktion weitgehend verloren», warnt Moretti. Ohne Spalten, Hohlräume, und Struktur fänden Pflanzen keinen Halt, Insekten keinen Unterschlupf, Reptilien keine Verstecke. Vergleichsstudien zeigen denn auch, dass die Biodiversität an zementierten Mauern um ein Vielfaches geringer ist – teils um das Fünf- bis Zehnfache. Eine Mauer mit schönen Sichtsteinen, die jedoch an der Vorderseite zum Boden hin zementiert ist, würde Moretti sogar als «fast tot» bezeichnen.
Check: Ist meine Mauer «lebendig»?
• Gibt es offene Spalten und Hohlräume? • Sind Moose, Flechten oder kleine Pflanzen sichtbar? • Lassen sich Insekten oder Spinnen beobachten? • Nutzen Tiere die Mauer als Sonnenplatz oder Versteck? • Je mehr «Ja», desto höher der ökologische Wert
Richtig gebaut hingegen werden Mauern in der Landschaft Teil eines grösseren Systems, sogenannten Trittsteinbiotopen. «Das ist ein Netzwerk aus Habitaten, welches isolierte Lebensräume verbindet», beschreibt er ihre Funktion. Gerade in fragmentierten Agrar- und Siedlungslandschaften ermöglichen sie es vielen Arten, sich schrittweise auszubreiten. Spinnen, Schnecken oder Käfer nutzen die Mauern als Zwischenstationen, Pflanzen verbreiten sich entlang der Spalten, und auch Eidechsen bewegen sich von Struktur zu Struktur. Besonders für wenig mobile Arten sind solche «Trittsteine» entscheidend. Sie verringern die ökologische Distanz zwischen Lebensräumen – und erhöhen damit die Überlebenschancen ganzer Populationen.
Unterschätzt und gefährdet
Wer durch die Weinberge des Wallis, die Hügel des Juras oder die Terrassenlandschaften im Tessin wandert, begegnet Trockenmauern auf Schritt und Tritt. Sie sind Zeugnisse traditioneller Baukunst und ein grundlegendes Element der ökologischen Infrastruktur. «Dennoch sind traditionelle Mauern und Trockenmauern in der Schweiz leider nicht als Biotope geschützt. Stattdessen verfügen sie – sofern sie in ein Inventar des Kulturguts oder der historischen Denkmäler aufgenommen wurden – über einen Schutzstatus aus kultureller Perspektive im Rahmen des Landschaftsschutzes», bedauert Moretti. Mauern verfallen dort, wo sie nicht mehr gepflegt werden. In abgelegenen Regionen werden sie von Vegetation überwuchert, Wurzeln sprengen die Struktur, Steine lösen sich.

An anderen Stellen verschwinden sie gezielt: In intensiv bewirtschafteten Gebieten werden Mauern entfernt, um Maschinen Platz zu machen und Flächen zu vereinheitlichen. Das Ergebnis ist ein schleichender Verlust – und mit ihm verschwinden nicht nur Steine, sondern ganze Lebensgemeinschaften. Dabei helfen Mauern den in ihr lebenden Organismen in Zeiten des Klimawandels, Hitzewellen und Trockenperioden besser zu überstehen. Damit dies funktioniert, müssen die Mauern jedoch gut strukturiert und unverputzt sein – vor allem im unteren Bereich. Wird dieser verputzt, gehen viele der wichtigen Temperaturunterschiede verloren.

Für Landwirte und Privatpersonen bedeutet dies, traditionelle Mauern möglichst zu erhalten und die Zementierung zu vermeiden, um einen konkreten Beitrag zur ökologischen Stabilität eines Gebiets und zur Förderung der Biodiversität zu leisten. «Zwischen Trockenmauern und anderen Elementen wie Hecken oder Wiesen sollten Verbindungen hergestellt und so die Biodiversität und die Interaktionen mit den angrenzenden Lebensräumen gefördert werden. In Gärten kann ein Steinhaufen angelegt werden, der punktuell die Funktionen einer traditionellen Mauer übernehmen kann.»

