Lebensraum Mauer
Biodiversität zwischen Stein und Spalt
Wir gehen täglich an ihnen vorbei. Sie stützen Hänge, begrenzen Gärten, säumen Weinberge. Mauern sind da, um zu halten, zu trennen, zu ordnen. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt: Zwischen den Steinen pulsiert Leben.
Trockenmauern sind weitaus komplexere Lebensräume, als es auf den ersten Blick erscheint», sagt Marco Moretti, Leiter der Forschungsgruppe Naturschutzbiologie an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Was für uns wie starre Materie wirkt, ist aus ökologischer Sicht ein fein abgestimmtes Gefüge – ein Mosaik aus Nischen, Übergängen und Mikroklimata. Ein erstaunlich vielfältiges Mosaik: «Mauern vereinen auf wenigen Quadratmetern eine grosse Vielfalt an Mikrolebensräumen», erklärt Moretti. Kleine Spalten, Hohlräume, vorspringende Steine, schattige Winkel und sonnenexponierte Flächen bilden ein dichtes Nebeneinander unterschiedlicher Bedingungen. Gerade ihre Dreidimensionalität – das Nebeneinander von Oberfläche und Tiefe, von Hitze und Kühle, von Trockenheit und Feuchtigkeit – eröffnet Lebensmöglichkeiten, die in klassischen Lebensräumen wie Wiesen oder Wäldern so nicht existieren. «Studien zeigen, dass Trockenmauern den Artenreichtum deutlich erhöhen können – um…
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