Blickwinkel
Kommentar zur Taubentötung in Zürich: Dieser Shitstorm war verdient
Zürich wollte die Taubenpopulation kontrollieren – und löste stattdessen einen internationalen Shitstorm aus. Zu Recht: Wer sich als progressive Stadt versteht, sollte auf moderne und humane Lösungen setzen, statt Tiere in Fallen zu töten.
Die Szenen, die sich am 9. April in Zürich abspielten, verbreiteten sich bis über die Landesgrenzen hinaus: Handyaufnahmen am Stadelhoferplatz zeigen einen grossen Käfig. Darin flattern unzählige Tauben panisch herum. Diese angstvollen Momente hinter Gittern sind die letzten Augenblicke ihres Lebens.
Denn der Käfig ist eine Falle. Kurz darauf erscheinen Wildhüter im Blickfeld der Kamera und breiten ein grünes Tuch darüber aus. Was sich darunter abspielt, ist auf den Aufnahmen zwar nicht ersichtlich, wurde aber von der Stadt Zürich gegenüber «20 Minuten» bestätigt: Die Tauben wurden «entsprechend der gültigen Praxis nach einem Betäubungsschlag mit einem Genickbruch fachgerecht gekeult».
Die Rechtfertigung der Stadt: Die Tauben hinterlassen jährlich rund 80 Tonnen Kot. Diese Verschmutzung verursache Schäden am Mauerwerk und an Fassaden, sehe unschön aus und könne gesundheitliche Folgen nach sich ziehen. Man setze daher auf einen kleinen, aber gesunden Taubenbestand. Dass sich die Bevölkerung oft nicht an das seit 2023 geltende Fütterungsverbot halte, führe zur unkontrollierten Vermehrung der städtischen Taubenpopulation – was Konsequenzen in Form von jagdlichen Eingriffen erfordere. Wie eben in Stadelhofen.
Der dortige Eingriff sorgte für einen internationalen Aufschrei: Zahlreiche Tierschutzorganisationen, Medien und Einzelpersonen – darunter der reichweitenstarke deutsche Tierschützer Malte Zierden – kritisierten das Vorgehen scharf. Die Folgen bezeichneten die Behörden als «orchestrierte Flutung des städtischen Instagram-Kanals»: Man habe sich gezwungen gesehen, die Kommentarfunktion vorübergehend einzuschränken.
Nicht nur online formierte sich Protest: Einem Aufruf des Vereins Stadttauben Schweiz folgend, trafen sich am 18. April rund 300 Menschen am Zürcher Europaplatz zu einer Kundgebung. Ihre Forderung an die Stadt: ein flächendeckender Ausbau von betreuten Taubenschlägen nach dem Augsburger Modell. Dabei wird Futter ausgelegt; Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht. Diese Variante des Taubenmanagements ist nicht nur in der namensgebenden, sondern in zahlreichen anderen Städten in der DACH-Region etabliert.
Es bleibt nur zu hoffen, dass den Forderungen auch Massnahmen folgen. Denn ganz ehrlich, liebes Zürich, diesen Shitstorm habt ihr euch verdient. Ihr betreut auf einer städtischen Fläche von knapp 88 Quadratkilometern an drei Standorten Taubenschläge. Zum Vergleich: Bern hat auf einer Fläche von 51,6 Quadratkilometern acht Standorte mit Taubenschlägen mit je bis zu 150 Brutnischen, setzt auf alternative Massnahmen wie die Sterilisation männlicher Vögel und senkt den Bestand erfolgreich und tierschutzkonform.
Mit eurem Laubbläser-Verbot habt ihr letzten Herbst eine europaweite Vorreiter-Rolle eingenommen und dabei unzähligen Kleintieren einen Gefallen getan, liebes Zürich. Tut dasselbe für eure Tauben, nehmt euch ein Vorbild an anderen Städten und behandelt sie als das, was sie sind: Als Bewohnerinnen, die in die grösste Schweizer Stadt gehören.
Zur Autorin Lara Aebi ist Redaktorin bei der TierWelt und lebt in Bern. Tauben gehören für sie zum Bild einer jeden Stadt.
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