Trotz seines Namens besitzt das Bachneunauge keine neun Augen. Die «neun Augen» entstehen durch sieben kleine Kiemenöffnungen hinter dem eigentlichen Auge sowie die Nasenöffnung. Das Tier gehört zu den Rundmäulern und damit zu einer uralten Tiergruppe, die sich bereits vor über 500 Millionen Jahren entwickelte. Damit ist das Bachneunauge evolutionär älter als praktisch alle heutigen Knochenfische.
In der Schweiz, in Deutschland und Österreich lebt das Bachneunauge in kühlen, sauerstoffreichen Bächen mit kiesigem Untergrund. Besonders wichtig sind naturnahe Gewässer mit ruhigen Sandbereichen und sauberem Wasser. Genau dort beginnt auch seine recht ungewöhnliche Lebensgeschichte. Die erwachsenen Tiere werden meist nur 10 bis 20 Zentimeter lang und leben erstaunlich kurz. Nach der Fortpflanzung sterben sie. Den grössten Teil ihres Lebens verbringen Bachneunaugen nämlich nicht als frei schwimmende Tiere, sondern als Larven, verborgen im Gewässergrund.
Diese Larven heissen Querder und sehen völlig anders aus als die erwachsenen Tiere. Sie graben sich in sandige Bachabschnitte ein und filtern dort über Jahre hinweg Kleinstlebewesen und organische Partikel aus dem Wasser. Je nach Temperatur und Nahrungsangebot dauert dieses Larvenstadium drei bis fünf Jahre – deutlich länger als das eigentliche Erwachsenenleben.
Kraftakt im Kiesbett
Danach verwandeln sich die Tiere: Augen und Saugmaul entwickeln sich, der Körper verändert seine Form und die Tiere werden geschlechtsreif. Anders als grössere Neunaugenarten nimmt das Bachneunauge als erwachsenes Tier keine Nahrung mehr auf. Seine Energiereserven reichen gerade noch für die Fortpflanzung.
Zur Laichzeit wandern die Tiere gegen die Strömung und bauen kleine Laichgruben im Kies. Mehrere Tiere bewegen dabei gemeinsam Steine mit ihrem Saugmaul – ein erstaunlich kraftvoller Vorgang für so kleine Tiere. Nach dem Ablaichen sterben die Elterntiere. Weil Bachneunaugen extrem empfindlich auf Veränderungen reagieren, gelten sie als wichtige Zeigerarten für gesunde Gewässer. Genau darin liegt heute ihr Problem.
Ein Spezialist verschwindet
Viele Bäche wurden begradigt, verbaut oder durch Wehre zerschnitten. Feiner Schlamm aus Landwirtschaft oder Baustellen setzt die Kieslücken zu, in denen Eier und Larven leben. Besonders kritisch ist, dass die Larven jahrelang auf stabile Bedingungen angewiesen sind. Wird ein Bach in dieser Zeit ausgebaggert, verschmutzt oder austrocknet, verschwindet oft gleich eine ganze Generation.
Das Bachneunauge gilt deshalb in vielen Regionen Europas als gefährdet. In der Schweiz steht es unter Schutz. Grössere Populationen finden sich heute vor allem entlang des Jurasüdfusses, im Aaretal und in der Linthebene. Nachgewiesen wurden sie unter anderem in der Birs, im Birsig oder in der Wiese bei Basel.

