Experten-Interview
Welche Flusskrebse sind essbar und darf man sie überhaupt fangen?
Das Leben von Flusskrebsen findet mehrheitlich im Verborgenen statt. Der Gewässerspezialist Rolf Schatz hat sich eingehend mit den Tieren beschäftigt und wird nicht müde, von der Welt dieser bedrohten Wasserlebewesen zu erzählen. Wir haben ihn über das Leben der faszinierenden Tiere ausgequetscht.
Herr Schatz, woran erkennt man einen Flusskrebs?
Sicher an seinen zwei grossen Scheren. Und an seinen zehn Füssen: fünf links und fünf rechts.
Welche Flusskrebsarten leben in der Schweiz?
Edelkrebs, Steinkrebs und Dohlenkrebs. Beim Dohlenkrebs gibt es aber zwei Unterarten: Einerseits der Westliche Dohlenkrebs und andererseits der Italienische Dohlenkrebs, der nur auf der Alpensüdseite vorkommt.
Welche Ansprüche haben Flusskrebse an ihren Lebensraum?
Krebse graben gerne Löcher, wo sie ihre Behausungen einrichten. Damit das gelingt, brauchen sie einen Boden, der locker genug ist. Gerade im Uferbereich, wo sie sich meistens aufhalten, braucht es geeignete Wohn- und Nistgelegenheiten.
Wie empfindlich sind sie gegenüber Gewässerverschmutzung?
Das Wasser von Schweizer Weihern enthält zu viele Nährstoffe. Das führt dazu, dass am Gewässergrund irgendwann eine sauerstofflose Zone entsteht. Genau dort halten sich aber die Flusskrebse auf. Das Wasser muss also eine entsprechende Qualität haben. Die vielen Gewitter und grossen Regenfälle, die wir immer öfter erleben, führen ausserdem zu einem enormen Geschiebe im Wasser. Das tangiert die Behausungen der Flusskrebse.
Welche weiteren Auswirkungen hat der Klimawandel auf Flusskrebse?
Die Erwärmung des Wassers kann zum Problem werden. Vor allem, wenn die Wassermenge abnimmt und gleichzeitig die Temperatur enorm steigt.
Welche Probleme bringen invasive Flusskrebsarten?
Da sie sich stark vermehren, sind sie eine zunehmende Konkurrenz. Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs zum Beispiel fühlt sich in den immer wärmeren Gewässern so wohl, dass er sich mittlerweile zwei Mal im Jahr fortpflanzen kann. Damit hat er gegenüber unseren heimischen Arten eine doppelte Reproduktionsrate. Das andere Problem ist die Krebspest – eine eingeschleppte Krankheit – die für unsere Krebse tödlich ist.
[IMG 2]
Kann man alle Flusskrebsarten essen?
Essen kann man grundsätzlich alle Arten. Die Frage ist immer, ob es sich lohnt im Verhältnis zum Fleischertrag. Sinn macht es also nur beim Galizischen Sumpfkrebs, beim Signalkrebs aus Amerika und beim Edelkrebs. Die anderen sind alle zu klein zum Essen, weil der Aufwand zu gross ist für das wenige Fleisch. Früher waren Krebse aber auch ein eiweisshaltiges Nahrungsmittel der armen Leute.
Ist das Fangen von Flusskrebsen heute noch erlaubt?
Das Fangen braucht immer eine Sonderbewilligung – ob bei einheimischen oder nicht einheimischen Arten.
Welche heimischen Arten sind besonders gefährdet?
Es sind alle auf der Roten Liste und massiv unter Druck. Der Steinkrebs aber ist am stärksten bedroht.
Was passiert, um sie zu fördern?
In den letzten zehn Jahren ist enorm viel gegangen. Der Bund gründete die Koordinationsstelle ‹Flusskrebse Schweiz›, die versucht, Daten, Erfahrungs- und Ausbreitungsberichte invasiver Arten aus den Kantonen zu koordinieren. Viele Kantone starteten nun auch mit eigenen Zucht- oder Umsiedlungsprogrammen. Wo es noch schöne Bestände hat, kann man eine gewisse Anzahl Tiere entnehmen, umsiedeln und dann versuchen, in einem neuen Gewässer eine neue Population aufzubauen.
Wie vielversprechend sind solche Programme?
Ob die Wiederansiedlung funktioniert, weiss man erst nach mehreren Jahren. Ich denke, die tatsächlichen Erfolge wird man erst in ein paar Jahren nachweisen können.
Zur Person: Rolf Schatz setzt sich seit vielen Jahren für bedrohte Tierarten im und am Wasser ein. Er gilt als profunder Kenner einheimischer Krebs- und Muschelarten und betreibt eigene Nachzucht- und Wiederansiedlungsprojekte.
Was können Privatpersonen für den Schutz einheimischer Krebse tun?
Wir erleben es immer wieder, dass Leute aus den Ferien Krebse nach Hause mitnehmen. Sie setzen sie dann im privaten Weiher oder im Dorfbach aus, weil sie dort Krebse haben möchten. Wenn es jedoch eine invasive Art ist, geht der Schuss nach hinten los. Wir würden hier entsprechend Zurückhaltung begrüssen.
Was fressen Flusskrebse?
Sie ernähren sich von Wasserpflanzen, Algen, Blättern, fressen aber auch gerne Regenwürmer, Eintagsfliegen, Köcherfliegen und weitere wirbellose Tiere. Manchmal erwischen sie auch verletzte Fische. Für gesunde Fische sind sie zu langsam.
Wie wichtig sind sie für das Ökosystem?
Flusskrebse sind als Prädatoren ein wichtiger Teil der Balance eines Ökosystems. Ausserdem sind ihre Jungen wiederum wichtige Eiweissquellen für andere Raubtiere.
Wie wachsen Flusskrebse?
Krebse müssen sich häuten. Wenn sie noch jung sind und ein gutes Futterangebot haben, können sie sich mehrmals jährlich häuten. Wenn sie ausgewachsen sind, kommt es noch höchstens ein bis zwei Mal pro Jahr vor. Irgendwann schaffen sie diesen unglaublichen Kraftakt dann nicht mehr. Das ist der häufigste Grund für Todesfälle von Krebsen.
Wie alt können Flusskrebse werden?
Steinkrebse oder Dohlenkrebse können etwa acht bis zwölf Jahre alt werden. Bei Edelkrebsen heisst es, dass sie bis 20 Jahre alt werden können.
Welche Feinde haben Flusskrebse?
Jungtiere werden von Fischarten wie Egli, Rotaugen oder Hechten gefressen. Dazu kommen Fischreiher, Karpfen und noch viele weiteren Prädatoren, die lauern.
Können sie sich mit ihren Scheren verteidigen?
Nein, das ist eher ein Imponieren und Machtgehabe zur Abschreckung.
[IMG 3]
Wie orientieren sich Flusskrebse im Wasser?
Mit ihrer langen Antenne suchen sie die Informationen, die sie brauchen – insbesondere was die Futteraufnahme betrifft. Besonders interessant: Wenn man einen Krebs aus dem Becken nimmt und irgendwo hinstellt, findet er immer den direkten Weg zum Wasser zurück. Die Antenne scheint also wie eine Wünschelrute zu sein, die das Wasser aufspürt.
Können sie an Land nicht überleben?
Wenn die Luftfeuchtigkeit hoch genug ist, ja. Denn sie nehmen den Sauerstoff über Kiemen auf. In Spätherbstwochen sieht man Flusskrebse häufig auf Moos am Ufer, wo sie Futter suchen.
Wie überstehen sie den Winter?
Sie gehen in eine Ruheposition, fahren den gesamten Organismus runter. So verbrennen sie kaum noch Kalorien und müssen keine Nahrung mehr aufnehmen. Sie versuchen aber dennoch, im Hinblick auf den Winter einen Bauch anzufressen, damit sie diese Jahreszeit besser überstehen.
Wann werden Flusskrebse wieder aktiv?
Das hängt von der Wassertemperatur ab. In der Regel geht es ab April wieder los, wenn die Schneeschmelze mehrheitlich durch ist. Je wärmer es ist, desto aktiver werden sie.
Wie stehen die Chancen, einen Flusskrebs in der Schweiz zu sehen?
Nicht sehr gross. Nicht einmal, weil es nicht mehr viele gibt, sondern weil Flusskrebse nachtaktiv und tagsüber sehr selten zu sehen sind.
Kann es vorkommen, dass man von Flusskrebsen geklemmt wird?
Ja, sie haben schon Kraft in den Scheren. Und diesen Druck spürt man auf der Haut. Wenn man dann vor Schreck die Hand schüttelt, kann es von den Zacken auf der Innenseite der Scheren einen Art Schnitt geben.
Ist das schmerzhaft?
Gerade, wenn kleine Krebse klemmen, kann das schon schmerzhaft sein. Denn sie erwischen nur die äusserste Schicht und klemmen die Haut so ein. Das fühlt sich an, wie wenn jemand mit den Fingernägeln zwickt.
Was fasziniert Sie persönlich an Flusskrebsen?
Der Österreicher Johannes Hager, der das wunderbare Buch über Flusskrebse geschrieben hat, schreibt in der Einleitung: ‹Krebse sind stur und dickköpfig. Wer aber je einen Krebs bei der Häutung beobachten konnte, wird verstehen, dass man diesen Tieren verfallen kann.› Ich finde das einen schönen Vergleich.
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren