Ein Weizenfeld am Wald in Dettenried (ZH), bewölkter Himmel, Hitze. Ein gewöhnlicher Morgen im Juli, könnte man meinen. Nicht ganz, denn Michael Moser sichert Spuren. Mitten im Feld. «Es waren mehrere. Da! Aha, hier haben wir’s!», murmelt der stämmige Mann, bückt sich und greift nach etwas Länglichem. Wie in einem Krimi.
Doch Michael Moser klärt keinen Mordfall auf. Es geht um Wildschweinschäden. Der Wildschadenschätzer wurde von Bauer Rico Kägi auf das Feld gerufen. Michael Moser stapft entlang der Traktorspuren durch die Ähren und liest im Weizenfeld wie aus einem Buch: «Die Wildschweine nehmen mehrere nebeneinander stehende Stängel ins Maul, drehen sie kreisartig und reissen die Ähren mit den Körnern ab», erklärt er. «Sie kauen und speien die Spelzen aus.» Moser zeigt auf entsprechende Häufchen mit den Überresten.
Die Rotte kam offenbar aus dem Wald und trippelte in Einerkolonne entlang einer Traktorspur ins Feld – um dann mittendrin kulinarischen Genüssen zu frönen. «Hier wurde vor einem Jahr Mais angebaut. Die liegen gebliebenen Kolben wurden nicht eingesammelt», deutet Michael Moser die Tatspuren weiter. Er bückt sich und nimmt einen abgenagten Maiskolben vom Boden auf. Der Wilddetektiv sagt dazu: «Die untergepflügten Kolben begannen zu gären. Das riechen die Wildschweine. Sie lieben solche Nahrung.» Die Tiere würden die Kolben auswühlen. Tatsächlich befinden sich immer wieder Löcher im Feld, daneben liegt jeweils das Corpus Delicti.

«Wie hoch schätzt du den Schaden?», fragt Michael Moser den hinzugekommenen Landwirt Rico Kägi, während er eine Drohne startet. Der Bauer spricht von 15 Prozent. Tatsächlich haben die Schweine 18 Prozent des Weizenfeldes vernichtet. Das hat Michael Moser mit der Drohne ermittelt. Auch der Jagdaufseher ist zur Stelle. Rico Kägi hätte eigentlich eine Entschädigung durch den Kanton von knapp 2000 Franken zugute. Er erhält sie aber nicht, weil er keine Vorkehrungen getroffen hat, die Kultur zu schützen. «Es handelt sich um eine wildschadengefährdete Parzelle; die Verpflichtung, die Kultur zu schützen, gilt für vier Jahre», erklärt Michael Moser dem erstaunten Landwirt. Er habe hier schon vor einem Jahr einen Schaden festgestellt. Der Bauer sagt schulterzuckend, dass ihm das nicht bekannt sei. Der Jagdaufseher erinnert ihn daran, dass im Dorf eine Infoveranstaltung zum Thema stattgefunden und er dort nicht teilgenommen habe.

Leben im Versteckten
«Wir sind uns bewusst, dass die Landwirte viele Vorschriften zu beachten haben», sagt der Wildschadenschätzer Michael Moser, der im Auftrag des Kantons Zürich unterwegs ist, später. Kulturen in als gefährdet ausgewiesenen Gebieten müssen mit dreilitzigen Elektrozäunen geschützt werden. «4000 Volt müssen auf dem Zaun sein», stellt Michael Moser klar. Weiter schaffe ein Duftstoff Abhilfe, der menschlichen Schweiss imitieren würden. Er wird auf Stoffstücke aufgetragen, die auf Zaunpfählen befestigt und mit einer umgekehrten PET-Flasche geschützt werden. Zaun und Mittel werden durch den Kanton finanziert.
Michael Moser aus Oerlingen (ZH) ist alles andere als ein Theoretiker. Er kennt sämtliche Seiten aus eigener Erfahrung. Ursprünglich absolvierte er eine landwirtschaftliche Lehre und liess sich weiter zum Demeter-Landwirt ausbilden. Er bewirtschaftet einen eigenen Hof mit Mutterkuhhaltung, engagiert sich in der Rehkitzrettung, ist Drohnen-Fluginspektor, Jäger und Wildschweinhalter.
Der Wildschweinkenner und Jäger stellt klar:«Diese Tiere gehören in unser Habitat.» Es gehe darum, den Bestand so zu managen, dass es zu möglichst wenig Schäden komme. Wildschweine seien anfangs der 1990er Jahre aus Deutschland wieder in die Schweiz eingewandert. «Sie riechen sieben Mal besser alsHunde, hören gut und sind ausserordentlich intelligent.» Wenn Moser über Wildschweine spricht, schwingt Bewunderung und Achtung für diese Tiere mit. So gross wie sie sind: Wo sie sich genau aufhalten und was sie treiben, bleibt in weiten Teilen unbekannt. Deshalb kann der Bestand nicht gezählt werden.
Michael Moser sagt, was man weiss: «Wildschweine leben im Matriarchat.» Das heisst, dass die Allesfresser in Weibchengruppen umherziehen. «Wird die Leitbache geschossen, zersprengt das die Gruppe und löst einen Vermehrungsschub aus.» Sie habe die Rauschigkeit der anderen Weibchen synchronisiert und habe deren Fortpflanzungsrhythmus zeitweise unterdrücken können. «Ohne diese Mechanismen haben Wildschweine eine Fortpflanzungsrate von 250 Prozent.» Auch ein energiereiches Nahrungsangebot, wie etwa das von Mais- oder Getreidefelder, führe zu einer grösseren Vermehrungsrate.

Schwierige Wildschweinjagd
Im Kanton Zürich werden Wildschweine hauptsächlich auf Feldern gejagt. Das Ziel: Die Tiere sollen sich dort unsicher fühlen und sich darum mehr im Wald aufhalten. Leitbachen erinnern sich, wo sie Gefahren ausgesetzt waren, und meiden diese Zonen fortan. Michael Moser sagt dazu: «Ich schiesse Schwarzwild in meinem Revier nur noch auf dem Feld.» Er räumt aber ein: «Es kommt auf das Revier an. Mein Revier beinhaltet640 Hektaren bebautes Gebiet und 360 Hektaren Wald.» Eine Wildsau benötige 10 bis 15 Hektaren Mischwald, damit sie sich ernähren könne. «Ein Jäger muss darauf achten, dass der Bestand seines Reviers zum Habitat passt.» Wenn der Bestand zu gross werde, sei es klar, dass die Wildschweine auf die Felder drängten.
Das Ansitzen am Stoppelfeld in der Nacht sei aber nicht in jedem Gebiet empfehlenswert. «Jogger sind auch noch nachts um drei Uhr unterwegs, Spaziergänger mit Hunden ebenfalls.» Weiter gibt der Jäger zu bedenken: «Nach einem Beschuss rennen Wildschweine bis 16 Kilometer weit, bis sie zur Ruhe kommen. Das heisst, sie preschen durch zwei Reviere hindurch. Auch Revierjäger müssen sich miteinander austauschen.

Es sei anspruchsvoll, Wildschweine zu jagen. «Als Jäger muss ich wissen, was ich schiesse», stelltMichael Moser klar. Das bedinge, dass er die Bauchleiste des Wildschweins sehe. «Eine Bache hat Zitzen, die schiesse ich nicht.» Im Getreidefeld könnten deshalb kaum Tiere erlegt werden. «Nach der Ernte durchstöbern Wildschweinrotten aber das Stoppelfeld auf der Suche nach Mäusen. Sie wühlen sie auch in 60 Zentimeter Tiefe noch aus. Das ist der Moment, wo der Jäger auflauern kann.» Wenn Bauer, Jagdaufseher und Jäger nicht zusammenarbeiteten, hätten sie keine Chance, ist Michael Moser überzeugt.
Da die Schäden zunehmen und die Bejagung der Wildschweine im Wald zu keiner Schadensverminderung führte, hat der Kanton Zürich die Jagd auf Feldern und den Schutz der Kulturen lanciert. Wildscheine halten sich aber nicht an Grenzen. In den angrenzenden Kantonen Aargau, Thurgau und in Deutschland gibt es keine Regelung.

Garten vor Wildschweinen schützen
Gärten am Rand von Wäldern oder Feldern, in denen Fallobst, Kartoffeln, Mais, Rüebli, Randen oder Kürbisse wachsen, sind in Gefahr, von Wildschweinen heimgesucht zu werden. Besonders im Herbst, wenn Eicheln und Bucheckern knapp werden, sowie im Winter, wenn andere Nahrungsquellen fehlen, locken liebevoll gepflegte Beete die Tiere an. Bei Gärten am Waldrand hilft ein stabiler Wildschutzzaun entlang der Grundstücksgrenze, Wildschweine fernzuhalten. Ein zusätzlicher Elektrozaun erhöht die Sicherheit. Das konsequente Entfernen aller Futterquellen macht das Grundstück für Wildschweine unattraktiv. Dazu gehört, den Kompost abzudecken und keine Essensreste darauf zu entsorgen, Tierfutter nicht draussen stehen zu lassen sowie Mülltonnen gut zu verschliessen. In kleinen Gärten, die bereits in der Vergangenheit von Wildschweinen besucht wurden, hilft es zudem, Fallobst regelmässig zu entfernen und Gemüsebeete mit einem Elektrozaun zu schützen. Falls Wildschweine regelmässig Schäden verursachen, kann der zuständige Jäger oder die Wildhut informiert werden. Sie beurteilen, ob in der Umgebung Massnahmen notwendig sind. Die Kontaktdaten können bei der Gemeindeverwaltung erfragt werden.

