Es wiegt gerade einmal 16 Gramm – ungefähr so viel wie drei Teelöffel Zucker. Und doch schafft das Braunkehlchen auf seinem jährlichen Zug eine Leistung, die kaum vorstellbar scheint: Bis zu 45 Stunden lang fliegt der kleine Vogel ohne Unterbrechung über die Sahara.

Forschende haben die Zugrouten von Braunkehlchen zwischen den französischen Alpen und Westafrika rekonstruiert. An der Studie war auch die Schweizerische Vogelwarte beteiligt. Mithilfe von Geolokatoren, die Licht und Luftdruck messen, konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Reisen der Vögel nachvollziehen.

Im Herbst gemütlicher, im Frühling direkt

Die Daten von sieben Braunkehlchen zeigen, dass die Vögel im Herbst und im Frühjahr unterschiedliche Routen wählen. Fachleute bezeichnen dieses Verhalten als «Schleifenzug».

Auf dem Weg nach Süden reisen die Braunkehlchen vergleichsweise gemächlich: Im Herbst fliegen sie in kleineren Etappen entlang der westafrikanischen Küste in ihre Überwinterungsgebiete. Im Frühjahr hingegen nehmen sie eine direktere und deutlich anspruchsvollere Route – quer durch die Sahara.

Sechs der sieben untersuchten Vögel überquerten die Wüste in einem einzigen, ununterbrochenen Flug. Zwischen 37 und 45 Stunden waren sie dabei ohne Pause unterwegs – und das in Höhen von 4000 bis 6000 Metern.

«Dass ein kleiner Vogel von kaum 16 Gramm fast zwei Tage lang ununterbrochen in einer Höhe fliegt, wo die Luft sehr dünn ist und die Temperaturen auf bis zu minus 10 Grad Celsius sinken, zeigt, zu welch extremen körperlichen Leistungen diese Zugvögel fähig sind», sagt Paul Dufour, Forscher an der Schweizerischen Vogelwarte und Mitautor der Studie.

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Nach der Sahara wartet die nächste Gefahr

So beeindruckend die Fähigkeiten des Braunkehlchens sind: In der Schweiz ist die Art bedroht. Die neue Studie untersuchte zwar eine Population aus den französischen Alpen. Deren Zugstrategie dürfte jener der Schweizer Braunkehlchen jedoch sehr ähnlich sein.

Die grösste Herausforderung wartet für die Vögel hierzulande nicht in eisiger Höhe über der Sahara, sondern auf den Wiesen, auf denen sie ihren Nachwuchs grossziehen.

Das Braunkehlchen brütet am Boden und ist auf artenreiche Blumenwiesen angewiesen. Doch solche Lebensräume sind durch die intensive Bewirtschaftung selten geworden. Werden Wiesen zu früh gemäht, können Nester und Jungvögel der Mahd zum Opfer fallen. Eine Überlebenschance haben die Vögel insbesondere dort, wo geeignete Wiesen frühestens ab dem 15. Juli gemäht werden.

Die Schweizerische Vogelwarte arbeitet deshalb in mehreren Kantonen mit Landwirtinnen und Landwirten zusammen, um das Braunkehlchen zu fördern. Dieses Engagement trägt dazu bei, dass die Art in der Schweiz überhaupt noch brüten kann.

Die neuen Erkenntnisse über die Zugwege helfen nun, den Schutz des Braunkehlchens über das Schweizer Brutgebiet hinaus zu betrachten. Denn wer einen Zugvogel langfristig schützen will, muss seinen gesamten Jahreszyklus kennen – von den heimischen Blumenwiesen bis zu den Überwinterungsgebieten in Westafrika.