Partnerwahl bei Primaten
Guinea-Paviane: Warum gute Jäger Weibchen nicht beeindrucken
Fleisch ist für Guinea-Paviane eine seltene Delikatesse. Trotzdem stehen erfolgreiche Jäger bei den Weibchen offenbar nicht höher im Kurs. Eine Langzeitstudie aus Senegal zeigt: Bei der Partnerwahl zählen andere Eigenschaften – und die Weibchen gehen sogar selbst auf die Jagd.
Fleisch ist begehrt, selten und nahrhaft. Wer es beschaffen kann, müsste also eigentlich gute Karten bei der Partnersuche haben. Bei wildlebenden Guinea-Pavianen (Papio papio) scheint diese Rechnung jedoch nicht aufzugehen.
Forschende des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) haben untersucht, ob Weibchen bevorzugt mit Männchen zusammenleben, die besonders erfolgreich Beute machen und Fleisch mit anderen teilen. Das überraschende Resultat: Einen solchen Zusammenhang fanden sie nicht.
Pavian-Weibchen jagen selbst
Für die Untersuchung wertete das Team um William J. O’Hearn Beobachtungen aus neun Jahren an der DPZ-Feldstation Simenti im Senegal aus. Insgesamt flossen Daten von 465 individuell bekannten Pavianen sowie 109 dokumentierte Ereignisse ein, bei denen die Tiere Fleisch frassen.
Dabei stiessen die Forschenden auf eine Besonderheit: In elf Prozent dieser Fälle hatten Weibchen die Beute erlegt. Es handelt sich laut den Forschenden um die erste Dokumentation dieses Verhaltens bei Guinea-Pavianen.
Auch sonst sind die Weibchen offenbar weniger stark von ihrem jeweiligen Hauptmännchen abhängig als bislang angenommen. 41 Prozent des Fleisches, das Weibchen frassen, erhielten sie aus anderen Quellen.
Das relativiert frühere Beobachtungen. Eine vorangegangene Studie hatte gezeigt, dass Fleisch bei Guinea-Pavianen vor allem entlang enger sozialer Beziehungen weitergegeben wird. Besonders häufig gelangt es innerhalb der kleinsten sozialen Einheit von einem Tier zum nächsten.
Gute Jäger haben nicht mehr Weibchen
Guinea-Paviane leben in einer komplexen, mehrstufigen Gesellschaft. Die kleinste Einheit besteht aus einem Männchen, einem oder mehreren Weibchen und deren Nachwuchs. Mehrere solcher Einheiten schliessen sich wiederum zu grösseren Verbänden zusammen.
Die Forschenden wollten deshalb wissen: Profitieren Männchen bei der Partnerwahl davon, wenn sie besonders häufig Fleisch beschaffen oder weitergeben?
Die Antwort lautet offenbar Nein. Die statistischen Analysen zeigten weder einen Zusammenhang mit der Anzahl der Weibchen in der Gruppe eines Männchens noch mit der Dauer der Beziehungen zwischen Männchen und Weibchen.
«Entgegen unserer Vorhersage fanden wir keine Hinweise darauf, dass Weibchen es bevorzugten, sich Gruppen von Männchen anzuschliessen oder länger in diesen zu verbleiben, wenn diese Männchen häufiger Fleisch beschafften oder teilten», sagt Studienleiter William J. O’Hearn.
Stattdessen beschaffen sich Weibchen einen erheblichen Teil des Fleisches unabhängig von ihrem Hauptpartner – mitunter eben durch eigene Jagd.
[IMG 2]
Das Alter scheint wichtiger zu sein
Einen anderen Faktor konnten die Forschenden hingegen mit dem Erfolg der Männchen in Verbindung bringen: das Alter. Männchen im frühen bis mittleren Erwachsenenalter hatten mehr Weibchen in ihrer Gruppe als ältere Tiere.
Was genau ein Guinea-Pavian-Männchen für Weibchen attraktiv macht, ist damit allerdings noch nicht abschliessend geklärt.
Denkbar sind körperliche Signale. Dazu gehört beispielsweise die Rotfärbung bestimmter Hautpartien, die möglicherweise Rückschlüsse auf die körperliche Verfassung eines Männchens zulässt.
Auch das Verhalten könnte eine Rolle spielen. Weibchen könnten etwa darauf achten, wie ein Männchen mit Nachwuchs umgeht oder wie es sich gegenüber anderen Weibchen verhält.
Fleisch ist schlicht zu selten
Warum spielt Jagderfolg bei der Partnerwahl keine grössere Rolle? Eine mögliche Erklärung ist simpel: Fleisch kommt im Alltag wildlebender Guinea-Paviane nur selten auf den Speiseplan. Damit eignet sich der Jagderfolg möglicherweise kaum als verlässliches Signal für die langfristige Qualität eines Partners.
Das unterscheidet die Paviane von menschlichen Jäger- und Sammlergesellschaften, in denen Jagd und das Teilen der Beute eine wesentlich grössere soziale Bedeutung haben können.
Gerade dieser Vergleich interessiert die Forschung. Guinea-Paviane leben wie Menschen in verschachtelten sozialen Verbänden und können deshalb Hinweise darauf liefern, unter welchen Bedingungen bestimmte Verhaltensweisen entstanden sein könnten.
Die neuen Resultate zeigen jedoch, dass ähnliche soziale Strukturen nicht zwangsläufig zu denselben Strategien bei der Partnerwahl führen.
Oder wie es O’Hearn zusammenfasst: «Wo Weibchen viele Möglichkeiten haben, an Fleisch zu gelangen, muss dies bei der Partnerwahl kein Faktor sein.»
Bitte loggen Sie sich ein, um die Kommentarfunktion zu nutzen.
Falls Sie noch kein Agrarmedien-Login besitzen:
Jetzt registrieren