ABO

Die Rolle der Tiere in der Medizin: Von Hormonen bis zur Organtransplantation

Ob in mittelalterlichen Heilmitteln, modernen Laboren oder bei der Entwicklung neuer Medikamente: Tiere spielen in der Medizin seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle. Für den Fortschritt wurden sie gejagt, erforscht und in Experimenten eingesetzt.

Seit Urzeiten ist der Mensch auf Tiere angewiesen – sei es für Nahrung, Bekleidung, Werkzeuge oder alltägliche Gebrauchsgegenstände. Nahezu jedes erlegte Tier wurde vollständig verwertet und entsprechend hoch geschätzt. Auch in der Medizin versprach man sich so einiges von tierischen Bestandteilen. In der Antike und besonders im Mittelalter galt das Tierreich als eine Art natürliche Apotheke. Weil man dem Bären Stärke und Widerstandskraft zuschrieb, nutzte man Bärenfett etwa als kräftigendes Mittel gegen Muskelschmerzen. Pulverisierte Hirschgeweihe sollten bei Schwäche helfen, während Schlangenteile – je nach Zubereitung – gegen Vergiftungen oder Hautkrankheiten eingesetzt wurden. Doch nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit sollten Tiere Heilsbringer sein: In Teilen Asiens wurde das Horn des Nashorns als fiebersenkend und potenzsteigernd angesehen, während Tigerknochen als Mittel gegen Schmerzen und Entzündungen helfen sollten. Obwohl der medizinische Nutzen nicht belegt werden konnte, war die Nachfrage gross – mit entsprechenden Folgen für die betroffenen Tierarten.

Die Tiere wurden gezielt gejagt oder gehalten, um aus ihnen Heilmittel zu gewinnen. Apotheker experimentierten mit tierischen Bestandteilen und verstanden sich dabei als frühe Naturforscher. Die Methoden dabei waren oft unsystematisch, doch sie legten den Grundstein für eine Entwicklung, die im 19. Jahrhundert so richtig Fahrt aufnahm. Mit dem Aufkommen moderner Wissenschaft wurde das Tier nicht mehr nur als Träger mystischer Kräfte betrachtet, sondern als funktionierender Organismus. Gleichzeitig veränderte die Industrialisierung den Umgang mit tierischen Ressourcen grundlegend. Plötzlich standen tierische Bestandteile in grossen Mengen aus Schlachtabfällen zur Verfügung – und damit auch Substanzen, die im Körper eine wichtige Rolle spielen.

Über riesige Massen zum Mittel

Die Entdeckung der Hormone in Tieren veränderte die Medizin grundlegend. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es erstmals, körpereigene Botenstoffe zu isolieren und ihre Wirkung zu verstehen. Doch der Weg dorthin war aufwändig – und vor allem äusserst materialintensiv. Für die Herstellung kleinster Mengen wurde ein Vielfaches an tierischem Gewebe benötigt und anschliessend sorgfältig verarbeitet. In den 1950er-Jahren brauchte es beispielsweise rund zwölf Millionen Stiere, um lediglich ein einziges Kilogramm an Testosteron zu gewinnen. Für ein Kilogramm Estradiol – ein wichtiges weibliches Hormon – wären theoretisch gar 15 bis 20 Milliarden Schweine notwendig gewesen. Auch andere Hormone waren nur mit gewaltigem Aufwand herzustellen. Für ein Kilogramm Schilddrüsenhormon wurden etwa 700'000 Schafe verarbeitet, für Progesteron – eingesetzt in der Fortpflanzungsmedizin – bis zu 13 Millionen Schweine.

Zahlen, die verdeutlichen, wie stark die frühe Pharmaindustrie auf tierische Ressourcen angewiesen war. Erst mit der Entwicklung chemischer und später biotechnologischer Verfahren konnte diese Abhängigkeit reduziert werden. Heute können viele Hormone synthetisch hergestellt werden. Dennoch spielen Tiere weiterhin eine Rolle – etwa bei der Gewinnung von Östrogen aus dem Urin trächtiger Stuten. Parallel dazu entstanden medizinische Durchbrüche, die ohne Tiere kaum denkbar gewesen wären. Insulin, eines der wichtigsten Medikamente zur Behandlung von Diabetes, wurde zunächst in Versuchen mit Hunden erforscht und später aus den Bauchspeicheldrüsen von Rindern und Schweinen gewonnen. Gegengifte gegen Schlangenbisse basieren bis heute auf Antikörpern, die ebenso in Tieren produziert werden. Und auch die Entwicklung von Antibiotika nahm ihren entscheidenden Verlauf erst, als die Wirkung von Penicillin in Tierversuchen bestätigt werden konnte.

Ohne Tierversuche kein Durchbruch

Mit dem Fortschritt der Medizin wurde das Tier zunehmend zum Modellorganismus. Besonders Mäuse und Ratten spielen bis heute eine zentrale Rolle, etwa in der Krebsforschung oder bei der Entwicklung neuer Medikamente. Weniger bekannt, aber inzwischen von grosser Bedeutung, ist der Zebrafisch. Rund 70 Prozent seiner Gene haben Entsprechungen beim Menschen, über 80 Prozent der bekannten krankheitsrelevanten Gene finden sich auch bei ihm. Seine schnelle Entwicklung und die Möglichkeit, biologische Prozesse im lebenden Organismus zu beobachten, machen ihn zu einem der am häufigsten eingesetzten Versuchstiere weltweit.

Die Forschung mit und an Tieren steht jedoch unter strengen Auflagen – insbesondere in der Schweiz. Das Tierschutzgesetz hält fest, dass Tierversuche nur durchgeführt werden dürfen, wenn sie unverzichtbar sind. Belastende Versuche sind auf das unerlässliche Mass zu beschränken. Zudem gilt das sogenannte 3R-Prinzip: «Replace», «Reduce», «Refine». Tierversuche sollen also wo immer möglich ersetzt, die Anzahl der eingesetzten Tiere reduziert und die Belastung für die Tiere so gering wie möglich gehalten werden.

Trotz dieser Vorgaben bleibt die Debatte rund um Tierversuche kontrovers. Laut den aktuellsten verfügbaren Zahlen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen wurden 2024 rund eine halbe Million Versuchstiere in der Schweiz eingesetzt – 1983 lag diese Zahl noch bei zwei Millionen und um diese Zahlen in Relation zu setzen: 2024 wurden rund 86 Millionen Tiere zur Fleischproduktion geschlachtet. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Versuchstierkunde werden Tierversuche auch weiterhin notwendig sein, weil sich viele Prozesse nicht ausserhalb eines lebenden Organismus untersuchen lassen können. Der menschliche Körper ist ein komplexes Zusammenspiel von Organen, Stoffwechselwegen und Rückkopplungssystemen. Ein solches Gesamtbild können Zellkulturen oder Computersimulationen nicht abbilden. Gleichzeitig wäre es ethisch nicht vertretbar, neue Medikamente ohne vorherige Tests direkt am Menschen zu erproben.

Die Bedeutung solcher Versuche hat sich in der Vergangenheit in grossen medizinischen Erfolgen gezeigt. Impfstoffe haben Krankheiten wie die Kinderlähmung nahezu ausgerottet, moderne Krebstherapien erhöhen die Überlebenschancen deutlich, und medizinische Geräte wie etwa Herzschrittmacher oder künstliche Herzklappen wurden unter Einbezug von Tiermodellen entwickelt. Auch Tiere selbst profitieren von diesen Fortschritten, etwa durch Impfungen oder Behandlungen in der Veterinärmedizin.

Vom Tier direkt in den Menschen

Doch die Verbindung zwischen Tier und Medizin geht noch einen Schritt weiter. Nicht nur Erkenntnisse aus der Forschung fliessen in Therapien ein, sondern auch ganze biologische Strukturen: In der Xenotransplantation wird versucht, Organe von Tieren direkt auf den Menschen zu übertragen. Erste Versuche fanden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Die erste erfolgreiche Xenotransplantation gelang dann 1963, als man in sechs erkrankte Personen Schimpansen-Nieren einpflanzte – keine davon blieb jedoch länger als neun Monate funktionsfähig. Heutige Entwicklungen setzen auf gentechnisch veränderte Tiere, um Abstossungsreaktionen zu verringern. Besonders Schweine stehen dabei im Fokus, da ihre Organe in Grösse und Funktion dem menschlichen Körper erstaunlich ähnlich sind. Der Ansatz ist vielversprechend, bleibt jedoch experimentell und wirft erneut Fragen nach seiner ethischen Vertretbarkeit auf.

Weiterlesen