Brig als Reiseziel ist lohnend, ob zur Besichtigung der mittelalterlichen Altstadt oder als Ausgangspunkt für Wanderungen. Wem der Aufstieg zum Simplonpass zu weit ist, wandert in etwa einer Stunde zur Achera Biela in der Gemeinde Ried-Brig, einem Plateau oberhalb der Walliser Metropole. Besonders für Naturbegeisterte ist dies ein Muss.
Der Weg führt am Stockalperschloss vorbei. Um Stockalper, der von 1609 bis 1691 gelebt hat, kommt nicht herum, wer in Brig verweilt. Im Palast wird er wieder lebendig. «Kaspar Stockalper hatte eine Vor-liebe für die Zahl drei», erklärt die Stadtführerin, die diesen König des Simplon und sein spektakuläres Leben im 17. Jahrhundert genau kennt. Tatsächlich zieren den Palast drei Türme. Arkaden im Innenhof verweisen auf die italienische Renaissance, Zwiebeltürme verströmen einen Hauch des Orients im Wallis und zeugen von der Weltläufigkeit Stockalpers. Auch seinen immensen Reichtum – er war der grösste Arbeitgeber des Wallis – scheint aus drei Hauptteilen entstanden zu sein: dem Söldnergeschäft, dem Salzmonopol und dem Säumertum über den Simplon.

Das Stockalperschloss wird beim Aufstieg zur Achera Biela auf dem Gemeindegebiet von Ried-Brig immer kleiner, dafür werden Feldblumen zu Juwelen. Sie wachsen nicht nur am Rand, sondern auch mitten im Getreide. Den Boden dieses Plateaus, auf dem sie gedeihen, formten der Aletsch- und Rhonegletscher. Findlinge wurden zum Bau des Stockalperpalastsabtransportiert. Die Achera Biela wurde erstmals 1639 in den Rechnungsbüchern von Kaspar Stockalpergenannt. Biela steht für ein schwer zu bewässerndes Gebiet, Bachera für den damaligen Besitzer aus dem Bachji. Ein Speicher auf der Achera Biela stammt noch aus der Zeit von Kaspar Stockalper.
Aufgrund von Erbschaftsteilungen entstand einst ein kleinparzelliertes Mosaik an Äckern, Wiesen und Weiden. Während Jahrhunderten veränderte sich die Landwirtschaft kaum. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr sie aber eine enorme Modernisierung. Das wegenTrockenheit wenig ergiebige Gebiet verlor rasch anBedeutung. Erst das Engagement des BiobauernBernhard Gemmet ermöglichte die Renaissance des alten Ackergebiets. Er begann mit modernen Maschinen, aber in traditioneller Art, auf zusammengelegten Parzellen wieder Wintergetreideäcker anzulegen.Wintergetreide wird im Herbst angesät, keimt noch vor dem Winter und nimmt im Frühling nach der Schneeschmelze sein Wachstum wieder auf. So wird die sonst spärliche Feuchtigkeit optimal ausgenutzt, und die trockenen Böden gewährleisten eine Getreidekultur. Nach einem Jahr Kultur folgt meist ein Brachjahr. Gerade auf Flächen, auf welchen eine Bewässerung nicht möglich war, wurde in der Vergangenheit imWallis deshalb Getreide angebaut.

Naturschutz dank Landwirtschaft
Weitere Landwirte folgten dem Beispiel Gemmets. 1999 hat der Walliser Staatsrat die 24 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche unter Naturschutz gestellt. Das Interessante dabei: Es handelt sich nicht um ein Biotop, sondern das Ziel ist, die Landwirtschaft traditionell weiterzuführen. Dank Fördergeldern können die Felder weiterhin bestellt werden, ohne künstlichen Dünger und intensive Bewässerung. Ein Bummel durch die Achera Biela zeigt: Natur gedeiht nicht nur dort, wo der Mensch fern bleibt, sondern auch in Gebieten, wo er mit landwirtschaftlicher Tätigkeit Flächen offen hält.
Während Jahrhunderten haben sich Arten an die traditionelle Landwirtschaft angepasst. Auf intensiv bewirtschaftetem Gebiet haben sie keine Überlebenschancen mehr. Nicht so in der Achera Biela. Das zeigt sich bei einer Wanderung über Pfade entlang vonGetreideäckern, Hecken, Trockenrasen und -steppen.
Der heisse Wind säuselt, das Meer aus goldgelben Ähren wiegt sich, rundherum zieht sich das Bergpanorama. Die Ähren stehen nicht dicht an dicht und es gibt nicht nur Gelb, sondern auch interessante, farbige Punkte im Roggenfeld; etwa vom lila Acker-Wachtelweizen. Diese Gefässpflanze steht als gefährdete Art auf der Roten Liste. Der Samen kann bei ungünstigen Bedingungen ein Jahr im Boden, ohne zu keimen, überdauern.
Ein Beispiel, wie stark sich manche Blumen an den Ackerbau angepasst haben, ist die Kornrade. Wie kleine, orange Lichter leuchten ihre Blüten im Ährenmeer. Die Kornrade keimt und fruchtet zeitgleich mit dem Roggen, erreicht dieselbe Höhe wie das Getreide, und ihre Samen sind etwa gleichzeitig reif. Deshalb gelangten sie in das Saatgut und wurden damit wieder ausgesät. Im Brotgetreide mussten sie aber wegen ihrer Giftigkeit aussortiert werden, eine äusserst mühsame Arbeit, denn die Samen haben etwa die gleiche Grösse wie Getreidekörner. Die Pflanze war aus diesem Grund verhasst. Mit dem Verschwinden der traditionellen Äcker erlosch auch sie. Fast. Das Gebiet Achera Biela gehört zu den wenigen verbliebenen Standorten.

Ein Hauch Mittelmeer
Auch das seltene Sommerblutströpfchen oder Sommer-Adonisröschen ist auf regelmässige Bodenbewirtschaftung angewiesen. In den Feldern der Achera Biela leuchten seine roten Blüten aus dem Getreidefeld. Korn- und Mohnblumen, Ackerrittersporn und Kamillen sind weitere Arten, die zu Getreidefeldern gehören und in der Achera Biela noch prosperieren. Kein Dünger,wenig Wasser, Wechselwirtschaft und Brachzeiten sind Schlagworte, welche für diese Ackerbegleitflora wesentlich sind.
Hecken zwischen den Feldern brechen nicht nur den Wind, sie sind auch ideale Rückzugsgebiete für den Neuntöter, der dort Insekten auf die Dornen eines Schlehdorns aufspiesst und sie so zwischenlagert. Vielleicht verschläft die Zwergohreule in einem dunklen Versteck den Tag. Dieser Winzling zieht im Winter nach Afrika, südlich der Sahara. Auf einer Kuppe mit sandigem Boden und Felsplatten sonnen sich Smaragdeidechsen, aus einer angrenzenden Wiese zirpen Ödlandschrecken, eine seltene Art, die auf Trocken-rasen spezialisiert ist. Felsensteppen und Trockenrasen sind die besonderen Lebensräume des Wallis, welche auch die Achera-Biela prägen. Sie verströmen einmediterranes Flair. In den Halmen der Magerwiesen, vielleicht auch im Zittergras, lauern Gottesanbeterinnen. Ihre gute Tarnung wird so manchem anderen Insekt – und sogar den eigenen Männchen – zum Verhängnis. Sie fressen alles, was ihnen in die Quere kommt.Raritäten und Dramen oberhalb von Brig.
Diese Reportage wurde von Brig Simplon Tourismus unterstützt.
Führung Achera Biela
Am 13. Juni findet eine öffentliche Führung durch die Achera Biela statt. Detaillierte Informationen dazu: brig-simplon.ch – Exkursionen
Achera Biela
Anstatt von Brig aus zu Fuss aufwärts ins Gebiet zu wandern, kann auch vom Bahnhofsplatz mit dem Postauto 631 oder 632 bis zur Station Rufigraben gefahren werden. Der Weg führt dann hinunter durch die Kulturlandschaft bis in die Altstadt von Brig.

