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Der Weltacker zeigt die weltweite Landwirtschaft

Direkt neben dem landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum Bern liegt der Weltacker. Auf 2000 Quadratmetern wird hier gezeigt, wie die weltweite Landwirtschaft funktioniert – und welche Probleme sie mit sich bringt.

Was hat man sich unter einem Weltacker genau vorzustellen? Einen Acker für die ganze Welt. Oder: die gesamte Welt auf einem Acker vereint? «Ein bisschen beides», verrät der Ackerverantwortliche Martin Huggenberger. «Das Holzgatter lasse ich jedenfalls immer offen stehen, sodass jeder, der Lust hat, einen Augenschein auf dem exemplarischen Versorgungsacker eines jeden Weltbewohners nehmen kann.» Tatsächlich trifft sich nicht die gesamte Weltbevölkerung auf dem zweitausend Quadratmeter grossen Stück Land nahe Zollikofen. Meist sind es interessierte Personen aus der Region, die Einsicht in dieses Projekt nehmen möchten. Auf Führungen über die mit verschiedensten Kulturen bebaute Ackerfläche in der Grösse eines Eishockeyfeldes werden die globalen Zusammenhänge zwischen unserem Essverhalten, der Landwirtschaft und Umwelt erleb-, ja, sogar konkret begreifbar. Doch wie schafft es ein Stück kultiviertes Land, zum Nachdenken über globale Gerechtigkeit, die zukünftige Ernährung und ökologische Probleme anzuregen?

Umdenken übers Anschauen

Anstoss zu diesem Bewusstseinsbildungsprojekt gab der 2008 veröffentlichte Weltagrarbericht. Dieser zeigt in aller Deutlichkeit die Schwierigkeiten im Bereich der globalen Landwirtschaft und Ernährung auf. Die riesigen Monokulturen und der grosse Land- und Nährstoffverbrauch durch die Nutztierhaltung schaden der Biodiversität und verursachen soziale Ungerechtigkeit. Kleinbauern werden um ihre Existenz gebracht und ein Grossteil der pflanzlichen Proteine wird als Tierfutter verarbeitet. Dadurch verschärft sich die Hungerproblematik.

Dieses Dreierteam vertritt den Weltacker:Ackerverantwortlicher Martin Huggenberger,Kommunikationsleiterin Edith Nüssli undFranz Hofer, Geschäftsführer der Oekonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern (von links).
Dieses Dreierteam vertritt den Weltacker: Ackerverantwortlicher Martin Huggenberger,Kommunikationsleiterin Edith Nüssli undFranz Hofer, Geschäftsführer der Oekonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern (von links).

Um auf diese Missstände aufmerksam zu machen und Alternativen aufzuzeigen, öffnete 2013 in Berlin der erste Weltacker seine Tore. Weitere Welt-ackerprojekte wurden in Europa, aber auch in Afrika und Asien auf die Beine gestellt. Schweizweit gibt es mittlerweile drei dieser zweitausend Quadratmeter grossen Weltäcker – neben Zollikofen auch in Attiswil BE und Nuglar SO. In der Westschweiz ist zudem ein weiteres Projekt in Planung und die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) arbeitet sogar an der Entwicklung eines mobilen Weltackers.

Dass sämtliche Weltäcker zweitausend Quadratmeter gross sind, ist kein Zufall. Die Fläche ergibt sich aus den weltweit vorhandenen 1,5 Milliarden Hektaren Ackerland, aufgeteilt auf die acht Milliarden Menschen, welche unseren Erdball momentan bewohnen. Ein Feld von dieser Grösse stünde also jeder Person als Versorgungsacker zum Leben zur Verfügung. «Hier werden massstabgetreu die weltweit fünfzig wichtigsten Ackerkulturen angepflanzt – also im Grössenverhältnis, wie sie auf den Ackerflächen unserer Erde auch tatsächlich vorkommen», erklärt Martin Huggenberger das Konzept. Ein Weltacker stellt also ein Abbild der globalen Ackerfläche in Miniversion dar. Bedenklich ist allerdings, dass wir Mitteleuropäer eine fast doppelt so grosse Fläche benötigen, um unseren Bedarf zu decken.

Auf der Hälfte der Fläche wächst Getreide wie Weizen, Gerste, Mais oder Reis. Ein erstaunlich kleiner Teil ist mit Gemüsesorten angesät. Hier spriessen Zwiebeln oder Gurken, nicht aber Karotten – das Lieblingsgemüse der Schweizerinnen ist weltweit zu unbedeutend, um abgebildet zu werden. Auch für Genussmittel wie Tabak, Kaffee oder Kakao ist ein kleiner Abschnitt reserviert. Weder Kakao- noch Kaffeepflanzen gedeihen allerdings bei unseren klimatischen Verhältnissen, weshalb diese Sorten mit Ersatzpflanzen repräsentiert werden. Entweder gedeihen hier ähnliche Sorten oder im Treibhaus gezogene Kakaopflanzen werden vorübergehend rausgesetzt.

Pflanzen werden nicht nur zur menschlichen Ernährung angebaut. Aus Baumwolle wird unsere Kleidung hergestellt, rund ein Drittel des globalen Getreideanbaus, vor allem Soja, dient als Futtermittel für Tiere und etwa vier Prozent der weltweiten Ackerfläche wird für den Anbau von Pflanzen für die Strom- und Wärmeerzeugung, sogenannten Biosprit, verwendet. Auch dieser eher problematische Umstand wird auf dem Weltacker sichtbar gemacht.

Andererseits wird mit positivem Beispiel vorangegangen. Damit der Boden nicht auslaugt und die Pflanzen- und Tiervielfalt gefördert wird, braucht es Grün- und Biodiversitätsflächen. Auf einem Abschnitt des Weltackers wächst deshalb «nur» Gras und der hinterste Teil der umzäunten Fläche wurde mit einer Blühmischung für Insekten angesät sowie mit Ast- und Steinhäufen angereichert, wo zahlreiche Tiere Unterschlupf finden.

Kreativer Austausch

«Bei einem Rundgang über den Weltacker gelingt es uns viel besser als mittels einer PowerPoint-Präsentation, über die verschiedenen Pflanzen, ihre flächenmässigen Anbauverhältnisse und die damit verbundenen Problematiken oder Lösungsansätze zu informieren», ist die Kommunikationsverantwortliche Edith Nüssli überzeugt. Wichtig ist den Berner Weltackerinitianten, dies nicht mit erhobenem Mahnfinger zu tun. Die Besucherinnen sollen hier Inspiration für eine bewusste Ernährung erhalten und erleben, dass es durchaus genussvoll sein kann, nachhaltig zu essen.

Darüber, dass der Boden ein wertvolles und immer knapper werdendes Gut ist, muss auf dem Berner Weltacker nicht referiert werden. Die Hochhäuser und Baukräne im Hintergrund sprechen für sich. Das Bachelorarbeitsprojekt einer angehenden Lehrerin bietet hingegen witzigeres Anschauungsmaterial. Auf einem separaten Miniacker ist das Morgen-, Mittag- und Abendessen für einen Jugendlichen – also sein Tagesbedarf – angesät. Ein schmaler Streifen Gras dient als Futter für die Kuh, die die Milch liefert, und gleich daneben spriesst der Weizen für die Frühstücksflocken. Und fertig ist das Müesli. Nicht nur Heranwachsende will man auf dem Weltacker ansprechen. «Hier soll das urbane Pärchen mit dem Landwirt Diskussionen führen», wünscht sich Franz Hofer als Geschäftsführer der Ökonomischen Gemeinnützigen Gesellschaft Bern, die diesen Weltacker initiiert hat. Beispielsweise darüber, weshalb der Fleischkonsum reduziert werden soll, oder wie es um den Import von landwirtschaftlichen Produkten steht.

Mehr Bohnen

Es gäbe da ein Gewächs, das diese beiden Probleme auf einen Schlag lösen könnte: die Bohne. Das vielfältige Gemüse mit den zahlreichen Talenten ist bei uns allerdings etwas in Vergessenheit geraten. Mit einem Sortengarten rückt der Weltacker die Hülsenfrüchte ins Scheinwerferlicht. Dreissig verschiedene Bohnen verdeutlichen zum einen, wie abwechslungsreich diese vitamin- und mineralstoffreichen Proteinbomben als Fleischersatz aufgetischt werden können, und zum anderen, wie nützlich sie für unsere Umwelt sind. Wie alle Hülsenfrüchte können sie nämlich Stickstoff aus der Luft im Boden fixieren, wodurch der Boden ganz ohne künstlichen Düngstoff auskommt.

Hülsenfrüchte
Hülsenfrüchte können Stickstoff im Boden binden und kommen ohne Dünger aus.

Für mehr Bohnen auf unseren Tellern spricht auch, dass sie überall auf der Welt vorkommen und gutgelagert werden können. «Bohnen helfen uns auf schmackhafte Weise, einige der aktuellen Herausforderungen in der globalen Ernährung und Landwirtschaft zu bewältigen», ist Edith Nüssli überzeugt. Diese und wohl auch nächste Saison wird das Gemüse deshalb einen Sonderstatus auf dem Weltacker innehaben. «Eventuell denken wir uns für nächstes Jahr bereits wieder ein neues Fokusthema aus, denn an spannenden und wichtigen Themen mangelt es auf keinen Fall», schmunzelt Franz Hofer.

Ursprünglich wurde das Weltackerprojekt in Zollikofen auf drei Jahre angelegt. Eine Verlängerung ist jedoch unbedingt angedacht, versichern die Verantwortlichen. Das mit allen Sinnen erlebbare Bildungsangebot stiess während der ersten Saison nämlich auf so grosse Nachfrage, dass für 2022 personell aufgestockt werden musste.

Das eingezäunte Stück Ackerland am Eingang des Inforamas bietet einen Treffpunkt mit Einsichten in die globale Landwirtschaft. Eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung bestünde darin, die Rolle der Tiere innerhalb der Landwirtschaft und unserer Ernährung besser sichtbar zu machen. Bisher tauchen Nutztiere erst indirekt als Futterverwerter auf. Auch wenn es den Gründern des Weltackers wichtig ist, auf lokaler Ebene aktiv zu werden, könnte nach einem Weg gesucht werden, Probleme aus anderen Kontinenten, wie Bodenerosion oder Klimawandel, in noch eindrücklicherer Form nach Zollikofen zu transferieren. So würden die globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten besser sichtbar. Sicher ist, dass sich das Weltackerteamweiterhin mit Enthusiasmus für mehr Diversität, Nachhaltigkeit und Lokalität im Ackerboden einsetzt.

Verein Weltacker Bern

Die OGG (Ökonomische Gemeinnützige Gesellschaft Bern) hat den Weltacker Bern initiiert. Die gepachtete und nach biologischen Richt-linien bewirtschaftete Fläche befindet sich auf der Rütti in Zollikofen. Das Projekt wird von einem breit abgestützten Verein getragen, der im Herbst 2020 gegründet wurde. Wichtige Kooperationspartner sind die HAFL (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften) und das Inforama (Landwirtschaft-liches Bildungs- und Beratungszentrum). Diesen Mai wurde die zweite Saison eröffnet. Bis Mitte Oktober können Bildungsangebote für Schulen und Ackerführungen für Erwachsene gebucht werden. Freiwillige Mitackerer sind herzlich willkommen. weltacker-bern.ch

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