Strom, Wärme und Treibstoff
Energie vom eigenen Hof
Wie Landwirtschaftsbetriebe mit Sonne, biogenen Reststoffen und Effizienzstrategien unabhängiger von fossilen Energien werden.
Steigende Energiepreise, geopolitische Un-sicherheiten und der Druck, Treibhausgasemissionen zu senken, treffen auch die Schweizer Landwirtschaft. Betriebe benötigen Strom, Wärme und Treibstoff – und sind damit direkt von der Entwicklung auf den Energiemärkten abhängig. Gleichzeitig wächst die Erwartung, klimafreundlicher zu wirtschaften und Ressourcen effizient zu nutzen. Könnten Höfe ihre Energie künftig selbst erzeugen – und damit unabhängiger werden? Die Antwort lautet vielerorts bereits: ja.
Immer mehr Betriebe produzieren Strom auf ihren eigenen Dächern oder gewinnen Energie aus hof-eigenen Ressourcen. «Die nachhaltige Energiegewinnung ist heute in vielen Landwirtschaftsbetrieben angekommen. „Es sind nicht mehr nur einzelne Pioniere aktiv», sagt Albert Meier von Ökostrom Schweiz und Vizepräsident des Vereins AgroCleanTech. Solaranlagen auf Stall- und Scheunendächern prägen zunehmend das Landschaftsbild, während Biogasanlagen in viehintensiven Regionen Energie aus hofeigenen Reststoffen erzeugen.
Auch aus Sicht des Schweizer Bauernverbands ist die Landwirtschaft längst Teil der Schweizer Energiewende. «Die Landwirtschaft in der Schweiz produziert heute in etwa so viel Strom aus Photovoltaik und Biogas, wie sie selbst verbraucht», erklärt Hannah von Ballmoos-Hofer, Co-Leiterin Energie und Umwelt beim Schweizer Bauernverband (SBV) und Präsidentin von AgroCleanTech. Mit einem weiteren Ausbau kann sogar ein Nettoüberschuss erreicht werden, die Energieproduktion eröffnet Betrieben eine zusätzliche Einkommensquelle. Gleichzeitig bleibt das ungenutzte Potenzial beträchtlich – auf Dachflächen ebenso wie bei der energetischen Nutzung von Hofdünger. Wenn es um erneuerbare Energie auf Landwirtschaftsbetrieben geht, führt kaum ein Weg an Photovoltaik vorbei. «Eine Solaranlage auf dem Scheunendach ist vergleichsweise einfach umzusetzen und wirtschaftlich gut planbar», sagt Meier. Grosse Dachflächen bieten ideale Voraussetzungen, ohne zusätzliche Nutzfläche zu beanspruchen oder in Konkurrenz zu der Lebensmittelproduktion zu treten. Entsprechend verbreitet ist die Technologie bereits: Laut von Ballmoos-Hofer sind auf landwirtschaftlichen Gebäuden bereits mehr als 14'000 Photovoltaikanlagen installiert.
Unsichtbar, aber wirkungsvoll
Während Photovoltaik sichtbar auf den Dächern entsteht, wird Energie aus Biogas im Verborgenen erzeugt. In der Schweiz sind laut Meier rund 140 landwirtschaftliche Biogasanlagen in Betrieb. Sie vergären Mist und Gülle zu Methan, welches zur Produktion von Strom, Wärme oder Gas genutzt werden kann. Der Nutzen geht dabei über die Energieproduktion hinaus, so Meier. «Biogas verbindet Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft, da Emissionen aus Hofdünger reduziert und Nährstoffe weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden können.» Besonders in Regionen mit intensiver Tierhaltung sei diese Technologie eine sinnvolle Ergänzung zur Solarenergie.
Nicht jede Massnahme erfordert gleich grosse Investitionen oder neue Anlagen. Energieeffizientere Technik, optimierte Prozesse oder Wärmerückgewinnungssysteme lassen sich oft schrittweise umsetzen. Moderne Agrartechnik arbeitet zunehmend energiesparend, und viele Betriebe investieren kontinuierlich in Effizienzsteigerungen. Gerade diese unspektakulären Massnahmen bilden laut Meier die Grundlage eines nachhaltigen Energiemanagements: «Wer weniger Energie verbraucht, erhöht unmittelbar die Wirkung selbst produzierter erneuerbarer Energie.» Trotz der sichtbaren Fortschritte ist das energetische Potenzial der Schweizer Landwirtschaft längst nicht ausgeschöpft. Besonders gross ist die Reserve bei bestehenden Gebäuden: Viele Dachflächen landwirtschaftlicher Betriebe bleiben weiterhin ungenutzt und könnten deutlich mehr Solarstrom liefern. Noch grösser ist die ungenutzte Ressource im Stall. Weniger als fünf Prozent des anfallenden Hofdüngers werden derzeit energetisch verwertet. «Hier liegt ein sehr grosses Poten-zial brach», betont Meier. «Wenn die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, könnte die Landwirtschaft hier in beiden Bereichen einen noch viel grösseren Beitrag zur Versorgung mit erneuerbarer Energie leisten.»
Die Bedeutung wird auf nationaler Ebene deutlich: Die Schweizer Landwirtschaft könnte jährlich bis zu zehn Terawattstunden erneuerbare Energie erzeugen. Das entspräche einem substanziellen Beitrag zur Stromversorgung und zu den Klimazielen des Bundes.
Regionale Zusammenarbeit als Schlüssel
So gross das Potenzial ist, der Ausbau erneuerbarer Energien ist mit Investitionen verbunden. Insbeson-dere Biogasanlagen gelten als technisch anspruchsvoll und kapitalintensiv. Gleichzeitig hat sich die Wirtschaftlichkeit verändert: Anlagen, die über den Eigenverbrauch hinaus Strom einspeisen, sind unter den aktuellen Bedingungen oft nicht mehr rentabel. Neben finanziellen Fragen stellen laut Meier administrative Prozesse eine Herausforderung dar. «Bewilligungsverfahren und umweltrechtliche Auflagen können Projekte erheblich verzögern und Betriebe abschrecken.» Förderinstrumente eröffnen zwar Perspektiven, gelten jedoch teilweise als komplex. Damit zeigt sich: Die technischen Lösungen sind vorhanden – ob sie umgesetzt werden, hängt wesentlich von wirtschaftlichen, politischen und administrativen Rahmenbedingungen ab. Mit der zunehmenden Dezentralisierung der Energieproduktion gewinnt auch die Zusammenarbeit zwischen Betrieben an Bedeutung. «Regionale Zusammenschlüsse bieten grosses Potenzial, weil sie höhereEigenverbrauchsquoten ermöglichen und die Wirtschaftlichkeit verbessern», sagt von Ballmoos-Hofer. Wird Strom lokal genutzt statt ins Netz eingespeist, steigt der finanzielle Nutzen für die Beteiligten.
Auch bei Biogasanlagen zeigt sich der Vorteil gemeinschaftlicher Lösungen. «Überbetriebliche Anlagen können Mist und Gülle mehrerer Höfe bündeln und dadurch effizienter betrieben werden», so Meier. Gleichzeitig bleibe Wertschöpfung und Energie in der Region – ein Vorteil für ländliche Räume, der über den einzelnen Betrieb hinaus wirkt.
Von der Idee zur Umsetzung
Damit aus technischem Potenzial konkrete Projekte werden, sind praxisnahe Beratungsangebote entscheidend. AgroCleanTech unterstützt Landwirtschaftsbetriebe mit Instrumenten, die gezielt auf ihre betrieblichen Anforderungen zugeschnitten sind. «Der Einstieg erfolgt über einen kostenlosen Potenzialcheck, der erste Effizienz- und Produktionsmöglichkeiten sichtbar macht», erklärt von Ballmoos-Hofer. Zeige sich Handlungsbedarf, folgt ein vertieftes AgriPEIK-Audit mit Betriebsbesuch, detaillierter Analyse und konkreten Empfehlungen zu Massnahmen, Investitionen und Fördermöglichkeiten. «Betriebe erhalten damit eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Investitionen in Energieeffizienzmassnahmen und erneuerbare Energien.» Ergänzt wird das Angebot durch ein Netzwerk aus Praxis, Beratung, Bildung und Forschung sowie Weiterbildungen und aktuelle Fachinformationen – ein praxisnaher Weg von der Idee zur Umsetzung.
«Viele Betriebe haben bereits erkannt, dass sie einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten und gleichzeitig eine zusätzliche Einnahmequelle schaffen können», sagt Meier. Die Chancen reichen weit über den einzelnen Betrieb hinaus: mehr Versorgungssicherheit, zusätzliche Einkommensmöglichkeiten, Beiträge zum Klimaschutz und gestärkte ländliche Räume. Das Potenzial ist gross – wie schnell es erschlossen wird, hängt entscheidend von verlässlichen Rahmenbedingungen, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und kooperativen Lösungen ab.
So funktioniert eine Biogasanlage
Mist und Gülle werden in einem luftdicht abgeschlossenen Fermenter vergoren. Mikroorganismen zersetzen die organische Substanz und erzeugen dabei Methangas (Biogas). Dieses wird zur Produktion von Strom und Wärme genutzt oder zu Gas aufbereitet. Der verbleibende Gärrest dient weiterhin als nährstoffreicher Dünger – ein geschlossener Kreislauf mit zusätzlichem Klimanutzen.
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