Konzentriert streichen die Kinder abwechslungsweise mit Hand und Bürste über Dschingis Khans Rücken. Ruhig steht das alte Pony da und lässt die Kinder gewähren. Zwischendurch zuckt es mit den Muskeln oder schüttelt den Kopf, um lästige Stechfliegen zu vertreiben. Das 28-jährige Pony ist nur eines von vielen Tieren, die in der Ethikschule Kind und Tier in Allschwil im Kanton Baselland zu Hause sind.
Für die vier- bis sechsjährigen Kindergarten-Kinder ist heute der zweite Kurstag. Sie lernen unter Anleitung von Gründerin Christine Rüedi Achtsamkeit und Mitgefühl – anderen und sich selber gegenüber. Auch wenn die Kinder die Ponys Dschingis Khan, Angel und Nevica, den Hund Babu, oder das Büsi Sunday berühren dürfen – ein Streichelzoo ist die Ethikschule am Ende der Tram-Linie 8 bei Weitem nicht. Wer sich einem der ausrangierten, ausgesetzten, gesund gepflegten oder vor dem Metzgermesser geretteten Tiere annähern will, muss ihm Respekt zollen. «Die Kinder lernen, dass man nicht einfach auf ein Tier zustürzen und sich holen darf, was man gerade will», erkärt Rüedi. Vielmehr gehe es darum zu lernen, auf den andern zu achten, ihm den Raum zu geben, den er braucht: «Hinschauen und sehen, wer der andere ist. Wie kann ich mich verhalten, dass es dem anderen gut geht? Je besser es der Gruppe, dem Umfeld geht, umso besser geht es auch mir.»
Ein wichtiger Lehrblätz
Eigentlich hätte Melina anstelle von Dschingis Khan von den Kindern verwöhnt werden sollen. Aber die Eselin hatte offensichtlich keine Lust. Auch Angeli und Nevica – sonst zwei äusserst verschmuste kleine Ponys – zeigten, dass sie in Ruhe gelassen werden möchten. Ein ungeplanter, aber wichtiger Lehrblätz für die Kinder, die nun sehen, dass Rüedi die Bedürfnisse ihrer Tiere vorbildlich wahr- und ernst nimmt.
Auch wenn die Welt ausserhalb der Liegenschaft zu grossen Teilen aus Lärm, Konsum und Aufregung besteht – auf dem Gelände der Ethikschule lassen sich die Kinder anscheinend problemlos auf die ruhige, beinahe andächtige Stimmung ein. Sie begrüssen gemeinsam mit Rüedi einen Baum, indem sie seine herunterhängenden Äste berühren und im Chor «Hallo Baum» sagen, und nähern sich dann mit ruhigen Schritten und leise summend den Hunden, so wie sie es am ersten Kurstag gelernt haben. Tatsächlich: Keiner der Hunde beginnt zu bellen. Rüedi erzählt den Kindern, was die einzelnen Hunde erlebt haben, bevor sie auf dem Ethikhof einen Platz gefunden haben. «Diese Nähe und das Verstehen, dass Tiere genauso leiden können wie das Kind selbst, fördern das Mitgefühl und die Bereitschaft zu helfen», ist die Pädagogin überzeugt.
Sich für Tiere und die Natur einzusetzen, sei ihr mehr als ein grosses Anliegen, sagt Rüedi. Im Grunde sei sie gar nicht frei: «Wenn ich von einem Pferd höre, das wegen einer Rennsport-Verletzung getötet werden soll, muss ich einfach etwas machen. Unnötiges Sterben wann immer möglich vermeiden, das ist meine Philosophie.» Sie sei schon immer eine Kämpferin gewesen, sagt sie. Schon im Alter von vier Jahren sei für sie klar gewesen, auf Fleisch zu verzichten: «Sobald ich begriff, dass alles Fleisch einmal Tiere waren, wollte ich es nicht mehr essen.» Später habe sie ihren Vater, Bundesrichter in Lausanne, angefleht, er müsse Kraft seines Amtes verhindern, dass keine kleinen Lämmchen getötet würden.
Jedes Jahr kommen tausend Kinder
Dass nicht alle Menschen ihre konsequenten Ansichten teilen, ist Rüedi bewusst: «Das ist überhaupt kein Problem. Das macht einen Austausch doch umso spannender.» Dennoch freut es sie umso mehr, dass sie mit ihrer Ethikschule für den mit 20 000 Franken dotierten «Tierwelt»-Preis vorgeschlagen und zur Gewinnerin erkoren wurde. Auch wenn Christine Rüedi mit ihren Schulkindern Bäume begrüsst und Eselkraft ins Herz fliessen lässt, steht sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden. So hat sie beispielsweise ihr Tierschutzprojekt ganz bewusst breit abgestützt, indem sie die Stiftung Mensch und Tier mit einem kompetenten, engagierten Stiftungsrat gegründet und zuverlässige Mitarbeitende eingestellt hat: «Wenn ich ausfalle, weiss ich, dass für die Tiere gesorgt und das Projekt in guten Händen ist.» Die Preissumme will sie in den Schulbetrieb investieren.
Die 1999 gegründete Ethikschule der Stiftung Mensch und Tier ist einzigartig in der Schweiz. Auch wenn das Projekt regional angelegt ist und überwiegend von Kindergärten und Schulen der Kantone Basel-Stadt und Baselland genutzt wird, kommen auch einmal Kinder von Bern oder Zürich angereist. Rund tausend Kinder erleben jedes Jahr an vier Tagen begleitete Begegnungen mit Tieren. Die Nachfrage sei gross und die Rückmeldungen positiv, sagt Rüedi. Für das zweite Halbjahr 2016 und das erste Halbjahr 2017 sind bereits nahezu alle Kurse ausgebucht. Der Kindergarten, der heute auf Besuch ist, nutzt das kostenlose Angebot bereits im zehnten Jahr.
Für die einzelnen Kinder ist das Erlebte aber neu. Manche, so scheint es, haben heute nicht nur zum ersten Mal einen Esel gestreichelt, sondern sind auch noch nicht oft wie wilde Tiere über eine Wiese gesprungen. «Ui, wenn meine Mutter meine dreckigen Schuhe sieht», sagt ein Junge zum anderen. Dann rennt er wieder los. Er ist gerade ein Gepard.

