Es ist Morgen im Emmental und eine Wolkenschicht bedeckt die Sonne. «Tut mir leid, ich hatte Sonnenschein bestellt», sagt Bernhard Blaser und lacht als wir uns am Oberburger Bahnhof treffen. Der 74-Jährige ist seit vier Jahren freiwilliger Mitarbeiter bei den Berner Wanderwegen und nimmt mich mit auf eine Kontrolltour durch seinen Bezirk, die Wägesse. Sie führt von Schafhausen über Hasle-Rüegsau und Oberburg nach Hindelbank und umfasst rund 80 Kilometer gelb markierter Wanderwege. Heute geht es auf die Chrüzflue in der Gemeinde Krauchthal, auf 687 Meter über Meer.
Aber bevor es losgeht, will Blaser noch etwas erledigen. In seiner Wohngemeinde Oberburg hängt seit einiger Zeit eine veraltete Signalisation, die er nun ersetzen muss. Er fährt mit seinem kleinen Kastenwagen heran und holt eine strahlend gelbe Tafel aus dem Kofferraum. Weil die Wanderzeiten neu mit Rechnerprogrammen bestimmt werden, habe sich die Zeitangabe zu einer Route geändert. «Jetzt braucht man halt fünf Minuten länger bis nach Burgdorf», sagt Blaser und schmunzelt.
Gemütlich lehnt der pensionierte Maschineningenieur eine kleine Leiter an den Kandelaber mit der bisherigen Signalisation, legt seine Werkzeugtasche bereit, grüsst währenddessen den Nachbaren und beginnt zu werken. Nach einigen wenigen Handgriffen glänzt die neue Tafel am Wegrand und wird dort wohl manche Jahre hängen. Spätestens nächstes Jahr aber schaut Blaser wieder vorbei, um zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.
Die rund 120 Bezirksleiter der Berner Wanderwege müssen ihre Wege jedes Jahr zu Fuss abmarschieren und die Signalisation kontrollieren: Alter und Sonne setzen den aufgeklebten gelben Markierungen mit der typischen Rhombus-Form zu. Aber auch Pflanzen und Dreck machen sich gerne über die metallenen Tafeln her. Und so findet Blaser auch unterwegs auf die Chrüzflue manche kleine Baustelle.
Durch das Dickicht
Bewaffnet mit einer Gartenschere kämpft er sich im ersten Abschnitt durch den überwucherten schmalen Weg und knippst hier und da Äste und Sträucher ab, die weit in den Weg hineinragen. Auch das Gras steht hoch, doch der Pfad ist immer noch begehbar. «Das wäre eigentlich die Aufgabe der Gemeinde», sagt Blaser. «Aber die sind wohl schon länger nicht mehr hier gewesen.»
Bezirksleiter arbeiten mit den Gemeinden zusammen und melden Mängel an den Wegen, die sie selbst nicht beheben können, etwa wenn Holzstufen wackeln und gefährlich werden könnten. Die vielen Vorschriften, die das Bundesamt für Strassen den Wanderwegen auferlegt, musste Blaser in einem zweitätigen Kurs kennenlernen, als er vor vier Jahren zum Verein stiess. Damals übernahm er das Revier von einem verstorbenen Freund, der ihn ab und an auf seine Kontrolltouren mitgenommen hatte. «Das wäre doch etwas Sinnvolles», habe Blaser sich gedacht und sei bei den Berner Wanderwegen vorstellig geworden. «Ich liebe die Natur und viel frischen Luft.»
Auch sonst war und ist der Oberburger aktiv. Als Mitglied des Schweizer Alpenclubs tourt er nach wie vor mit den Skiern durch die Alpen und wenn er nicht in den Bergen ist, segelt er mit Freunden über den Thunersee. «Mir war noch keine Minute langweilig seit der Pensionierung», sagt er lachend. Schon als Berufstätiger war der Emmentaler umtriebig: So war Blaser als Maschineningenieur für den amerikanischen Automobilkonzern General Motors tätig oder lebte fünf Jahre lang mit Frau und Kindern in Ostafrika und arbeitete an einem Projekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit.
Mittlerweile aber mag es der 74-Jährige eher ruhig und schätzt die geografische Nähe seines Wander-Bezirks. Eine andere Region käme für ihn nämlich nicht in Frage. Aus Gesprächen mit Bezirksleitern aus dem Alpenraum weiss er: «Die bewältigen wirklich enorm viele Höhenmeter. Mit 65 wäre das vielleicht noch gegangen, aber heute wäre dies zu stressig.»
Mühe und Dankbarkeit
Heute sind «nur» rund 100 Höhenmeter zu überwinden. Oben auf der Chrüzflue angekommen, gönnt sich Blaser eine Flasche Apfelschorle. Auch die gelben Wanderwege fordern nämlich körperlich einiges von ihm ab. Immer wieder muss er über Geländer klettern, durch steile, enge Passagen auf Sandstein steigen und auf rutschigem Untergrund Halt finden, um Rhomben an Baumstämme zu malen, Wegweiser zu putzen oder neue anzunageln. Anstrengend werde es auch, wenn der Verein neue Wanderwege erschliesst: Dann müssen metallene Trägerrohre für die Wegweiser transportiert, in den Boden gegraben und verankert werden.
Hin und wieder zwicke ihn auch ein elektrischer Viehzaun, der den Zugang zu den Wegweisern versperrt. «Die geladenen Zäune sind nicht zu unterschätzen», sagt er und verzieht sein Gesicht. «Da stehen einem alle Nackenhaare zu Berge.» Auch rund um die Chrüzflue musste er sich einige Male der Mutprobe stellen, den Zaun anzufassen. Glücklicherweise war kein Draht geladen und so konnte er die Wegweiser am Wegesrand wieder auf Hochglanz bringen. Ausserdem frischte er unterwegs die Farbe zweier Rhomben an Bäumen auf, brachte einen neuen Kleber-Wegweiser an und nagelte zwei metallene Rhomben an alte Baumstrünke, bis wir wieder unten angekommen waren.
So ist er jährlich rund 120 Stunden unterwegs und unterhält die Signalisation der Wanderwege im Bezirk Wägesse. Pro Stunde erhält er sechs Franken «Sackgeld» von den Berner Wanderwegen. Die Arbeit lohne sich. «Unterwegs hat man viele schöne Begegnungen», sagt er. «Die Leute sehen und schätzen unsere Arbeit.» Auch wenn hin und wieder Vandalen oder schwierige Landeigentümer die Arbeit erschweren. «Es macht aber immer noch Spass. Und das Schönste daran ist, dass man am Abend ordentlich Durst hat.»







