«Damhirsche gehören zu den beeindruckendsten Stimmkünstlern im Tierreich und investieren viel Zeit in ihre Balzrufe», sagt Benjamin Pitcher von der Queen Mary's School of Biological and Chemical Sciences. Während der Paarungszeit stossen die Tiere ein röhrendes Geräusch aus, sowohl, um potenzielle Partnerinnen anzulocken, als auch, um konkurrierende Männchen abzuschrecken. Jeder Ruf beinhaltet gemäss den Forschern um Pitcher zahlreiche Informationen über das Tier, wie etwa über seine Grösse oder seinen Status in der Herde.
Bis vor kurzem war allerdings noch wenig darüber bekannt, was sich bei den «Zuhörern» der Hirschrufe abspielt. Also, welche Informationen diese heraushören und verarbeiten. Um dem auf den Grund zu gehen, haben die Wissenschaftler ein Tonband-Experiment durchgeführt: Erwachsenen Hirschbullen haben sie mit einem Lautsprecher unterschiedliche Hirschrufe vorgespielt. Von Tieren zu Beginn ihrer Brunftperiode und von anderen, die von bereits erschöpften Hirschen gegen Ende ihrer Brunft stammen.
Hirsche verlieren einen Viertel ihres Körpergewichts
Die Test-Hirsche reagierten stärker auf hohe Ruf-Frequenzen als auf «langsame» Rufer. Ausserdem liessen sie sich durch die kräftigen Rufe zu Beginn der Brunftzeit stärker einschüchtern als auf die heiseren, erschöpften Rufe gegen Ende der Brunft. «Die Bullen können beurteilen, welcher Rivale am verletzlichsten ist und deshalb ein geeigneter Gegner für einen Kampf ist», sagt Pitcher.
| Bild: Queen Mary University of London |
Die Brunftzeit ist eine anstrengende Zeit für Damhirsche. Nicht nur für ihre Stimmbänder, sondern auch für ihre Körper. Die männlichen Tiere verzichten während dieser Periode fast vollständig auf die Nahrungsaufnahme, weil sie sich gänzlich auf die Partnersuche konzentrieren. So verlieren sie in der Regel einen Viertel ihres Körpergewichts. Kein Wunder, sind die Hirsche gegen Ende der Brunft erschöpft. Bei einem Kampf gegen sie haben Rivalen im Vollbestand ihrer Kräfte deshalb leichtes Spiel. Umso wichtiger für die Tiere ist es also, die Rufe analysieren zu können.
Studie:
Benjamin J. Pitcher, Elodie F. Briefer, Elisabetta Vannoni, and Alan G. McElligott: «Fallow bucks attend to vocal cues of motivation and fatigue»; Behavioral Ecology, 9. Februar 2014.
doi:10.1093/beheco/art131

