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Karl Blossfeldt fotografierte Pflanzen als Kunstwerke

Ein Zeichenlehrer wird auf einen Schlag zum weltberühmten Kunstfotografen. Ulrike Meyer Stump zeichnet nach, wie Karl Blossfeldt vor 100 Jahren mit Detailaufnahmen von Schachtelhalmen und Farnen zum Mitbegründer der modernen Fotografie wurde.

Der kleine Karl streifte in jeder freien Minute durch Wiesen und Wälder, immer auf der Suche nach schönen Pflanzen. Als Sohn einer Bauernfamilie liebte er die Natur und erkundete diese rund um sein kleines Heimatdorf in den Ausläufern des Harzgebirges. Die Landschaft dort sei vergleichbar mit dem schweizerischen Jura, sagt Ulrike Meyer Stump. Sie forschte zum 1865 geborenen Karl Blossfeldt und brachte ein umfassendes Buch über sein Leben und Werk heraus. Blossfeldt liebte die Natur und kehrte auch später, als er in Berlin als Hochschullehrer tätig war, gerne zu seiner Familie zurück, um bei der Ernte zu helfen.

Karl Blossfeldt 1895 in seiner Heimat,dem Harzgebirge.
Karl Blossfeldt 1895 in seiner Heimat,dem Harzgebirge.

Beruflich schien Karl Blossfeldt auf den ersten Blick einen vollkommen anderen Weg einzuschlagen, meilenweit entfernt vom bäuerlichen Leben seiner Eltern. Er absolvierte seine Lehre in einer Kunstgiesserei und studierte danach Bildhauerei. Ulrike Meyer Stump verrät, dass auch in seiner Ausbildung Pflanzen eine wichtige Rolle spielten – nämlich als Vorlagen für Ornamente, die Pflanzenformen wieder-geben. Nach seinem Studium folgte Karl Blossfeldt dem deutschen Maler Moritz Meurer nach Rom, um ihn als wissenschaftlicher Illustrator bei dessen Herstellung von Lehrmitteln zu unterstützen. Pflanzenmotive spielten eine grosse Rolle, denn Meurer war einer der Initianten des deutschen Jugendstils mit seinen Pflanzenornamenten.

«Auch in seiner Arbeit als Bildhauer und Modelleur setzte sich Blossfeldt vornehmlich mit Pflanzen auseinander», so Meyer Stump. Er produzierte Pflanzenmodelle in Ton, die, in Bronze gegossen, als Lehrmaterialien ein genaueres Studium des Pflanzenbaus unterstützen sollten. Diese Modelle wurden als Lehrmittel vertrieben, aber auch Fotografien davon dienten als Vorlagen für Künstler. Bei der Erstellung dieser Aufnahmen kam Blossfeldt auch erstmals mit der Fotografie in Berührung.

Lieber Unkraut statt Blumen

1898 nahm der Bauernsohn eine neue Herausforderung an. An der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin wurde er Dozent im Lehrfach «Modellieren nach Pflanzen». Dieser Tätigkeit blieb er treu, 1921 erhielt er sogar eine Professur. Wie bereits als kleiner Junge schwang sich Blossfeldt regelmässig auf sein Fahrrad, um aufs Land hinauszufahren und dort Pflanzen als Zeichen- und Modelliervorlagen für seine Kunststudierenden zu sammeln. Doch die Pflanzen verdorrten rasch, änderten somit ihre Form und waren schwierig aufzubewahren. Der engagierte Dozent suchte nach einer besseren Lösung, als fast täglich raus aufs Feld radeln zu müssen, um sich dort seine Unterrichts-materialien mühsam zu beschaffen. Das vor einem halben Jahrhundert erfundene Medium der Fotografie brachte Abhilfe.

Blossfeldt begann, die Pflanzen zu fotografieren, und präsentierte den Studenten von nun an die Pflanzenfotografien als Vorlagen. Eine clevere Idee, die gar keine Nachteile mit sich brachte? «Die Fotos waren natürlich nur in Schwarz-Weiss, weshalb auf das Studium von Farbe verzichtet werden musste», so Ulrike Meyer Stump. Als Bildhauer, der am Bau der Pflanze interessiert war, sah Blossfeldt darin aber einen Vorteil. Die Farbe hätte von der Form nur abgelenkt. «Blossfeldt interessierte sich übrigens keinesfalls für Gartenblumen, die er zu malerisch fand, sondern eher für Unkraut sowie Blatt- und Blütenknospen, deren skulpturale Form ihm interessant erschien.»

«Einstein erfreute sich an Blossfeldts Sicht auf die Natur.»

Nicht nur Studierende bekamen seine Aufnahmen zu sehen. Diese fotografierten Kräuter verschafften Blossfeldt unverhofft Berühmtheit. Es wird vermutet, dass der Berliner Galerist Karl Nierendorf die Fotografien in einer Ausstellung in den Räumlichkeiten der Hochschule entdeckte, wo sie als Lehrmittel präsentiert worden waren, sagt die Buchautorin. Der angesehene und international vernetzte Berliner Galerist war so begeistert von diesen Fotos, dass er 1926 eine erste Ausstellung in seiner Galerie organisierte. Zudem regte er die Publikation der Bilder in einem umfangreichen Fotobuch an, das zwei Jahre später unter dem Titel «Urformen der Kunst» erschien. Es wurde nach kurzer Zeit zu einem Welterfolg.

Blossfeldts Aufnahmen wurden von nun an nicht mehr bloss als Abbildungen von Pflanzen angesehen, sondern als Kunst. Wie aber ist es möglich, dass die Pflanzenfotos solche Begeisterungsstürme in der Kunstwelt auslösten? Blossfeldt hatte die Bilder unter dem Aspekt ihrer Verwendung als Lehrmittel hergestellt. Er inszenierte die Präparate jeweils vor neutralem Hintergrund, stark vergrössert und meist symmetrisch ausgerichtet. Seine Detailaufnahmen von Pflanzenteilen überraschen durch ihr geometrisches Erscheinungsbild.

Inspiration für Klee und Einstein

Diese Aufgeräumtheit wurde in der Kunstszene der späten 1920er-Jahre als Ausdruck einer neuen Sachlichkeit und eines Purismus gesehen, wie man ihn beispielsweise an der berühmten Design-Schule, dem Bauhaus, zu der Zeit propagierte, so Ulrike Meyer Stump. Blossfeldt wurde in diesem Kontext sozusagen über Nacht zum Urvater der modernen Fotografie.

Die Bücher «Urformen der Kunst» und sein Nachfolger «Wundergarten der Natur» wurden zum Aushängeschild der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie. Blossfeldts Bücher wurden einerseits in Fotografie-kreisen in Europa von Paris über London und Stockholm bis nach Prag und sogar in den USA berühmt. «Auf einem Porträt, das 1936 in einem Fotostudio in Colorado entstanden ist, hat ein Mädchen eine Ausgabe von Blossfeldts ‹Urformen der Kunst› auf dem Schoss», erzählt die Fotoexpertin

.Andererseits interessierten sich auch Maler wie Wassily Kandinsky und Paul Klee sowie Bildhauer wie Henry Moore und Alexander Calder für sein Werk. Kandinsky und Klee besassen je eine Erstausgabe von «Urformen der Kunst». Sie hatten Blossfeldts Fotos als Bauhaus-Lehrer anlässlich seiner Ausstellung an der Schule im Juni 1929 im Original sehen können. Sie alle waren an Blossfeldts organischen Formen interessiert, die sie in ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Abstraktion studierten. Erstaunlicherweise besass auch Albert Einstein ein Exemplar von «Urformen der Kunst», das er von einem seiner Assistenten zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. «Ich vermute, dass Einstein sich an Blossfeldts so geometrischer Sicht auf die Natur erfreute», sagt Ulrike Meyer Stump.

Neutraler Hintergrund und vergrössert dargestellt, so wirken Pflanzen wie Kunst.
Neutraler Hintergrund und vergrössert dargestellt, so wirken Pflanzen wie Kunst.

Auch heute noch gehört Blossfeldt zu den wirklich Grossen der Fotografie. Die Erst-ausgaben seiner beiden Bücher werden mittlerweile für Tausende von Franken gehandelt, seine Fotografien gehen in die Zehn- bis Hunderttausende. Zudem trifft man auf sie in der Werbung und als Poster und Postkarten.

Blossfeldt selbst hielt bis zu seinem Tod an der Vorstellung fest, dass die Fotografien einem didaktischen Zweck dienten. Der Dozent hatte nur wenig Verständnis für moderne Kunst und für den grossen Erfolg, den sein Werk gegen Ende seiner beruflichen Laufbahn in Kunstkreisen erzielte. Lange musste sich Blossfeldt allerdings nicht mehr mit dem unerwarteten Ruhm herumschlagen. Bereits 1932 verstarb er. Mehr Begeisterung als der Meister selbst bringt die Kunst- und Fotohistorikerin auf. «Mir gefallen Blossfeldts Aufnahmen auch nach mehr als zwanzig Jahren, in denen ich mich mit seinem Werk beschäftigt habe, noch ausserordentlich gut. Sie sind einfach atemberaubend schön», schwärmt Ulrike Meyer Stump.

Karl Blossfeldt Variationen Cover
Cover von: Ulrike Meyer Stump: "Karl Blossfeldt Variationen"

Schmöckerecke

In «Karl Blossfeldt: Variationen» zeichnet Ulrike Meyer Stump die Wege nach, die Blossfeldts legendäre Pflanzenmotive von 1890 bis 1945 genommen haben – sei es als Präparate, Illustrationen, Modelle oder Abstraktionen. Auch die Wiederentdeckung von Blossfeldts Motiven im Design und der Architektur wird aufgezeigt und deren Vervielfältigung in Lehrmitteln, Kunstbücher und Magazinen. Ulrike Meyer Stump: «Karl Blossfeldt: Variationen», 516 Seiten, 205 Abbildungen, Lars Müller PublishersUlrike Meyer Stump: «Karl Blossfeldt: Variationen», 516 Seiten, 205 Abbildungen, Lars Müller Publishers

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