Frau Dr. Kupferschmid, was versteht man genau unter Verbiss?
Mit Verbiss ist das Abfressen von Knospen, Trieben und Blättern von Bäumen zur Nahrungsaufnahme gemeint. Rothirsche verbeissen auch, in aller Regel stellen Laub- und Nadelbäume aber nicht ihre Hauptnahrung dar. Sie ernähren sich überwiegend von Sträuchern und Gräsern. Übers Jahr gesehen können Rothirsche sich jedoch zu fast einem Drittel von Blättern und Trieben von Bäumen ernähren.
Was hat der Verbiss zur Folge?
Die bei wild lebenden Huftieren beliebten Baumarten verlieren an Höhe, wachsen schlechter und dadurch weniger hoch als andere Baumarten. Längerfristig führt der selektive Verbiss zur Entmischung, also zum Verlust der bei den Tieren beliebten Baumarten. Starker Verbiss verlangsamt das Aufwachsen der Verjüngung und vermindert die Stammzahl und die Holzqualität im späteren Baumbestand. Extrem starker Verbiss hingegen kann die Vergandung von Wiesen verhindern oder zu lückigen Baumbeständen führen.
Welche Bäume sind besonders vom Verbiss betroffen?
Am meisten betroffen sind diejenigen Arten, von denen wir momentan denken, dass sie am besten mit dem zukünftigen Klima umgehen können. Das sind beispielsweise die Eichen, Kirschen und Mehlbeeren in den Tieflagen, die Ahornarten auf allen Stufen und die Weisstanne im hochmontanen Bereich sowie die Vogelbeere in der subalpinen Stufe. Diese Bäume brauchen wir für die Zukunft, damit ein Mischbestand besteht und das ganze System nicht so delikat auf Störungen wie Trockenheit, Sturmwurf oder Insektenbefall reagiert. Diese klimafitten Bäume sind jedoch leider beim Wild auch am beliebtesten. Der selektive Verbiss reduziert damit das waldbauliche Potenzial für die Zukunft, verhindert also zum Teil den Umbau der Wälder in klimafittere Bestände.
Wie sieht die derzeitige Lage in der Schweiz aus und ist sie besorgniserregend?
Dies ist relativ schwierig zu beantworten. Es gibt Orte in der Schweiz, wo alles eigentlich rund läuft, wo auch Jagd und Forst miteinander reden, der Wildbestand nicht zu hoch ist und der Wald sich auch verjüngen kann. Es gibt jedoch Bestände, wo zwar junge Bäumchen aufwachsen können, aber leider nicht von den Baumarten, die wir gerne in Zukunft hätten. Das Ganze spitzt sich dort zu, wo die Problematik ohnehin schon gross ist. In einem Gebirgswald ist es von Natur aus so, dass die Verjüngung nur spärlich und sehr langsam aufkommt. Wenn dort das Wild die gleiche Anzahl Bäumchen verbeisst, dann ist es deutlich fataler. Durch den Klimawandel kommt jetzt noch hinzu, dass viele dieser Bäumchen, die unter Hitzestress leiden, den Verbiss deutlich schlechter vertragen. Die Reaktion der Bäumchen auf Verbiss dauert deutlich länger durch Trockenstress und manche sterben dadurch ab.
Welche Szenarien stehen bevor, wenn nicht gehandelt wird?
Wir würden insbesondere eintönigere Wälder vorfinden, also eine geringere Baumdiversität, die anfälliger auf Trockenheit, Borkenkäfermassenausbreitungen und Ähnliches wären. In den Schutzwäldern können die alten oder abgestorbenen Bäume nach Borkenkäferbefall oder Sturmwurf ihre Schutzwirkung verlieren, bevor die neuen Bäumchen genügend gross sind, um sie zu ersetzen. Es kann also zu einem erhöhten Risiko für Steinschlag und Lawinen kommen. Schutzwälder tragen jedoch auch positiv für das Klima und den Wasserhaushalt bei. Damit die Wälder nachhaltig ihre Funktion erfüllen können, müssen kleine, frische Bäume heranwachsen können.
Wie kann dies nun gewährleistet werden?
Sehr viele Waldbestände in der Schweiz wurden dunkler. Diese bieten weder viel Nahrung für Wildtiere noch gute Lichtbedingungen für die Verjüngung des Baumbestands. Daher müsste zeitlich kontrolliert Licht in betroffene Wälder gelassen und lokal der Verbiss unterbunden werden. Letzteres wäre nur durch eine häufigere und koordinierte Jagd möglich, die den Wildbestand reduziert. Auch sollten die Störungen für das Wild reduziert werden, damit es aus dem Wald auf die Wiese austreten kann. Ein Rothirsch muss alle paar Stunden fressen. Kann er dies aufgrund von Störungen wie durch Landwirtschaft, Tourismus oder Sonstiges nicht, dann verweilt er im Wald. Dort bedient er sich an dem, was er vorfindet. In dunkleren Beständen ist die Auswahl jedoch deutlich geringer, weshalb vermehrt die Knospen und Triebe der kleinen Bäumchen abgefressen werden, die so essenziell für die Baumverjüngung wären.
Spätestens wann wäre ein Eingriff des Menschen dringend nötig?
Gerade, wenn Brände, grosse Sturmschäden oder Insektenbefall in einem Wald stattfand, dann muss man genau in dieser wichtigen Zeit die Verjüngung der Bäume priorisieren und den Wildbestand reduzieren. Sobald die Bäume fünf oder sechs Meter hoch sind, erträgt der Wald auch wieder mehr Verbiss. Es ist auch ein etwas künstliches Problem, denn kein System bei uns ist konstant und trotzdem versuchen wir, durchgehend gleich hohe Wildbestände im Wald zu haben. Nun wäre es jedoch an der Zeit, den Wildtierbestand zu senken, der später ruhig auch wieder höher sein kann. An den Orten, wo der Wildbestand und der Verbiss zu hoch sind, benötigt es einen drastischen Eingriff. Dies wäre zum Beispiel auf der ganzen Waldbrandfläche im Aletschgebiet nötig, wo vergangenes Jahr ein grosser Brand wütete. Auch in Graubünden existieren viele Flächen, wo eine Verjüngung bitter nötig wäre, um ihre Schutzwirkung aufrechtzuerhalten. Es gibt viele Bestände, wo ein Handlungsbedarf akut nötig wäre.
Zur Person

Dr. Andrea Doris Kupferschmid ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf. Sie beschäftigt sich im Bereich Waldressourcen und Waldmanagement sowie Bestandesdynamik und Waldbau mit den Einflüssen der wild lebenden Huftiere auf die Baumverjüngung.

