Immer mehr Menschen wollen auch nach dem Tod umweltbewusst handeln, weshalb der Trend zu nachhaltigen Bestattungen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Laut Berto Biaggi, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Bestatterverbandes, ist Nachhaltigkeit auch in der Bestattungskultur angekommen. «Umweltfreundliche Bestattungsformen gewinnen zunehmend an Bedeutung.» Es geht darum, den natürlichen Kreislauf zu respektieren und möglichst viele Bestandteile wieder in diesen zurückzuführen.
Derzeit stehen in der Schweiz nach Angaben Biaggis mehrere Bestattungsformen zur Verfügung. «Neben exotischen Bestattungsformen wie der Diamantbestattung oder der Weltraumbestattung sind auch See- oder Flussbestattung sowie Naturbestattung möglich.» Gerade Letztere hält Biaggi für eine besonders umweltfreundliche Alternative. «Hierbei wird die Asche des Verstorbenen in der freien Natur beigesetzt, häufig in Wäldern oder auf Bergwiesen. Dafür haben wir ausgewiesene Waldgebiete, in denen die Asche direkt an den Wurzeln eines Baumes vergraben wird, was symbolisch die Rückkehr des Verstorbenen in den Kreislauf der Natur darstellt.»
Naturbestattung im Kreislauf der Natur
Für alle diese Bestattungsformen ist eine vorherige Feuerbestattung notwendig. Laut Angaben des Schweizerischen Bestatterverbands entscheiden sich mittlerweile etwa 85 Prozent der Menschen in der Schweiz für eine Kremation. «Die verstorbene Person wird in einem Sarg im Krematorium verbrannt, wobei je nach Körpergrösse und Sargmodell zwischen zwei und vier Liter Asche entstehen», erklärt Biaggi. Metall und andere Fremdkörper werden entfernt, bevor die Asche gemahlen und in eine Urne gefüllt wird. Die Angehörigen können danach frei über die Asche verfügen. «Sie darf beigesetzt, geteilt, verstreut oder auch für symbolische Zwecke verwendet werden. Die Asche kann unter anderem zu Diamanten gepresst, in Erinnerungsschmuck eingearbeitet, als Schallplatte mit der Lieblingsmusik gestaltet oder in Anhänger, Amulette oder Ringe gefüllt werden.» Oder eben in der Natur beigesetzt werden.
Die Asche in Wald- oder Naturfriedhöfen oder auch im Rahmen einer Seebestattung zu verstreuen, wird als umweltschonend wahrgenommen. In der Tat benötigen naturverbundene Beisetzungsformen weniger Platz als herkömmliche Erdbestattungen, und Naturfriedhöfe oder Friedwälder integrieren die Beisetzung nahtlos in die natürliche Landschaft. Dies schont wertvolle Bodenressourcen und ermöglicht es, grössere Gebiete der Natur zu überlassen, statt sie für die Friedhofsnutzung zu beanspruchen, was den ökologischen Fussabdruck des Verstorbenen minimiert.
Feuerbestattung mit Folgen
Bei der Kremation werden viele Nährstoffe, die im Körper enthalten sind, zerstört, anstatt in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt zu werden. Auch verbleibt nach der Verbrennung Filterasche, die als Sondermüll entsorgt werden muss. Die notwendige Kremation verbraucht zudem durch den Einsatz von fossilen Brennstoffen wie Erdgas viel Energie. Der Verbrennungsvorgang verursacht CO2-Emissionen – pro Kremation werden etwa fünf Kubikmeter Gas benötigt. Der CO2-Ausstoss wird laut einer Untersuchung der Technischen Universität Rosenheim auf etwa 10 Kilogramm CO2 durch den Einsatz von Erdgas festgesetzt, was dem Ausstoss einer einstündigen Autofahrt entspricht. Die durch den Verbrennungsvorgang entstandenen CO2-Emissionen können die Hinterbliebenen durch Zahlungen in Klimaschutzprojekte zur Aufforstung oder erneuerbaren Energien ausgleichen. In Österreich wird dieser Service sogar bereits von einigen Bestattungsunternehmen angeboten. Auch Krematorien, die ihren Energiebedarf durch Photovoltaik decken oder überschüssige Wärme zur Beheizung von Friedhofshallen nutzen, leisten einen Beitrag zur Reduzierung der Umweltbelastung.
Erdbestattung im neuen Licht
Bei einer Erdbestattung wird keine Energie für die Verbrennung benötigt, was den CO2-Ausstoss reduziert. Führt man möglichst viele Materialien in den natürlichen Kreislauf zurück, erweist sich die Erdbestattung sogar als die derzeit klimafreundlichste Bestattungsform. Dazu zählen beispielsweise Särge aus regionalem unbehandeltem Holz, Karton, Weide oder Zellulose, die sich nach der Beisetzung vollständig zersetzen, oder auch solche aus lebenden Organismen wie Mycelien wie vom holländischen Start-up Loop Biotech angeboten. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass keine schädlichen Stoffe in den Boden gelangen und der Körper im Einklang mit der Natur zersetzt wird. Die Grabsteine wiederum sollten aus lokalen Steinbrüchen sowie Blumen und Grabschmuck aus der Region stammen. Auch die verwendeten Bestattungstextilien und alle anderen Materialien sollten möglichst aus biologisch abbaubaren Naturstoffen bestehen. Um Emissionen weiter zu senken, sollten zudem die Transportwege so kurz wie möglich gehalten werden.
Humus statt Asche
Als besonders nachhaltig gilt die innovative Bestattungsform der Reerdigung oder Kompostbestattung. «Bei der Reerdigung wird der Verstorbene auf ein Bett aus Stroh und Grünschnitt in einen sargähnlichen Kokon gelegt», erklärt Biaggi. «Die Zugabe von pflanzlichen Materialien unterstützt den Zersetzungsprozess, sodass der Körper wieder zu Erde wird.» Auch Blumen könnten bei der Einbettung hinzugefügt werden.«Natürliche Mikroorganismen, die sowohl im menschlichen Körper als auch in den pflanzlichen Materialien vorhanden sind, sorgen unter optimalen Bedingungen für eine rasche Umwandlung des Körpers in Humus.» Nur knapp sechs Wochen dauert dieser Prozess.«Innerhalb von 40 Tagen wird sämtliches organisches Material in Erde umgewandelt und aus dem Körper entsteht fruchtbarer Humus. Diese neu entstandene Erde wird anschliessend dem Kokon entnommen, verbliebene Knochen werden zerkleinert und mit dem Humus vermischt, sodass eine feinkörnige Erde entsteht.» Die zahlreichen Nährstoffe wie Fette, Kohlenhydrate, Eisen und Kalzium, die im menschlichen Körper gebunden sind, werden so der Natur zugeführt, was dem Wunsch vieler Menschen entspricht, nach dem Tod einen positiven Beitrag zur Umwelt zu leisten. Diese nährstoffreiche Erde kann dann auf Friedhöfen verwendet werden oder die Angehörigen können sie mit nach Hause nehmen, um sie beispielsweise in Gärten zu nutzen.
Im Vergleich zu traditionellen Bestattungsformen spart die Reerdigung erhebliche Mengen an CO2 ein, denn der Energieverbrauch ist deutlich geringer – die Kompostbestattung benötigt nur einen Achtel der Energie im Vergleich zur Kremation. Zudem hat das Bodenleben, das beim Zersetzungsprozess eine wichtige Rolle spielt, in den obersten 50 Zentimetern der Erde die besten Bedingungen, während bei einer traditionellen Erdbestattung der Körper meist in etwa zwei Metern Tiefe beigesetzt wird.
Der entstandene Humus ist vollkommen unproblematisch, wie amerikanische Bodenkundler der Washington State University feststellten. Während des Zersetzungsprozesses erreicht der Körper Temperaturen von 55 bis 70 Grad, wodurch laut den Wissenschaftlern schädliche Mikroorganismen abgetötet werden. «In der Schweiz ist die Reerdigung bislang allerdings nicht zugelassen», gibt Biaggi zu bedenken. Auch sei noch offen, ob diese Erde, wenn sie aus dem Ausland eingeführt würde, rechtlich betrachtet wird. «Daher wissen wir nicht, ob diese Erde der Asche gleichgesetzt ist und den Angehörigen zur freien Verfügung steht oder ob sie zwingend auf einem Friedhof beigesetzt werden muss.» Eine Überführung von Bestattungserde kann daher rechtlich noch kompliziert sein. Laut Biaggi besteht jedoch die Aussicht, dass auch die Schweiz in naher Zukunft diesen Trend aufgreifen könnte. «Die Reerdigung hat gute Chancen, rechtlich zugelassen zu werden, da sie im Grunde nur eine optimierte Form der Erdbestattung darstellt. Durch kontrollierte Umweltbedingungen dauert der Zersetzungsprozess der Verstorbenen lediglich sechs Wochen, demgegenüber die üblichen 20 Jahre bei einer herkömmlichen Erdbestattung.»
Fakten rund um die Reerdigung
- Dauer des Prozesses: Der menschliche Körper verwandelt sich innerhalb von 40 Tagen in fruchtbaren Humus.
- CO²-Einsparung: Im Vergleich zur Erdbestattung spart die Reerdigung rund eine Tonne CO² pro Person und benötigt nur einen Achtel der Energie, die für eine Kremation erforderlich ist.
- Fruchtbarer Humus: Der Körper wird zu nährstoffreicher Erde, die vollständig Pflanzen und Tieren zugutekommt.
- Noch nicht zugelassen: In der Schweiz ist die Reerdigung aktuell noch nicht gesetzlich erlaubt.
- Natürlicher Kreislauf: Durch die Reerdigung entstehen keine schädlichen Rückstände.

