In einer Zeit, in der der Klimawandel und der Verlust von Biodiversität alarmierende Ausmasse annehmen, ist das Bewusstsein für den Begriff Ökozid wichtiger denn je. Er beschreibt die vorsätzliche und grossflächige Zerstörung vonNatur und ganzen Ökosystemen. Diese Zerstörung findet weltweit statt und zeigt sich in zahlreichen Facetten. «Die Abholzung, die Überfischung, der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und anderer langlebiger Chemikalien, die Verknappung und Zerstörung von Lebensraum – das alles ist Ökozid», erklärt Dr. Silvia Frey. Die Meeresschutzbiologin engagiert sich mit der Schweizer Organisation KYMA für den Schutz der Meerestiere in den Ozeanen. Die zerstörerischen Handlungen erfolgen trotz des Wissens um ihre verheerenden Konsequenzen für die Tiere, die Natur und letztlich auch die Menschen.
Die Hauptverantwortung für den Schaden tragen nicht Privatpersonen, sondern grosse Konzerne und Regierungen, die laut Frey die bewusste Zerstörung ganzerLebensbereiche aus Profitgier in Kauf nehmen. Die Folgen sind gravierend: «Aktuell findet das grösste Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier statt, wobei die Erde jeden Tag um bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten ärmer wird.» Ökozid führt schliesslich zu Naturkatastrophen wie Überschwemmungen sowie Waldbränden und gefährdet die essenziellen Lebensgrundlagen von Menschen und Tieren.
Strafrechtlich verfolgen
Ein entscheidender Schritt zur Bekämpfung des Ökozids sei die Anerkennung als internationales Verbrechen am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), so zumindest die Forderung der Naturschutzorganisation. «Wenn der Ökozid als fünftes internationales Verbrechen gelistet und verfolgt wird, hätte das für betroffene Konzerne und Regierungen zumindest einen grossen Imageschaden zur Folge», erhofft sich Dr. Silvia Frey. Die Bedrohung, vor Gericht gestellt zu werden, könne Verantwortliche zum Umdenken bewegen. Das Strafrecht spielt hierbei eine zentrale Rolle, da es festlegt, welche Handlungen rechtlich geahndet werden und was Gesellschaften als moralisch akzeptabel definieren.
Die Meeresschutzorganisation KYMA fordert nun in einer Petition, dass die Schweiz sich dafür einsetzt, Umweltverbrechen international zu ahnden und Ökozid auch national gesetzlich zu verankern. Ein besonderer Dorn im Auge der Meeresschutzbiologin ist die derzeitige Überfischung. Jährlich werden laut ihr schätzungsweise 1,1 bis 2,2 Billionen Wildfische getötet. «Das ist ein Vielfaches an Individuen im Vergleich zu allen anderen für Lebensmittel getöteten Tieren zusammen.» Der weltweite Fischkonsum ist seit 1961 fast doppelt so schnell wie das Bevölkerungswachstum angestiegen, was auch in der Schweiz spürbar ist. Gleichzeitig hat sich der Anteil an überfischten Beständen innerhalb der letzten vierzig Jahre verdreifacht. «Der Schutz der Ozeane und ihrer Bewohner ist nicht nur eine Frage des Naturschutzes, sondern auch eine Frage der moralischen Verantwortung.»

