Tierschutz bei Hitze
Politische Vorstösse fordern strengere Regeln für Kutschpferde
Wie lange dürfen Kutschpferde arbeiten und wann ist es zu heiss dafür? Tierschützer und Politikerinnen sehen bei den Schweizer Vorschriften Lücken. Mit Vorstössen auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene wollen sie strengere Regeln erreichen.
Kutschpferde gehören in Tourismusorten wie Interlaken zum gewohnten Bild. Doch insbesondere an heissen Sommertagen wird ihr Einsatz kontrovers diskutiert. Die Tierrechtsorganisation Tier im Fokus (TIF) fordert nun gemeinsam mit Politikerinnen auf verschiedenen Staatsebenen konkretere Vorschriften.
Auslöser sind unter anderem Beobachtungen aus Interlaken im Sommer 2026. Gemäss TIF dokumentierten Anwohnerinnen und Anwohner dort Kutschpferde, die auch bei Temperaturen über 30 Grad im Einsatz standen. Die Organisation kritisiert, dass die Schweizer Tierschutzgesetzgebung keine spezifische Temperaturgrenze festlegt, ab der Pferde nicht mehr vor Kutschen eingesetzt werden dürfen.
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Keine konkrete Hitzegrenze für Kutschpferde
Tatsächlich enthält die eidgenössische Tierschutzverordnung detaillierte Bestimmungen zur Haltung und zum notwendigen Auslauf von Pferden. Eine allgemeine Höchsttemperatur für ihren Arbeitseinsatz vor einer Kutsche ist darin jedoch nicht festgelegt. Dass eine fehlende fixe Temperaturgrenze nicht automatisch bedeutet, dass jeder Einsatz bei grosser Hitze unproblematisch ist, zeigt auch die Einschätzung des Schweizer Tierschutzes (STS). Dieser empfiehlt bei Temperaturen ab 30 Grad längere Pausen im Stall, Schatten während der Pausen und regelmässiges Tränken.
Eine vom STS in Auftrag gegebene Untersuchung der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL kam allerdings zu einem differenzierten Ergebnis: Bei den untersuchten gesunden und fitten Kutschpferden führten gewöhnliche Fahrten selbst bei Temperaturen von mehr als 30 Grad nicht zu einer Überforderung. Die Untersuchung umfasste jedoch nur eine kleine Stichprobe und jeweils den ersten Einsatz des Tages.
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Forderungen auf drei politischen Ebenen
Auf Bundesebene will die grüne Nationalrätin Meret Schneider laut TIF den Bundesrat mit einer Motion auffordern, die Vorschriften zu ergänzen. Gefordert werden unter anderem eine Höchstdauer für den täglichen Einsatz, vorgeschriebene Ruhezeiten, Vorgaben für Einsätze bei Hitze sowie ein Fachkundenachweis für das gewerbliche Führen von Pferdekutschen.
Auch im Kanton Bern wird das Thema politisch aufgegriffen. SP-Grossrätin Susanne Clauss will mit einer Interpellation unter anderem erfahren, wie viele Pferde für gewerbliche Kutschfahrten eingesetzt werden, wie die Behörden solche Betriebe kontrollieren und wie sie mit Meldungen aus der Bevölkerung umgehen.
Auf kommunaler Ebene hat der Berner Stadtrat Tobias Sennhauser von Tier im Fokus gemeinsam mit David Böhner von der Alternativen Linken die Interpellation «Pferdekutschen in Bern – braucht es das noch?» eingereicht. Der Vorstoss ist im Ratsinformationssystem der Stadt als am 3. September 2026 eingereicht aufgeführt. Er thematisiert unter anderem den Handlungsspielraum der Stadt im Umgang mit Kutschenbetrieben.
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Kutschenbetreiber verweist auf eigene Schutzmassnahmen
Die Kritik an den Kutschenfahrten ist allerdings nicht unumstritten. Ein Interlakner Kutschenbetreiber erklärte gegenüber Radio BeO im Juli, der Schutz der Tiere habe oberste Priorität. An heissen Tagen würden die Einsatzzeiten eingeschränkt und am Nachmittag Pausen eingelegt. Zudem werde der Standplatz gekühlt. Nach Angaben des Betreibers würden die Haltungs- und Einsatzbedingungen regelmässig kontrolliert.
Auch die Untersuchungen des Schweizer Tierschutzes zeichnen kein eindeutiges Bild einer generellen Überlastung. Bei Beobachtungen von Kutschenbetrieben in Interlaken, Zermatt und auf Rigi Kaltbad stellte der STS zwar Verbesserungsbedarf etwa bei Schatten, Wasserversorgung und Pausen fest. Die Belastung durch das eigentliche Ziehen der Kutsche wurde beim beobachteten Pferd in Interlaken jedoch nicht als problematisch beurteilt.
Damit dürfte sich die politische Debatte weniger um die Frage drehen, ob Kutschfahrten bei hohen Temperaturen grundsätzlich tierschutzwidrig sind, sondern darum, ob die bestehenden allgemeinen Tierschutzbestimmungen durch konkrete Vorgaben zu Arbeitsdauer, Pausen, Fachkenntnissen und Hitze ergänzt werden sollen.
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