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Die Heilkraft von Blutegel liegt im Speichel

Blutegel (Hirudinea) – die Wundertierchen – saugen mehr als nur Blut. Mit ihrem Sekret können sie in Rekordzeit Entzündungen bei Menschen heilen. Eine willkommene Wohltat für das geschwollene Arthroseknie.

Zuerst fühlt es sich leicht unangenehm an, manchmal brennt es etwas, doch mit der Zeit spürt man sie nicht mehr, die kleinen Blutegel, wenn sie sich am Blut ihres Wirtes gütlich tun. Der Arzt oder Therapeut hat sie zuvor mit einem speziellen Glas sorgfältig auf der zu behandelnden Stelle aufgesetzt. Zu ihrem Glück zwingen lassen sich die kleinen Egel nicht, sie entscheiden selbst, ob sie anbeissen oder eben nicht. Manchmal braucht es etwas Geduld, aber irgendwann funktioniert es. «Je stärker die Entzündung ist, desto lieber beissen die Egel an», sagt Experte Andreas Eggimann von der Naturmedizin-Praxis Eggimann in Grenchen. Erst wenn die Egel vollgesogen sind und sich fallen lassen, ist die Therapie beendet. Das kann 60 bis 120 Minuten dauern. Manuell abnehmen darf man die Tierchen nicht, denn sie könnten erbrechen und damit eine Infektion beim Patienten auslösen.

Die Behandlung mit Blutegeln gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Heilverfahren. Bereits in der Zeit der Pharaonen sollen Menschen die medizinische Wirkung von diesen Tierchen genutzt haben. Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte diese Therapieform ihren Höhepunkt. Seit ein paar Jahren setzen Ärztinnen und Therapeuten nun wieder vermehrt auf diese wirklich nebenwirkungsarme Heilmethode. Eine unangenehme, jedoch gewollte Nebenwirkung: Die mehr oder weniger starke Nachblutung. Eine Folge der blutverdünnenden Substanz Hirudin, die die Egel beim Saugen abgeben. Zudem können kleine Narben zurückbleiben.

Die Blutegeltherapie punktet mit  guten Erfolgen bei Entzündungen, akuten und chronischen Leiden.
Wie die meisten Egelarten kommt der Blutegel im Süsswasser vor.

Die Heilung erfolgt oft schnell

Die Heilkraft liegt im Speichel: Er enthält mehr als 100 bioaktive Substanzen, unter anderem eben das blutverdünnende Hirudin. Beim Saugen geben die Tierchen ihre Substanzen mit dem Speichel in die Wunde. Das Sekret wirkt entzündungshemmend, schmerzstillend und durchblutungsfördernd. Laut einer Publikation der Universität RWTH Achen hat sich die Wirkung der Blutegeltherapie bei Kniearthrosen zum ersten Mal in einer placebokontrollierten klinischen Studie nachweisen lassen. Das Resultat: beachtliche Erfolge bei geringen Risiken und Nebenwirkungen. Besonders die Schmerzsituation verbesserte sich, Patienten erlangten ihre Beweglichkeit zurück, heisst es weiter. Beim Sport- und Freizeitverhalten allerdings, da sei nur eine geringe Verbesserung zu erwarten.

Gut abgeschnitten hat die Egeltherapie auch in einer randomisierten kontrollierten Studie der Medizinischen Fakultät der Uni Duisburg-Essen. Untersucht hat man dort die Wirksamkeit der Blutegelbehandlung beim «Tennisellbogen». Eine Gruppe wurde mit Blutegeln, die andere mit dem Schmerzmittel Diclofenac (Gel) behandelt. Keine Person wusste, mit welcher Methode sie therapiert wird. 45 Tage später zeigte sich bei beiden Gruppen eine deutliche und vergleichbare Reduktion der Schmerzen, jedoch die Patienten der Blutegeltherapie freuten sich noch über eine starke Verbesserung der funktionellen Beschwerden.

«Je stärker die Entzündung ist,desto lieber beissen die Blutegel an.»

Andreas Eggimann wendet die Blutegeltherapie schon seit zehn Jahren an. «Mit sehr guten Erfolgen bei Entzündungen, akuten und chronischen Leiden», wie er sagt. Vorteile dieser Therapie sind für ihn, dass sie oft schnell wirkt und scheinbar unlösbare gesundheitliche Probleme beheben kann. Allerdings eignet sich die Blutegelanwendung nicht für alle Menschen: Bei bestimmten Medikationen und Zirkulationsstörungen dürfen die Tierchen nicht angesetzt werden. Der Grund: Es könnten, sagt Andreas Eggimann, nach einer solchen Therapie schon mal Komplikationen auftreten, «allerdings sehr selten, bei uns ist das in den letzten fünf Jahren nie vorgekommen». Wichtig sei natürlich, dass Blutegelanwendungen von erfahrenen Therapeuten durchgeführt würden.

Blutegel in der Schweiz

Die Blutegel gehören zum Stamm der Ringelwürmer (Annelidae). Diese leben meist in Süsswasser, wenige im Meer. Rund 600 verschiedene Blutegelarten gibt es weltweit. Auch in der Schweiz findet man Blutegel. Am vorderen und hinteren Ende seines Körpers ist der Egel mit je einem Saugnapf ausgestattet. So hält er sich mit dem hinteren am Untergrund fest, der vordere Saugnapf dient zum Saugen. Er ernährt sich vom Blut verschiedener Tiere. Blutegel sind Zwitter und legen rund 10 bis 30 Eier in Kokons.

Für die medizinische Anwendung werden aber die Blutegel (Hirudo medicinalis) ausschliesslich im Labor gezüchtet. Dort können sie, bei guter Haltung, bis zu 20 Jahre alt werden. In der Schweiz gibt es bisher eine einzige Zucht, die bei der Hirumed GmbH in Wil SG angesiedelt ist. Das Familienunternehmen der Ärztin Dominique Kähler Schweizer und ihres Manns Beda Schweizer ist spezialisiert auf die Zucht von Blutegeln für therapeutische Zwecke. Die Motivation, Blutegel selbst zu züchten, war ihre Unzufriedenheit mit der Qualität der Blutegel, welche die Ärztin in ihren Kursen verwendet hatte. Das war vor über 20 Jahren. «Die Zucht lief zuerst parallel zu meiner Arztpraxis, und seit 2007 ist sie eine eigene Firma», so Dominique Kähler Schweizer. «Für eine Zucht braucht es aber neben dem nötigen Kapital viel Geduld, Durchhaltevermögen, ein grosses Fachwissen sowie Begeisterung für Tiere und Therapie», sagt die Expertin rückblickend. Die ältesten und grössten Zuchtbetriebe finden sich in Russland. Ganz theoretisch könnten Blutegel auch zu Hause im Aquarium gehalten werden, vorausgesetzt allerdings, die Artenschutzvorschriften werden eingehalten.

Die Ärztin setzt sich seit mehr als 25 Jahren mit der Naturheilkunde auseinander. In ihrer Praxis in Wil bietet sie seit 1998 Blutegeltherapien an – auch Kurse, Seminare und eine vollumfängliche Ausbildung für Blutegeltherapie. Zudem hat sie als Expertin mehrere Bücher veröffentlicht und hält Vorträge. «Wir züchten hauptsächlich den grünen Blutegel (Hirudo verbana) und den medizinischen Blutegel (Hirudo medicinalis) unter Laborbedingungen. Es braucht etwa zwei Jahre, bis sie zu therapeutischen Zwecken einsatzfähig sind», so Dominique Kähler Schweizer. «Wer Blutegel züchtet, achtet nicht auf den Profit. Eine Lachszucht etwa wäre wesentlich lukrativer und rentabler. Bei uns ist es die Überzeugung und Freude für die Therapie.»

Die Heilkraft liegt im Speichel des Egels: Er enthält mehr als 100 aktiveSubstanzen, darunter auch das blutverdünnende Hirudin.
Die Heilkraft liegt im Speichel des Egels: Er enthält mehr als 100 aktive Substanzen, darunter auch das blutverdünnende Hirudin.

Die medizinischen Blutegel können aber nur einmal verwendet werden, «danach müssen sie durch Tiefkühlung getötet und fachgerecht entsorgt werden». Sie dürfen also nicht in der Natur ausgesetzt werden. Und auch umgekehrt: Die frei lebenden Blutegel sind in der Schweiz geschützt und dürfen der Natur nicht entnommen werden.

Die Blutegel kommen durch einen Kurier zu den Kunden – den Ärztinnen und den Therapeutinnen – oder sie werden direkt in Wil abgeholt. Damit die Blutegeltherapien fachgerecht durchgeführt werden, sind Weiterbildungen sinnvoll. «Die Heilpraktiker-Schulen vermitteln ausschliesslich Grundkenntnisse über die Ausleitungsmethoden Schröpfen, Baunscheidtieren und auch Blutegeltherapie. Therapeuten, welche die Blutegeltherapie gründlicher kennen lernen möchten, können dann bei uns diverse Weiterbildungsseminare besuchen», erklärt die Ärztin. Haben die Therapeuten den ganzen Lehrgang absolviert, übernehmen viele Krankenkassen einen Teil der Behandlungskosten.

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