Seit Jahrhunderten gelten Tauben als Symbol für Liebe, Treue, Frieden und den Heiligen Geist. Entsprechend alt ist der Brauch, sie am Hochzeitstag in den Himmel fliegen zu lassen, um das Band der Frischvermählten zu feiern.
Auch heute wird diese Tradition in der Schweiz gepflegt. Über die Website Hochzeit-Tauben.ch ist es möglich, die Vögel für die Liebesfeste zu organisieren. Die Website vereint Brieftaubenzüchterinnen und -züchter in 20 verschiedenen Kantonen, die ihre Tauben für die Festivitäten zur Verfügung stellen. Sobald sie nach der Trauung freigelassen werden, fliegen die Brieftauben dank ihres stark ausgeprägten Heimfindesinns wieder zurück in ihren Heimatschlag.
Ins Leben gerufen hat das Angebot Alexandra Lüdin. Wie schon ihre Mutter vor ihr arbeitete sie im Militärdienst in einem Brieftaubenzug der Übermittlungskompanie. «Es sind wunderbare, sehr intelligente Tiere», schwärmt die Aargauerin. Heute hält sie selbst zwar keine Tauben mehr, arbeitet aber mit einem Züchter zusammen und ist zur Stelle, wenn Tauben an Hochzeiten im Kanton Aargau erwünscht sind.
Doch wie kommen Hochzeitstauben eigentlich genau zum Einsatz? «Der Taubenzüchter korbt jeweils 20 gemischtfarbige Tauben ein», erklärt Lüdin. Dabei werde darauf geachtet, dass es sich um gesunde, männliche Brieftauben handle. «Wenn nur Männchen im Korb sind, gibt es keine Rivalitäten. Als monogame Tiere freuen sie sich darauf, loszufliegen und zu ihren Weibchen, die zuhause warten, zurückzukehren.»
Diese Körbe bringt sie zur Hochzeit – zusammen mit zwei weissen Tauben, die dem Brautpaar in die Hand gegeben werden. «Weisse Tauben bringe ich nur zwei mit, denn die sind nicht von oben getarnt und daher auch nicht vor Greifvögeln geschützt», erklärt die Expertin. Daher lässt das frisch verheiratete Paar die beiden weissen Tauben jeweils zuerst fliegen. «Sie drehen dann meistens einige Runden, setzen sich irgendwo hin und warten auf den Schwarm. Ohne ihn würden sie den Heimweg nicht finden.»
Anschliessend werden die 20 männlichen Brieftauben freigelassen. Parallel dazu erzählt Lüdin der Hochzeitsgesellschaft ein Gedicht oder Anekdoten zur Symbolik der Tauben. «Wenn dann alle Tauben in der Luft sind, fliegen sie dort einige Male im Kreis, bis sie wissen, in welche Richtung es nach Hause geht», schildert Lüdin. «Und dann machen sie sich alle zusammen auf den Weg.»
«Tierwohl liegt uns am Herzen»
Die Nachfrage nach Hochzeitstauben gestalte sich schwankend, erzählt Alexandra Lüdin. «Doch über die letzten Jahre gesehen hat sie sicher abgenommen.» Früher habe es mehr Hochzeiten und auch noch mehr Taubenzüchter gegeben. Wie viel Aufwand und Herzblut hinter der Zucht stecken, weiss die Expertin aus erster Hand. «Die Tauben werden gepflegt, zur Parasitenbekämpfung gepudert und geimpft. Ein- bis zweimal pro Tag muss der Schlag ausgemistet werden. Das ist nicht zu unterschätzen.»
Ein weiterer Grund für die tendenzielle Abnahme der Nachfrage könnte die Kritik rund um den Brauch sein. PETA Schweiz etwa bezeichnet die Tradition als «Tierquälerei»: Hochzeitstauben würden in enge Boxen gepfercht, fänden oft den Weg nicht mehr nach Hause oder würden nach dem Freilassen häufig sterben.
Lüdin hält dagegen: «Das Tierwohl liegt uns sehr am Herzen. Es wird streng darauf geachtet, dass die Tauben höchstens eine Stunde im Korb sind, dass dieser am Trauungsort an einer geschützten Stelle steht und dass die Rückflugstrecke nicht zu lang ist» – obwohl Brieftauben in der Lage sind, Hunderte von Kilometern zu bewältigen. «Die Tauben kennen das Prozedere: Sie freuen sich auf den Rückflug, denn sie wissen, dass ihre Weibchen zuhause warten», betont Lüdin.
Als monogame und sehr soziale Tiere bleiben Taubenpaare ein Leben lang zusammen – ganz im Gegensatz zu den Schweizer Ehepaaren, deren Bund fürs Leben in zwei von fünf Fällen wieder geschieden wird.

