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Kann die Weinproduktion nachhaltig sein?

Die Schweiz, bekannt für ihre malerischen Weinberge und sehr guten Weine, steht vor der Herausforderung, Nachhaltigkeit in diese traditionelle Branche zu integrieren.

In der Schweiz wird zwar viel für eine nachhaltige Weinproduktion getan, doch nur wenig darüber kommuniziert», erklärt die Önologin Nora Viret. Önologie ist die Wissenschaft, die sich mit allen Aspekten der Weinherstellung und des Weins befasst und wesentlich dazu beiträgt, die Qualität und Vielfalt der Weine zu sichern und zu verbessern. Als Verwalterin bei Vitiswiss, dem schweizerischen Dachverband für ökologisch orientierte integrierte Produktion im Weinbau, unter welchem sechs regionale Weinbauverbände zusammengefasst sind, kennt sie die Bemühungen der Branche um Nachhaltigkeit aus erster Hand. Laut Viret engagiert man sich in der Branche seit Jahren für Nachhaltigkeit. «Zum Beispiel die Initiative ‹Agro Impact› im Kanton Waadt. Diese Institution ist ein Zusammenschluss von Akteuren aus Landwirtschaft, Forschung und Umweltschutz, die gemeinsam an der Reduzierung des CO2-Fussabdrucks in der Landwirtschaft arbeiten.» Laut der Önologin ist es vor allem der Anbau des Weines, der in puncto Nachhaltigkeit die entscheidende Rolle spielt. Die Biodiversität sei dabei ein zentraler Faktor, da sie massgeblich zur Gesundheit und Qualität der Böden sowie zur Stabilität des Ökosystems beiträgt. In der Schweiz wird Biodiversität speziell im Weinbau aktiv gefördert, so Viret. «Dies äussert sich beispielsweise in der zunehmenden Verwendung neuer Pflanzenbedeckungen, die nicht nur für den Boden, sondern auch für Insekten und Bienen von Bedeutung sind. Der sparsame Einsatz von Insektiziden – in der Regel nur bei spezifischen Quarantänekrankheiten – zeigt, wie sehr der natürliche Erhalt der Fauna und Flora in der Branche geschätzt wird.» Trotz dieser Bedeutung der Biodiversität für die Weinqualität und das ökologische Gleichgewicht, würde auch über diese Bemühungen ausserhalb der Branche wenig kommuniziert.

Neues Label für Nachhaltigkeit

Vitiswiss möchte dies nun ändern und plant die Einführung eines neuen Labels, das die Nachhaltigkeit im Weinbau stärker in den Fokus rücken und die bereits von Winzern ergriffenen nachhaltigen Massnahmen besser sichtbar machen soll. Der Verband legt dabei Wert auf eine nachhaltige Entwicklung, die wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit in Einklang bringt. Das Vitiswiss-Label soll die bereits existierenden Zertifikate wie Vinatura (ein Vitiswiss-Label), IP-Suisse, Bio Suisse und Demeter ergänzen, die jeweils unterschiedliche Ebenen der Nachhaltigkeit mit spezifischen Massnahmen zertifizieren. «Das geplante Label von Vitiswiss würde somit als Ergänzung zu den strengeren und bestehenden Labels dienen, welche zusätzliche Massnahmen für Produzenten bieten, die eine noch intensivere Nachhaltigkeitspraxis umsetzen möchten», erläutert Nora Viret. «Bereits jetzt arbeiten viele Produzenten im schweizerischen Weinbau nach den Kriterien dieser Labels, wodurch eine hohe Qualität und Nachhaltigkeit gewährleistet wird.»

Auf der Seite des Weinkonsumenten nimmt in der Diskussion um Nachhaltigkeit auch die Verpackung eine bedeutende Rolle ein, da sie oft das Erste ist, was man nach dem Preis wahrnimmt. «Insbesondere in grossen Einzelhandelsgeschäften, wo der Grossteil des Weines in der Schweiz verkauft wird, sind das Label, das Etikett und die Flasche daher von grosser Bedeutung. Sie tragen nicht nur zur Markenwahrnehmung bei, sondern können über Labels eben auch Auskunft über die Nachhaltigkeit des Produkts geben», unterstreicht Viret die Wichtigkeit von Zertifizierungen. Der Transport hingegen spiele bei heimischen Weinen nur eine untergeordnete Rolle. «Der Grossteil des konsumierten Weins in der Schweiz wird im Inland produziert. Lediglich 1,3 Prozent der schweizerischen Weine werden exportiert.»

Weinvielfalt mit Nachhaltigkeit

Bereits jetzt gibt es Weinarten und -sorten, die auf Nachhaltigkeit setzen. So steht beispielsweise Naturwein für eine Philosophie, die über die herkömmlichen Anbaumethoden hinausgeht. «Dabei handelt sich um Weine, die ohne den Einsatz von Chemikalien wiePestiziden, Herbiziden oder synthetischen Düngemitteln hergestellt werden. Auch im Prozess der Weinbereitung wird auf jegliche Hilfsmittel verzichtet, was bedeutet, dass keine externen Hefen oder zugesetztes Sulfit verwendet werden», erklärt Viret. Naturwein ist allerdings nicht automatisch aus ökologischer oder biodynamischer Landwirtschaft, sondern eher ein Symbol für einen Weinbau, der sich eng an der Natur orientiert. «Allerdings gibt es keine offizielle Spezifikation für Naturwein, was die genaue Definition und Klassifizierung erschwert», wendet Viret ein. Gerade beim ökologischen Weinbau, insbesondere bei Bioweinen, sei die Ökobilanz ein viel diskutiertes Thema. Entgegen der allgemeinen Annahme, dass Bioweine automatisch umweltfreundlicher sind, schildert Viret ein differenziertes Bild. «Bioweine erfordern oft häufigere Spritzungen, da die verwendeten Produkte leichter ausgewaschen werden und somit öfter erneuert werden müssen. Dies führt zu mehr Fahrten mit dem Traktor und folglich einem höheren CO2-Ausstoss. Zudem erfordert der Verzicht auf Herbizide alternative Methoden zur Grasbewirtschaftung, was wiederum häufigere Durchgänge im Weinberg bedeutet.»

Neuartige Piwi-Weine könnten ein wichtiger Teil der Lösung für nachhaltigeren Weinbau sein, stehen laut der Weinbauexpertin allerdings vor der Herausforderung, sich auf dem Markt noch etablieren zu müssen. «Die Nachfrage nach Piwi-Weinen ist momentan noch gering, was teilweise auf den zurückhaltenden Einsatz dieser Sorten durch Winzer zurückzuführen ist.» Piwi-Weine sind nachhaltige, aus pilzresistenten Rebsorten produzierte Weine, die eine Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes ermöglichen. Regional gibt es in der Schweiz deutliche Unterschiede im Anbau von Piwi-Sorten, mit einer stärkeren Verbreitung in der Deutschschweiz. Seit 2023 unterstützt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) mit einem Förderprojekt das Anpflanzen von Piwi-Sorten, sofern eine Mindestpflanzfläche von 2500 Quadratmetern erreicht wird. «Allerdings erfüllen nicht alle Piwi-Sorten die hohen Erwartungen in Bezug auf Leistung und Weinqualität», räumt Viret ein und verweist darauf, dass einige Sorten sich zwar durch ihre Widerstandsfähigkeit auszeichnen, aber nicht immer Weine von hoher Qualität ergeben. «Es gibt jedoch auch Sorten, die alle Kriterien erfüllen.» Nora Viret hofft daher, dass diese in Zukunft verstärkt angebaut und die Konsumenten an diese neuen Weinsorten gewöhnt werden.

Konsumenten, die Wert auf nachhaltig produzierten Wein legen, rät Viret sich gut zu informieren und auch möglichst direkt beim Erzeuger zu kaufen. Die Weinproduzenten seien offen für Fragen und teilten gerne ihr Wissen mit interessierten Kunden. «Dort kann man gezielte Fragen zur Herstellung stellen, gleichzeitig die Transportwege minimieren und den lokalen Handel stärken. Letztendlich geht es beim Weinkonsum aber um einen Kompromiss zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekten, da ein perfekter Kompromiss in diesem Bereich schwer zu erreichen ist.»

Welches Label steht wofür?

Vinatura

Schweizer Qualitätslabel, das besonderen Wert auf umweltschonende und nachhaltige Methoden im Weinbau legt, die den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln reduzieren, die Biodiversität fördern und die natürlichen Ressourcen schonen.

IP-Suisse

Schweizer Label, das sich auf nachhaltige und umweltschonende Anbaumethoden in derLandwirtschaft konzentriert, indem es den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln minimiert, die Biodiversität fördert und die natürlichen Ressourcen schont.

Bio Suisse

Schweizer Label, das für biologischen Landbau steht. Es wird komplett auf synthetische Pestizide und auch chemisch-synthetische Düngemittel verzichtet.

Demeter

Das Demeter-Label ist eines der strengsten Zertifizierungssysteme für ökologische Landwirtschaft rund um den Globus. Die Prinzipien umfassen neben den Standards des konventionellen Bio-Anbaus weitere spezielle biodynamische Methoden.

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