Hier lässt sich gut gackern. Die fast 1300 Hennen des Projekts «Mein Huhn, mein Ei» haben Glück hoch zwei: Statt nach ihrer Hochleistungs-Karriere auf dem Schlachthof zu enden, flattern sie heute sorglos durch ihren Lebensabend. Text:
Die Ladys – wie Jette Endmann ihre gackernde Schar liebevoll nennt – haben ihre besten Zeiten hinter sich, zumindest aus produktionstechnischer Sicht. Sie legen nicht mehr täglich ein Ei und wenn sie es einmal tun, dann «à leur façon». «Bei uns gleicht kein Ei dem andern», sagt Endmann und lacht. Wer seinen «Mein-Huhn-mein-Ei»-Karton entgegennimmt, erhält keine genormte Massenware. Zwar sind die Eier aus dem Berner Seeland frisch und oval, tanzen optisch aber aus der Reihe. Ihre Schale ist dünner, poröser und gewellter als bei jenen vom Grossverteiler.
Mit ihrem hochwertigen Eiweiss, Vitaminen und Mineralstoffen gelten Eier als ausgesprochen gesund. Sie sind gefragt wie nie zuvor: Derzeit liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz bei 209 Stück pro Jahr. Doch die industrielle Produktion von Eiern ist nicht so zuckersüss, wie die Kuchen, die aus ihnen gebacken werden. Um die hohe Nachfrage zu befriedigen, wurden die Hühner auf Hochleistung gezüchtet.
Hohe Nachfrage
Das hat Folgen für die Gesundheit: Viele leiden wegen der extremen Beanspruchung bereits nach 12 bis 16 Monaten an Osteoporose, Organschäden oder anderen Beschwerden. Auch ein langes Leben ist ihnen nicht vergönnt. Wegen abnehmender Legeleistungen werden die Tiere in der Regel spätestens nach eineinhalb Jahren zum Schlachthof gebracht, kurz bevor sie wegen der hormonbedingten Mauser während bis zu drei Wochen gar keine Eier mehr legen. Sie werden durch neue, leistungsfähigere Tiere gleich wieder ersetzt. Rund zwei Millionen Legehennen pro Jahr ereilt in der Schweiz dieses Schicksal.
«Dabei sind sie in diesem Alter noch voll im Schuss. Diese Hennen können noch viele Jahre leben und vereinzelt bis ins achte Lebensalter Eier legen», empört sich Jette Endmann, Projektleiterin von «Mein Huhn, mein Ei». Erschüttert war auch Marianne Oberli, die Gründerin des Projekts, beim Beobachten von Tiertransporten. Sie wollte dem vorzeitigen Ableben der Hennen nicht tatenlos zuschauen und nahm erst einmal einige ausgemusterte Tiere im Garten auf. Überzeugt davon, dass anderen Menschen das Wohlergehen von Hühnern ebenso am Herzen liegt, rief Oberli schliesslich «Mein Huhn – mein Ei» ins Leben. Das war vor sechs Jahren. Heute gackern 1300 Hennen an zwei Standorten um die Wette, auch einige Hähne sind vor Ort.
Kein Leistungsdruck
«Wir können nicht alle Hennen retten», relativiert Jette Endmann. Aber wenigstens für rund 700 Tiere pro Jahr nimmt das Leben eine glückliche Wendung. Sie dürfen nach ihrem Gusto in einem der fünf mobilen Bio-Ställe ein- und ausgehen, die auf zwei Bauernhöfen im Berner Seeland stationiert sind. Hier haben sie viel Platz, täglichen Freilauf und die Freiheit, zu entscheiden, wann sie trinken und fressen. Alle zwei Stunden sorgt ein rotierender Tank für frisches Futter, damit kein Futterstress entsteht. In diesem Refugium dürfen sie weiterleben, bis sie eines natürlichen Todes sterben.
Das weitgehend stressfreie Leben nach ihrer Hochleistungs-Karriere wirke sich auf den Geschmack der Eier aus, ist Endmann überzeugt. Das berichten auch Kundinnen und Kunden. Dass die Hennen hier noch rund zwei Jahre in ihrem Rhythmus weiterlegen und dann in den Ruhestand treten können, ist nur dank finanzieller Unterstützung von aussen möglich. Mittlerweile beziehen fast 800 Patinnen und Paten ihre Eier bei «Mein Huhn, mein Ei».
Zweimal pro Monat erhalten sie ihre sechs oder zehn Bio-Eier direkt vor die Tür geliefert. Zwei Jahre dauert die Patenschaft, bevor die Hühner ganz in den Ruhestand gehen. Für 32 Franken erhalten Patinnen und Paten alle zwei Wochen sechs Eier, für 35 Franken zehn Stück. Die AHV-Hühner werden mit diesem Obolus gleich mitfinanziert. «Uns geht es ums Tierwohl und nicht um Profit», betont die engagierte Tier- und Naturliebhaberin. Auch eine faire Entlöhnung der Landwirte ist Teil des Konzepts.
Keine Massenware
Für viele ist die Patenschaft weit mehr als eine blosse Eierlieferung. «Sie haben eine persönliche, emotionale Beziehung zu ihrem Patenhuhn», sagt Jette Endmann. Dank eines individuellen Fussrings ihrer Henne erkennen die Paten das von ihnen begünstigte Tier auf Anhieb – ob auf Instagram oder bei einem Besuchstag. Dann dürfen sie ihr Huhn streicheln, fotografieren oder einfach beobachten.
Etwa ein Drittel der Patinnen und Paten gibt ihren Tieren auch einen Namen. Henrietta rangiert dabei auf Platz eins. Aber auch die Herzogin von Eierlei und Frou Gluck picken und gackern unter den Geretteten. Andere wiederum nummerieren ihre Patentiere – etwa wie bei Frieda 3, deren beiden Vorgängerinnen bereits in Rente sind. Unter den Patinnen und Paten ist jede Altersklasse vertreten: Studenten, Familien, wie auch Senioren. Und sogar Veganerinnen: «Bei unseren Eiern machen sie eine Ausnahme», freut sich die Hühnerspezialistin.
Ich kriege einen Vogel
Das Projekt «Mein Huhn, mein Ei» finanziert sich vollständig durch Patenschaften. Wer Pate eines Huhns werden will, kann dies entweder mit oder ohne Eier-Abo tun. Für die geretteten Hennen stellen Bauernfamilien die Flächen zur Verfügung und übernehmen die tägliche Pflege. meinhuhn-meinei.ch

