Vorne brandschwarz, ab der Mitte schneeweiss, dazwischen eine scharfe Trennung – wie mit dem Lineal gezogen. Mit diesem abrupten Farbwechsel in der Körpermitte, dem schwarzen Bart und ihren kräftigen Hörnern zieht die Walliser Schwarzhalsziege die Blicke auf sich und bringt einen Hauch Exotik auf die Bergwiesen im Oberwallis. Selbst bei den Klauen zeigt sich die rigide Farbtrennung: vorne nüchternes Schwarz, hinten leuchtendes Weiss. Eine Schönheit auf vier Beinen. «Wenn meine Ziegen auf einem Fels stehen und die Haare im Wind flattern, ist das schon etwas sehr Spezielles», schwärmt Raoul Gottsponer, der seit über 40 Jahren diese Rasse hält und keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet. Derzeit grasen 45 Schwarzhalsziegen auf seinen Weiden: 26 Geissen, vier Böcke und 15 Gitzis. Für den 65-Jährigen sind seine besonderen Geissen ein Hobby, in welches er viel Leidenschaft steckt: «Es sind faszinierende Tiere, die mir grosse Freude bereiten.»
Für die Pflege dieser glamourösen Fellpracht, welche die Tiere vor Wind, Nässe, Kälte und Sonneneinstrahlung schützt, investiert er Stunden. Denn das zweifarbige Haar, das bis zu 50 Zentimeter lang werden kann, neigt dazu, sich zu verfilzen. Raoul Gottsponer hat sich im Laufe der Jahre ein ganzes Arsenal an Kämmen und Methoden zugelegt, um Knoten, Verschmutzungen und Verfilzungen zu Leibe zu rücken. «Nach dem Waschen trage ich Conditioner auf. Das macht das Kämmen deutlich einfacher», umschreibt er seine jüngste Entdeckung.
Dennoch: Zeitlich bleibt der Aufwand erheblich. «Für eine Geiss brauche ich zum Kämmen rund eine Stunde, bei Böcken zwei- bis dreimal so viel.» Woche für Woche kümmert er sich um die weichen Unterhaare seiner Wiederkäuer, weil nichts am regelmässigen Kämmen und Bürsten vorbeiführt: «Wir können die Ziegen nicht wie Schafe ein- oder zweimal pro Jahr von Kopf bis Fuss scheren», gibt der Ziegenhalter zu bedenken. Und auch die Schere kommt nur als Ultima Ratio zum Einsatz, wenn der Kamm wegen zu starker Verfilzung im Haar steckenbleibt. Schliesslich ist das lange, teils bis zum Boden reichende Haar das Markenzeichen und Zuchtziel dieser Traditionsrasse.
Hörner: mehr als Zierde
Nicht nur die Optik seiner Gebirgsziegen zieht Raoul Gottsponer in den Bann, sondern auch ihr Temperament. Stolz, kämpferisch, lebhaft und stur seien seine Schwarzhälse. «Wie die Walliser», ergänzt seine Frau Patricia lachend. Unter den Tieren herrscht eine strikte Rangordnung, die mit vollem Einsatz der kräftigen Hörner, wie sie sowohl Böcke als auch Geissen tragen, ausgefochten wird. «Kommt ein neues Tier in die Herde, flammen die Kämpfe auf», weiss der erfahrene Halter aus Visperterminen (VS). Mit heftigen Kopfstössen klären die Tiere die Hierarchie – teils über mehrere Monate hinweg. Erst wenn die Rangordnung ausgemacht ist, kehrt in der Herde wieder Frieden ein.
Um dem Temperament der Schwarzhalsziegen gerecht zu werden und rangniedrigeren, schwächeren Tieren Fluchtmöglichkeiten zu geben, brauchen sie einen gut strukturierten Laufstall mit viel Platz und Nischen. Die Schwarzhalsziege gilt als Zweinutzungsrasse, die sich sowohl für die Fleisch- als auch für die Milchproduktion eignet. Raoul Gottsponer überlässt die Milch den Gitzis, wie das viele andere Hobbyhalter auch tun.
Doch die robuste Gebirgsziege leistet noch andere Dienste im vorderen Vispertal. Sie hilft, die Verbuschung der Weiden zu bekämpfen, indem sie ihren Magen auf den steilen, kargen Hängen oberhalb des Heidadorfs füllt. In solch unwegsamem Gelände kommt sie bestens klar, kann sie doch pro Tag weite Strecken und grosse Höhenunterschiede bewältigen und erweist sich als äusserst trittsicher und agil. Eine Art Trailrunnerin auf vier Beinen, die sich nach solch physischen Hochleistungen eine grüne Mahlzeit aus Blumen, Zweigen, jungen Bäumen und Gräsern gönnt. Und dabei gleich noch die Landschaft pflegt.
Der Wolf geht um
Seit einigen Jahren geht es im Sommer nicht mehr hoch hinaus, weil die Alpsömmerung derzeit als zu risikoreich gilt. Im Jahr 2023 musste der Aufenthalt auf der Alp im Walliser Nanztal vorzeitig beendet werden, weil Wölfe mehrere Ziegen rissen. Schutzmassnahmen an diesem Standort sind laut Raoul Gottsponer nur beschränkt möglich: «Wegen des steilen und steinigen Geländes können wir dort keine Zäune aufstellen.» Weil er das Leben seiner Zöglinge nicht aufs Spiel setzen will, behält er sie bis auf weiteres das ganze Jahr über im Dorf.
Doch nicht nur der Wolf setzt den Walliser Schwarzhalsziegen zu, die mit schweizweit fast 1500 Exemplaren in der Schweiz zu den gefährdeten Rassen gehören. Ihre Zukunft steht – anders als die agilen Tiere selbst – auf wackligen Beinen: «Wir haben Nachwuchsprobleme. Unter den jüngeren Generationen finden sich kaum noch Leute, die den grossen Aufwand für ihre Haltung auf sich nehmen wollen», bedauert der Ziegenfreund. Zeit zum Jammern hat Raoul Gottsponer keine: Bald bricht er mit seinen Tieren zu einer Ziegenschau auf, wo die Schönsten der Schönen über die Weiden defilieren. Klar, dass da nochmals der Kamm durchs Fell muss, um den strengen Blicken der Juroren zu genügen und auf Medaillenkurs zu sein.
Unklare Herkunft?
Sie gilt als Walliser Urgestein, doch ihre genaue Herkunft ist umstritten. Bereits 1896 wurde die Schwarzhalsziege als «Race de Viège» beschrieben und dem Vispertal zugeordnet. Eine ältere Theorie besagt hingegen, dass Vorfahren um 930 n. Chr. mit afrikanischen Völkern ins Wallis gelangt sein könnten. Eine andere vermutet eine Abstammung von italienischen Kupferziegen. Belegen lässt sich keine dieser Thesen eindeutig. Sicher ist: Die Rasse ist seit Generationen im Wallis beheimatet, gilt als eine der ältesten Hausziegenrassen der Welt und wurde 1938 offiziell anerkannt.


