Schwanzwedelnd begrüsst Rocco (1,5) sein Frauchen Milena Michel, springt mit den Vorderpfoten zu ihr auf den Rollstuhl und schleckt ihre Wange ab. Die 13-Jährige kichert und krault den Goldendoodle-Rüden liebevoll am lockigen Hinterteil. «Das hat er besonders gern», sagt Milena. Die Schülerin aus Igis (GR) wurde mit Merosin negativer kongenitaler Muskeldystrophie geboren, einer fortschreitenden Muskelerkrankung, die ihre Beine und Arme lähmt und auch regelmässig epileptische Anfälle mit sich bringt.
Doch dass ihre Tochter trotz allem ein möglichst normales Leben führen kann – das ist den Eltern Mirco (45) und Angelika (42) Michel wichtig. An vier Tagen besucht Milena eine sonderpädagogischeSchule in Chur. In ihrer Freizeit liebt sie es, Dualbob zu fahren und die schneebedeckten Hänge des Bündnerlandes hinunterzusausen. Im Sommer macht sie gerne Campingausflüge mit der Familie, zu der auch Bruder Julian (11) gehört, der an derselben Muskelerkrankung leidet. Und im Juni 2024 ist Hund Rocco als Welpe bei den Michels eingezogen. Beim ersten Kennenlernen hatte Milena sogar Freudentränen in den Augen, wie sie sagt.
«Wir haben vor einigen Jahren an der SwissHandicap Messe in Luzern zum ersten Mal Assistenzhunde kennengelernt und lange mit dem Gedanken gespielt», erinnert sich Vater Mirco Michel. «Dass sich Milena alleine durch die Stadt bewegen kann, Bus und Bahn fahren kann und dadurch eine möglichst selbst-bestimmte junge Frau wird, ist uns wichtig.» Weil ihre Arme motorisch stark eingeschränkt sind, soll Rocco als sogenannter Mobilitätshund langfristig zum Beispiel beim Öffnen von Türen, Bedienen von Schaltern, Aufheben von Gegenständen und beim An- und Ausziehen helfen.

Familie Michel bekam eine Verordnung vom Facharzt, dass ein Assistenzhund Milenas Selbstständigkeit und Unabhängigkeit fördern kann. Und über die gemeinnützige Fach- und Ausbildungsstelle SwissHelpDogs bekamen sie Kontakt zur Assistenzhunde-Trainerin Nicole Ruffner (48), die im knapp zehn Minuten entfernten Maienfeld wohnt. «Von Anfang an – ob bei der Wahl des passenden Hundes oder bei der Eingewöhnung des Welpen in der Familie – Nicole begleitet uns eng in diesem Prozess», freut sich Mirco Michel. In der ersten Zeit ging es wie bei jedem Welpen darum, ihn stubenrein zu bekommen. Dann begannen Milena und Rocco als Team mit der Grundausbildung. «Er muss mir folgen und darf sich auch im Supermarkt oder im Zug nicht von anderen Menschen oder leckeren Geschmäckern ablenken lassen», weiss die Schülerin. Gemeinsam mit Trainerin Nicole Ruffner übten sie in den ersten 14 Monaten wöchentlich daheim und im Ausgang, ein Team zu werden. «Im August 2025 haben wir dann die Zwischenprüfung bestanden», sagtMilena stolz. Seither befinden sich die beiden in der Fachausbildung zum Mobilitätshund. «Die Klettverschlüsse an ihren Unterschenkelorthesen öffnen kann er schon», freut sich Mirco Michel. Ein wichtiges Ziel für die Eltern: «Rocco soll epileptische Anfälle bereits im Vorfeld erkennen und anschlagen, weil für unsere Tochter im Ernstfall Erstickungsgefahr droht.» Hierzu nehmen die Eltern aktuell jedes Mal nach einem Anfall mit einem Baumwolltuch eine Schweissprobe hinter Milenas Ohren. «Bei und vor einem Anfall ist die Hormonkonzentration in Blut und Schweiss eine andere», sagt Assistenzhundetrainerin Ruffner, «Rocco lernt ganz spielerisch: Dieser Geschmack ist besonders wichtig. Dann soll er anschlagen, bellen oder sogar gleich die Medikamententasche holen.» Nach rund einem Jahr wird auch diese Fachausbildung mit einer Prüfung abgeschlossen. «Bis dahin müssen wir weiter üben, wiederholen, üben, wiederholen, bis alles eingespielt ist», sagt Nicole Ruffner, «aber zum Glück habenMilena und Rocco ganz viel Freude dabei!»
Rechtlich gelten Assistenzhunde in der Schweiz nicht als Tiere, sondern als medizinische Hilfsmittel. Das hat damit zu tun, dass sie auf fachärztliche Verordnung und gemäss dem individuellen Unterstützungsbedarf eingesetzt werden. Christian Schlup, Präsident von SwissHelpDogs kritisiert die Formulierung scharf: «Assistenzhunde sind mehr als ein Hilfsmittel. Sie erweitern Handlungsspielräume, geben Sicherheit im Alltag und ermöglichen selbstbestimmte Teilhabe.» Darüber hinaus würden sie nachweislich Stress mindern, Routinen fördern und Brücken inSituationen bauen, die sonst kaum zugänglich wären. Diese Erfahrung macht auch Milena, wenn sie mit Rocco unterwegs ist: «Viele Menschen kommen ganz offen auf uns zu, fragen, wie mein herziger Begleiter heisst und wollen ihn streicheln.» Wenn sie aber mitten in einer Trainingseinheit sind, hat die 13-Jährige gelernt, ganz bestimmt «Nein» zu sagen: «Rocco ist ja dann am Arbeiten und kann keine Ablenkung gebrauchen», sagt sie selbstbewusst. Trainerin Nicole Ruffner freut sich: «Die beiden sind schon jetzt ein eingespieltes Team und es ist grossartig, wie Milena für ihren Rocco einsteht, ihn vor fremden Händen schützt, die den jungen Hund in Trainingssituationen überfordern würden.»
Vorraussetzungen für Assistenzhunde
SwissHelpDogs hat strenge Richtlinien zum Schutz der Hunde aufgestellt, dazu gehören nicht nur regelmässige Treffen mit den Trainern, die den Allgemeinzustand der Hunde im Auge behalten, sondern auch jährliche Impftermine und Gesundheits-Checks beim Tierarzt. «Nur ein gesunder Hund kann ein guter Assistenzhund sein», erklärt Ruffner. Inklusive der Tierarztkosten und Ausbildung schätzt die Organisation den Preis für einen Assistenzhund in den ersten zwei Jahren auf rund 30000 Franken. Die Krankenkassen bezuschussen dies nicht. Auf Antrag und nach Einzelfallentscheidung können Unterstützungsgelder über die IV oder den Bundesfonds für Menschen mit Behinderung bewilligt werden. Mirco Michel hat auf diesen Kampf verzichtet: «Mit zwei Kindern mit Handicap beschäftigt uns der Papierkram ohnehin jede Woche mehrere Stunden», sagt er, «ich würde mir wünschen, dass manches einfacher wäre.»
Die Entscheidung, Rocco für Milena bei sich in der Familie willkommen zu heissen, bereuen die Eltern trotzdem nicht: «Sie ist verantwortungsbewusster geworden», sagt Mirco Michel lächelnd, «und wir alle haben eine Riesenfreude mit dem kleinen Kerl.» Jeden Mittag, wenn sie von der Schule kommt, freut sichMilena auf ihren Rocco: «Er wartet schon auf mich, wedelt ganz aufgeregt, gibt mir Küsschen und will am Bauch und Hinterteil gestreichelt werden!» Wenn die Fachausbildung mit Rocco abgeschlossen ist, können sich Michels vorstellen, auch Milenas kleinem BruderJulian einen Assistenzhund zu ermöglichen. «Alles, was unsere Kinder unterstützt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist jede Mühe wert.»
Profunde Ausbildung
SwissHelpDogs ist eine gemeinnützige Fach- und Ausbildungsstelle für Assistenzhunde mit Sitz in Niederbipp (BE). Ausgebildet werden Hunde für Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen. Seit 2015 hat der Verein schon mehr als160 Assistenzhunde-Teams ausgebildet, und zwar nach dem Inklusions-Konzept. In dieser begleiteten Ausbildungsform lernen Hund und Halter, an ihrem gemeinsamen Wohnort in Übungs-Sessions die ganz individuellen Herausforderungen des Alltags zu meistern. Knapp 20 Fachtrainerinnen sind für den Verein in der Schweiz und in Liechtenstein im Einsatz. SwissHelpDogs finanziert sich durch Mitgliederbeiträge, Spenden sowie durch Produktion, Verkauf und Verleih von Arbeitszubehör für Diensthunde. Weitere Infos im Internet: swisshelpdogs.ch

