Katzenheim Muttenz: Zu viele Katzen, zu wenig Plätze – und die Politik?

140 Katzen: Das Katzenheim in Muttenz (BL) platzte im Sommer aus allen Nähten. Verantwortlich dafür sind nicht nur Streunerkatzen, die sich unkontrolliert vermehren, sondern auch immer mehr Privatabgaben. Während die Tierheime an ihre Grenzen kommen, bleiben politische Lösungen aus.

Vier Wörter, flankiert von zwei roten Ausrufezeichen, stachen auf einem Facebook-Post des Tierschutzbundes Basel Regional im Juli ins Auge: «Das Katzenheim schlägt Alarm». Warum es zu diesem öffentlichen Hilferuf kam, wird im Post detailliert beschrieben. Das Kernproblem lässt sich jedoch anhand von zwei Sätzen aus dem Beitrag zusammenfassen: «Unser Katzenheim ist voll. Wir arbeiten seit Wochen am absoluten Limit.»

Verfasser dieses Facebook-Posts ist Joël Hofer, der Leiter des Katzenheims in Muttenz (BL). Er habe lange gezögert, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, erzählt er bei einem Besuch der TierWelt wenige Tage nach der Veröffentlichung des Posts. «Auch wegen der negativen Reaktionen, die auf solche Posts folgen. Doch unser Team war am Anschlag. Daher dachte ich mir, ich schreibe etwas dazu.»

Viele der Katzenwelpen von Muttenz stammen aus Einfangaktionen auf Bauernhöfen. (Bild: Lara Aebi)

In seinem Beitrag benannte der diplomierte Tierpfleger die Wurzel des Problems: die Menge an Katzen in der Schweiz. Die Auswirkungen belegte er mit bemerkenswerten Zahlen: 140 Katzen betreute das Katzenheim in Muttenz Ende Juli – inklusive der eigenen Pensionstiere. 28 Samtpfoten kamen in einer einzigen Woche wegen eines Tierschutzfalls dazu. Was dazu führte, dass das einzige Tierheim des Kantons nur noch zwei freie Notfallboxen zur Verfügung hatte – sämtliche anderen Plätze waren belegt.

«Zwischenzeitlich hatten wir 80 Katzen, die wir vermitteln mussten; darunter 30 Katzenwelpen», schildert Hofer. «Die Jungtiere kommen meistens über Einfangaktionen bei Bauernhöfen oder Schrebergärten, welche die Tierschutzorganisation NetAP durchführt, zu uns.» Tierheime seien eigentlich für Notfälle da: für verletzte Fundkatzen, ausgesetzte Tiere oder Samtpfoten, welche ihr Zuhause unverschuldet verlieren. Für Hofer ist klar: Es braucht endlich politische Lösungen.

Immer mehr Privatabgaben

Der Wunsch nach politischen Lösungen – namentlich nach einer Kennzeichnungs- und Registrierungs- sowie einer Kastrationspflicht – ist ebenso bekannt wie das grundsätzliche Problem des Katzenüberschusses. Der Fall des Katzenheims in Muttenz ist längstens kein Einzelfall, wie der Schweizer Tierschutz STS weiss. «Er zeigt ein Problem, das dem STS seit Jahren bekannt ist: Die unkontrollierte Vermehrung von Katzen ist in der Schweiz ein erhebliches Tierschutzproblem und kein Einzelfall.» Rund 220’000 Streunerkatzen leben laut Schätzungen des STS hierzulande. «Viele dieser Tiere leiden unter Hunger, Krankheiten, Parasiten oder fehlender tierärztlicher Versorgung. Hauptursache ist, dass weiterhin zu viele Katzen nicht kastriert sind und sich unkontrolliert vermehren.» Resultat sind unter anderem zahlreiche überfüllte Tierheime.

«Wenn sich gefühlt jedes zweite Telefonat um eine Privatabgabe dreht, kommt man an den Punkt, wo es einem an Verständnis fehlt.» – Joël Hofer, Leiter Katzenheim Muttenz

Im Fall des Katzenheims Muttenz sind Streuner jedoch nicht das einzige Problem, wie Leiter Joël Hofer betont. «Immer mehr Fundkatzen werden zu uns gebracht. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Privatabgaben weiter zu.» Nebst der alltäglichen Betreuung der Samtpfoten seien tägliche Anfragen von Privatpersonen dazugekommen, die ihre Katze aus unterschiedlichen Gründen abgeben möchten. Hofer sagt: «Wenn sich gefühlt jedes zweite Telefonat um eine Privatabgabe dreht, kommt man an den Punkt, wo es einem an Verständnis fehlt.» So würden die wenigen verfügbaren Plätze für Katzen eingesetzt, deren Abgabe mit einer besseren Vorbereitung oder mehr Unterstützung vielleicht hätte verhindert werden können. «Eine Katze ist keine spontane Anschaffung. Wer sich für ein Tier entscheidet, übernimmt Verantwortung für ein ganzes Katzenleben.»

Politische Lösungen bleiben aus

Auf den Facebook-Hilferuf des Katzenheims von Muttenz folgten zahlreiche Reaktionen – darunter auch kritische. Viele betreffen die Abgabebedingungen. Eine Userin schreibt: «Eine Katze aus dem Tierheim zu adoptieren ist quasi unmöglich, da die Bedingungen utopisch sind und schlichtweg nicht umsetzbar, das müsste vielleicht auch mal überdacht werden.» Tatsächlich stellen Tierheime in der Schweiz unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich der Haltung sowie der Lebens- und der Wohnsituation. Die Glarner Tierhilfe setzt beispielsweise für Freigänger einen Mindestabstand von 150 Metern Luftlinie zu viel befahrenen Strassen und Gleisen voraus. Joël Hofer indes betont, dass man in Muttenz keine solchen Bedingungen habe. «Wir achten auf jede Katze individuell und versuchen, sie an Interessenten zu vermitteln, die zu ihr passen.» Einheitliche Grundsätze könnten sinnvoll sein, schreibt der STS. «Gleichzeitig braucht es aber immer Spielraum für die fachliche Einschätzung des einzelnen Tierheims. Entscheidend ist nicht eine möglichst einfache beziehungsweise schnelle Vermittlung, sondern eine passende und nachhaltige Lösung im Interesse des Tieres.»

Doch auf den Facebook-Post des Katzenheims folgte nicht nur Kritik: «Andere Tierheime und viele Privatpersonen haben sich gemeldet und Unterstützung angeboten», erzählt Hofer. Resultat waren nicht nur Adoptionen, sondern auch finanzielle und materielle Spenden wie Futter oder Katzenstreu. Damit er nicht wieder Alarm schlagen muss, erhofft sich Hofer Bewegung in der Politik. Erst 2025 scheiterte eine Motion von Nationalrätin Meret Schneider (Grüne/ZH), welche eine Chip- und Registrierungspflicht für Katzen forderte, im Nationalrat. Durchgesetzt hatte sich eine von der SVP geführte Minderheit. Nationalrat Sylvain Freymond (SVP/VD) argumentierte, viele liessen ihre Katze heute schon freiwillig chippen; die Pflicht schaffe keinen Mehrwert. Diesen Entscheid der Grossen Kammer bedauert der STS bis heute. Die Institution betont: «Kurzfristig sind eher kantonale Lösungen realistisch. Langfristig bleibt aus Sicht des STS aber klar: Kastrieren, chippen und registrieren gehören zusammen, wenn das Katzenelend in der Schweiz nachhaltig reduziert werden soll.» Dieser Ansicht ist auch Joël Hofer. Er betont: «Alle, die dies für unnötig halten, sind willkommen, bei uns vorbeizuschauen und sich vor Ort ein Bild eines überfüllten Katzenheims zu machen.»

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