Die Gebiete, in denen Zecken aktiv sind,weiten sich immer mehr aus. Dabei ist der Blutverlust für den Wirt – ob Mensch oder Tier – in der Regel nicht das Problem. Die lästigenParasiten haben vielmehr als Überträger von Krankheitserregern eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Jede dritte Zecke ist mit dem Borreliose-Erreger infiziert. Experten rechnen mit über 10 000 Betroffenen jährlich allein in der Schweiz. Die Diagnose ist oft schwierig, denn gerade die Anfangsbeschwerdenähneln denen einer Grippe. Borreliose tarnt sich als Entzündung, Schmerz, Übelkeit oder Schwindel. Die Borrelien sind die Chamäleons unter den Krankheiten, denn sie können ganz unterschiedliche Symptome hervorrufen. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die Krankheit früh entdeckt wird, da es sonst zu Spätschäden am Gehirn und an den Nerven kommen kann.
Gefährliche Krankheitserreger
Ärzte können eine Borreliose am leichtesten durch die kreisförmige, grossflächige Rötung erkennen. Diese tritt bei zirka fünfzig bis sechzig Prozent aller erkrankten Personen im Bereich des Zeckenstiches auf. Bis sich die Wanderröte ausbildet, kann es bis zu 28 Tagen dauern. Wichtig ist daher, die Einstichstelle nach einem Zeckenstich gut zu beobachten.
Viele Ärzte bieten Bluttests an, doch auch diese können keine hundertprozentigeSicherheit gewähren, da Antikörper erst nach vier bis sechs Wochen nachgewiesen werden können. Und selbst deren Vorhandensein ist noch kein Beweis für einemanifeste Borreliose, da sich die entsprechenden Antikörper häufig auch bei Gesunden finden lassen.
Die Erreger der Borreliose befinden sich im Mitteldarm der Zecken. Daher vergehen nach dem Stich einige Stunden, bis sie ins Blut gelangen. Je schneller die Zecke folglich nach dem Stich entfernt wird, desto geringer ist das Risiko zu erkranken. Zecken lieben weiche, gut durchblutete und dünne Hautstellen. Besonders beliebt sind Brust, Bauch, Lendenbereich sowie Kniekehlen.
Letztlich können die kleinen Blutsauger jedoch überall am Körper zustechen. Dass man von einer Zecke angesaugt wurde, bleibt häufig unbemerkt, da sie über ihren Speichel ein Betäubungsmittel abgibt. Daher ist es äusserst wichtig, den Körper nach dem Aufenthalt in der Natur gründlich abzusuchen. Auf diese Weise kann einer Infektion durch Borreliose-Bakterien vorgebeugt werden, denn bis die Erreger in den menschlichen Körper gelangen, vergehen im Schnitt 12 bis 24 Stunden.

Neben Borreliose können Zecken jedoch auch Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) über-tragen. Diese Erreger befinden sich im Speichel der blutsaugenden Parasiten und werden somit direkt beim Stich übertragen. Selbst unverzügliches Entfernen kann eine Infektion also nicht verhindern.
Umso wichtiger ist es, dass es gar nicht erst zu einem Stich kommt. Wer zusätzlich vorbeugen möchte, sollte beim Wald- und Wiesenspaziergang möglichst lange, körperbe-deckende Kleidung tragen und Hautteile sowie dieKleider mit speziellen insektenabweisenden Mitteln einsprühen.
Auch eine Impfung kann vorbeugend wirken, sie muss jedoch alle fünf Jahre aufgefrischt werden. Bei FSME handelt es sich um eine Erkrankung der Hirnhäute und des zentralen Nervensystems. Nach zunächst grippeähnlichen Symptomen kommt es bei rund zehn Prozent der Betroffenen zu einer zweiten Erkrankungsphase, bei der meist eine Hirnhautentzündung im Vordergrund steht.
Vermehrt sich das Virus in Gehirn und Rückenmark, kann es zu schweren Verläufen mit bleibenden neurologischen Ausfällen kommen. Folgen können dauerhafte Lähmungen, Schluck- und Sprechstörungen sein.
Zeckentaxi
Noch immer hält sich hartnäckig der Irrglaube, dass sich Zecken von Bäumen fallen lassen. Das stimmt nicht: Zecken halten sich bevorzugt in der bodennahen Vegetation in einer Höhe von dreissig bis sechzig Zentimetern auf, zum Beispiel auf Wiesen und in Büschen. Im Vorbeigehen krallt sich die Zecke am Bein oder Fell fest. Die winzigen Blutsauger sind von Natur aus faul. Sie suchen nicht aktiv nach einem Wirt, sondern warten ab, bis ein solcher zu ihnen kommt. Normalerweise bewegt eine Zecke sich in ihrem ganzen Leben nicht mehr als ein bis zwei Meter von selbst. Trotzdem legen die Insekten in ihrem Leben einige Kilometer zurück. Hierfür nutzen sie Vögel, Menschen und andere Tiere als Shuttleservice. Bei der Reise ist auch für das leibliche Wohl gesorgt, da sie ihren Weggefährten gleich noch etwas Blut abzapfen.
Was tun beim Zeckenbiss?
• Nach Möglichkeit ein Hilfsmittel wie eine feine Pinzette, Zecken-karte oder -zange zur Hand nehmen. • Zecke so nahe wie möglich an der Haut anpacken, ohne sie zu zerquetschen. • Die Zecke nicht aus der Haut drehen. • Die Zecke langsam, nicht ruckartig, sondern durchkontinuierlichen Zug aus der Haut herausziehen. • Befindet sich der Stich an einer schwer erreichbaren Stelle, eine andere Person um Hilfe bitten. • Finger weg von Hausmitteln: Mit Nagellack, Öl, Alkohol oder Zahnpasta lassen sich Zecken nicht einfacher entfernen, vielmehr erhöhen diese möglicherweise das Infektionsrisiko. • Die goldene Regel lautet: hautnah, langsam und kon-trolliert! • Im Anschluss die Einstichstelle desinfizieren, um die Heilung der Wunde zu unterstützen. Sollten man un-sicher sein, wie sich eine Zecke richtig entfernen lässt, einen Arzt oder eine Apotheke aufsuchen. • Stichstelle in den nachfolgenden sechs Wochen beo-bachten. Datum des Funds notieren und die betroffene Hautstelle mit einem Stift markieren. Das erleichtert die regelmässige Selbstkontrolle. Dass sich die Wunde unmittelbar nach dem Stich rötet, ist normal. Diese Rötung sollte jedoch innerhalb einiger Tage abklingen. Geschieht dies nicht oder verstärkt sich die Rötung, beispielsweise in Form einer sogenannten Wanderröte (Erythema migrans), könnte dies auf Borreliose hindeuten. In diesem Fall sollte umgehend einen Arzt aufsucht werden.
Da besonders Hunde und Katzen in Wiesen und hohen Gräsern umherstreunen, sind sie die bevor-zugten Opfer der Biester. Die wichtigsten in der Schweiz bei Katzen und Hunden festgestellten Zecken sind der Holzbock (Ixodes ricinus) sowie die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus). Besonders der Klima-wandel begünstigt das Wachstum der Zeckenpopu-lationen und ermöglicht, dass gewisse Arten heimisch werden, die es bisher in Schweiz nicht oder kaum gab. Dazu zählt auch die inzwischen recht häufige Wiesenzecke (Dermacentor reticulatus). Diese überträgt die gefährliche Babesiose auf Hunde. Babesiose, umgangssprachlich auch «Hundemalaria» genannt, führt zur Zerstörung der roten Blutkörperchen und in Folge zu Blutarmut. Unbehandelt kann diese Erkrankung für den Vierbeiner tödlich enden.
Ultraschall-Halsband, Knoblauch und Teebaumöl
Gegen Zeckenbefall bei Katze und Hund sind in der Tierarztpraxis Parasitenmittel erhältlich, welche die Schädlinge abtöten. Doch immer mehr Tierhalter suchen natürliche und vermeintlich weniger schädliche Methoden, um den blutsaugenden Parasiten Herr zu werden. Dabei kommen alternative Mittel zum Einsatz, zum Beispiel Bernsteinkette, Knoblauch, Teebaumöl, Kokosnussöl, Ultraschall-Halsband und Zwiebeln. Doch verhindern diese Produkte die Infektion mit durch Zecken und Flöhe übertragenen Krankheitserregern? Sind sie weniger schädlich als Standardmedikamente aus der Tierarztpraxis?
Viele Tierbesitzerinnen vertrauen der Wirkung von Ultraschall-Halsbändern, die permanent ein für den Menschen nicht hörbares Signal abgeben. Wissenschaftlich konnte die Wirkung des Ultraschallsignals gegen Flöhe und Zecken nicht nachgewiesen werden. Da Hunde und Katzen – im Gegensatz zum Menschen – in der Lage sind, Ultraschall wahrzunehmen, ist zudem unklar, ob das Dauergeräusch für die Tiere eine Belastung ist.
Auch von stark riechendem Knoblauch und Zwiebeln versprechen sich viele Herrchen und Frauchen eine abschreckende Wirkung. Nicht selten werden denTieren deshalb regelmässig Knoblauchzehen oderZwiebeln unter das Futter gemischt. Beide Gewächse enthalten jedoch für Hund und Katze giftige Sub-stanzen, die den Blutfarbstoff Hämoglobin und damit die roten Blutkörperchen zerstören. Blutarmut kann die Folge sein und Vergiftungserscheinungen wiestarkes Erbrechen, Durchfall oder Appetitverlust können auftreten.
Vor Pflegeprodukte mit Teebaumöl sollten sich vor allem Katzenhalter in Acht nehmen: Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung warnt besonders bei mehrmaliger Anwendung oder zu hoher Dosierung ausdrücklich vor schweren Vergiftungserscheinungen. Im Vergleich zu Menschen und Hunden können Katzen die darin enthaltenen Terpene und Phenole kaum abbauen und ausscheiden; sie reagieren deshalb besonders empfindlich darauf. Durch aufgebrachte Duftstoffe oder das manuelle Absuchen des Fells kann ein Zeckenstich leider nicht ausreichend verhindert werden. Viele Tierärzte raten daher zu Präparaten mit zeckenabtötender Wirkung. Diese können in Form von Spot-on-Präparaten äusserlich angewendet oder in Form von Tabletten geschluckt werden.
Die Gefahr lauert im Grünen
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) klassifiziert inzwischen die gesamte Schweiz als Risikogebiet für die Übertragung von Borreliose durch Zecken.
Die lästigen Insekten beschränken sich also nicht mehr auf bestimmte Regionen, sondern kommen in allen Gebieten der Schweiz vor. Das BAG geht davon aus, dass in der Schweiz rund fünf bis dreissig Prozent der Zecken Träger des gefährlichen Erregers sind. Stellenweise ist sogar bis zur Hälfte aller Zecken mit der Lyme-Borreliose infiziert.
Fazit: Aufgrund der potenziellen Infektionsgefahr sind die Blutsauger laut Experten heute «die gefährlichsten Tiere der Schweiz». Dennoch sind sie, wie alles in der Natur, auch ein Rädchen im grossen Gefüge und spielen für das natürliche Gleichgewicht eine wichtige Rolle. Zecken haben in mehrfacher Hinsicht einenNutzen. So dienen sie etwa anderen Lebewesen als Nahrung. Einige Pilzarten siedeln auf ihnen an, Fadenwürmer wiederum machen die Parasiten selbst zum Wirt. Zecken helfen zudem dabei, die Populationanderer Lebewesen zu regulieren. Ausserdem nehmen sie eine wichtige Rolle als Immunstärker und Evolu-tionsbeschleuniger ein.
Doch unabhängig von jeglichem Nutzen stellen Zecken für Menschen und Tier immer eine potentielle Gefahr, manchmal sogar tötliche, dar. Also Augen auf nach jedem Ausflug ins Grüne!





