Josua Sommer klingelt an der Haustür. Eine junge Frau öffnet und bittet ihn, ihr in die Dachwohnung zu folgen. Ein Schwarm Bienen scheint sich im Dach des Mietshauses häuslich eingerichtet zu haben. Die Mieterin berichtet, wie die Insekten auch in die Wohnung eindringen und sich teilweise aggressiv verhalten. Klar ist, sie müssen weg. Sommer hat bereits eine Hebebühne organisiert, um von aussen an das Dach zu gelangen. Er ist Schädlingsbekämpfer und hilft Menschen bei tierischen Problemen an und im Haus.
In seiner Schutzausrüstung schwebt Sommer auf der Hebebühne in die Höhe und wird schon bald von den ersten Insekten umflogen. Seine Frau Renate Sommer, die ihm bei solchen Einsätzen helfend zur Seite steht, beobachtet die Situation aufmerksam vom Boden aus. «Die Bienen können schon aggressiv werden», erzählt sie. Nachdem der Kammerjäger, wie der Schädlingsbekämpfer umgangssprachlich genannt wird, die Situation begutachtet hat, fällt er eine Entscheidung. Zwar steht die Umsiedlung eines Bienenvolkes für den leidenschaftlichen Imker an erster Stelle. Übersteigen die Kosten den Nutzen jedoch bei Weitem, muss er zum Insektizid greifen. «In diesem Fall müsste man das halbe Dach auseinandernehmen, um zum Zwischenboden zu gelangen, wo sich die Tiere befinden», resümiert Josua Sommer. Das kleine Bienenvolk hat kein Glück. Es wird eliminiert. Die Bewohnerin, die dem Treiben vom Fenster aus zusieht, ist erleichtert, dass sie und ihre Katze den Balkon schon bald wieder ohne Angst vor den Bienen betreten können.

Zwischen Nutzen und Schaden
Für den Schädlingsbekämpfer, der vor einigen Jahren mit der Kammerjägerei Sommer den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, fiel die Entscheidung für den Beruf leicht. Als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr konnte Josua Sommer den Wespenkurs besuchen, um den Umgang mit den Tieren zu lernen. Diese Zusatzaufgabe packte ihn. «Als Anfragen für andere Schädlinge folgten, stand für mich fest: Ich mache die Weiterbildung zum Schädlingsbekämpfer!»
Die teils stressige Hauptsaison liegt in den Frühlings- und Sommermonaten, wenn besonders viele Insektenarten aktiv sind. In den kühlen Monaten dagegen sind es die Nager, die für Einsätze sorgen. Sie suchen Schutz und Nahrung in Häusern. Daneben gibt es saisonunabhängige Tiere wie Motten und Schaben, die für Ärger in Behausungen sorgen. «Der Unterschied zwischen Nützlingen und Schädlingen ist oft sehr gering und für den Menschen doch von entscheidender Bedeutung», erklärt der Kammerjäger das Verhältnis der Menschen zu den unerwünschten Hausbesuchern. «Meist ist lediglich der Ausbreitungsort oder die Menge ausschlaggebend. Sind beispielsweise Mäuse und Kakerlaken in der Wohnung Schädlinge und ein hygienisches Risiko, so sind diese in der Natur überaus nützlich.»

Wie wird man Schädlingsbekämpfer?
- Erwerb der Fachbewilligung für die Allgemeine Schädlingsbekämpfung (VFB-S) - Jährlicher Besuch eines Repetitions- oder Weiterbildungskurses - Praktisches Verständnis - Robuste Gesundheit - Technisches Verständnis - Weitere Informationen zum Beruf sind beim Verband Schweizerischer Schädlingsbekämpfer FSD-VSS erhältlich.
Auch wenn die Aufgaben äusserst abwechslungsreich sind und Sommer immer wieder über die Tiere staunt, die sich an undenkbaren Orten einen Lebensraum schaffen, gibt es im Beruf auch schwierige Seiten. Damit meint der Schädlingsbekämpfer nicht nur die Strafanzeige, die ein verständnisloser Passant bereits gegen ihn erstattete. Seinem Empfinden nach scheint das allgemeine Verständnis für die Natur abzunehmen. Ein Beispiel dafür war ein Hauseigentümer, der seinen 800 Quadratmeter grossen Garten mit einem engmaschigen Netz in der Erde unterspannen lassen wollte, um Mäuse und andere Tiere am Eindringen zu hindern. «Dabei wäre es doch sinnvoller, natürliche Feinde anzulocken, zum Beispiel durch auf dem Grundstück aufgestellte Greifvogelstangen», sagt Sommer. «Der Tier- und Naturschutz hört bei vielen Menschen an der Grundstücksgrenze auf.»

Achtung bei Hausmitteln
Ein Schädlingsbefall hat in den meisten Fällen nichts mit mangelnder Hygiene zu tun, wie Josua Sommer beruhigt. Dennoch schämen sich viele Leute, einen Schädlingsbekämpfer zu engagieren. Aus diesem Grund ist das Auto des Kammerjägers nicht beschriftet. «Besonders als Unternehmen in der Lebensmittelbranche kann die Meinung anderer zu Umsatzeinbussen und Imageschäden führen», erklärt der Experte. Wer allerdings meint, bei einem Schädlingsbefall selbst Hand anlegen zu wollen, der sollte sich das gut überlegen. «Im Internet und sogar in Zeitungen wird mit Hausmitteln gegen verschiedenste Arten von Schädlingen geworben. Einige davon sind hilfreich und nützlich, wohingegen andere nutzlos oder gar gefährlich sind», wie Sommer erklärt. «Einige Methoden täuschen erst eine Besserung vor. Die Population gewisser Tierarten kann sich dabei aber unbemerkt ausbreiten.»

Der voreilige Einsatz von im Handel verkäuflichen und oft schädlichen Giften durch Privatpersonen ist ein weiteres Problem, dem sich Josua Sommer gegenübersieht. «Meine Devise ist, so viel Gift wie nötig und so wenig wie möglich einzusetzen. Viele Schädlinge könnten mit einem minimalen Gifteinsatz oder sogar komplett ohne Gift bekämpft werden.» Bei Säugern und Vögeln, die sich gerne in menschlichen Behausungen einnisten, setzt der Experte dagegen auf bauliche Massnahmen, damit die Tiere nicht mehr eindringen können.
Nicht abwarten
Der Schädlingsbekämpfer wünscht sich, dass Architekten vor dem Hausbau mehr Überlegungen anstellen, damit es gar nicht erst zu Problemen kommt. «Insektenbefälle zum Beispiel werden oft durch bauliche Mängel gefördert, wie hinterlüftete Fassaden, die mit zu grobmaschigen Gittern verdeckt sind», schildert Sommer die Problematik. Hier können Insekten wie Wespen problemlos eindringen. Zudem rät er eine sofortige Meldung nach Feststellung von Schädlingen, denn eine sofortige Handlung kann Schäden in jedem Fall minimieren. Zwar gibt es in der Schweiz keine Tiere wie Termiten, die ganze Häuser zerfressen, doch auch unsere heimische Fauna kann zu grossen Problemen führen wie zum Beispiel Steinmarder, die gerne in Dachstöcken hausen und dort ihre Hinterlassenschaften verbreiten. Ihr Urin kann nach einer gewissen Zeit in die Wohnräume tropfen und diese unbewohnbar machen, wie Sommer aus seiner beruflichen Erfahrung weiss. Zudem können die Tiere die gesamte Isolation im Dachstuhl zerstören und folglich erhöhte Heizkosten verursachen.

Es ist bereits weit nach 19 Uhr, doch für Josua und Renate Sommer ist noch lange nicht Feierabend. Ein nächster dringender Auftrag wartet auf das Ehepaar. Bienen oder Wespen haben sich im Dachstock eines Hauses direkt neben einem Kindergarten niedergelassen. So schnell geht es, dass aus Nützlingen Schädlinge werden.
Zahlt die Versicherung bei Schädlingen?
Treten in einer Mietwohnung Schäden durch Schädlinge auf, ist in der Regel der Vermieter zuständig. Eine Ausnahme bildet, wenn die Bekämpfung mit wenig Aufwand selbst zu bewerkstelligen ist und dafür kein besonderes Fachwissen nötig ist. Dazu zählt beispielsweise das Ergreifen von Massnahmen bei Lebensmittelmotten. «Zulasten der Mieterschaft gehen die Kosten der Schädlingsbekämpfung dann, wenn man ihr vorwerfen kann, die Tiere unter Verletzung der mietrechtlichen Sorgfaltspflicht eingeschleppt zu haben. Dies ist etwa der Fall, wenn Haustiere Flöhe eingeschleppt haben», wie der Mieterinnen- und Mieterverband schreibt. Als Haus- und Wohnungseigentümer müssen die Kosten in den meisten Fällen selbst getragen werden, denn eine Hausratsversicherung oder Wohngebäudeversicherung zahlt bei Schädlingsbefall nur, wenn dies im Versicherungsschutz inkludiert ist. Kontaktieren Sie in jedem Fall frühzeitig Ihre Versicherung, um Abklärungen zu treffen.

