Lisa Raimund nimmt eines der vielen Siebe mit hölzerner Umrandung aus dem Regal und macht jene runden, ausladenden Bewegungen, mit denen sie in stundenlanger Handarbeit Saatgut von Streu und Sand trennt. Rund 75 Samenarten werden so auf der Schweibenalp gewonnen und fein säuberlich für den Vertrieb aufbereitet. Darunter sind seltene Sorten wie die Stangenbohne «Brienzer Krugler», ebenso wie Gewürzkräuter-Mischungen mit klassischen Ingredienzen à la Dill, Kerbel und Schnittlauch, aber auch wilden Pendants wie Knoblauchrauke, Blut-ampfer oder Anis-Ysop. Die aromatischen Mixturen beflügeln Mensch und Tier; auf dem Teller, aber auch als Natur-Buffet für Wildbienen, Hummeln und Co.
«Kräuter sind meine grosse Leidenschaft», sagt die 35-Jährige und lässt ihren Blick über die weitläufigen Kräuterterrassen auf dem Areal schweifen, wo all das spriesst, was später zu Tees, Salzen, Sirups, Ölen, Duftsprays oder Räuchergut verarbeitet wird. Auf dem idyllischen Hochplateau mit Blick auf den Brienzersee hat Lisa Raimund im Jahr 2018 als Volontärin das Kräuterhandwerk von Grund auf erlernt. «Dass ich hier tagein, tagaus in und mit der Natur arbeiten kann, ist ein Geschenk», sagt die Co-Leiterin der Schweibenalp-Kräuterei. Schon früh in ihrem Leben bahnte sich ihre Begeisterung für Flora und Fauna einen Weg: Grashüpfer, Igel, Bienen, Eichhörnchen und Schnecken – die kleine Lisa brachte Stunden damit zu, Tiere zu inspizieren. Oder das pralle Grün, das im Frühling aus dem Boden schiesst und sich bis in den Herbst in immer neuem Gewand präsentiert. Ganz zu schweigen von der Faszination, wenn sich die weisse klebrige Substanz im Löwenzahnstängel beim Tupfen auf die Hände ins Braune verfärbte. Und da ist ihr Vater, ein Apotheker mit grossem botanischem Repertoire, der seiner Tochter früh beibrachte, Malven, Spitzwegerich oder Huflattich zu erkennen – in ihrem Wuchs und ihrem Wert.
Für alles ist ein Kraut gewachsen
Lisa Raimund wurde grösser und mit ihr ihre Begeisterung für die Natur. Was ihr zu schaffen machte: Die starken Verdauungsbeschwerden am Ende des Studiums, denen weder der Spezialist noch die Heilpraktikerin beikommen konnten. «Zum 25. Geburtstag erhielt ich ein Kräuterbuch geschenkt, das bei meinen Symptomen eine Bärlauch-Tinktur empfahl», erinnert sie sich. Gelesen, getan: Sie sammelte die würzige Pflanze, schnitt sie klein, legte sie für drei Wochen ein und staunte nicht schlecht: Bereits am zweiten Tag nach der Einnahme der Selfmade-Tropfen wurden die Schmerzen erträglicher und verschwanden nach sechs Wochen komplett. «Das war ein echter Wendepunkt», erinnert sie sich. Lisa Raimund liessen die Kräuter nicht mehr los. Sie verschlang Fachbücher, absolvierte Aus- und Weiterbildungen und mischte die Karten beruflich nochmals neu: Weg von einem Alltag vor dem Bildschirm, hin zu einer sinnstiftenden Arbeit im Einklang mit der Natur, so der einstige Traum und die jetzige Realität. Statt als Kommunikationsdesignerin imAkkord neue Kampagnen aus dem Boden zu stampfen, durchstreift sie jetzt auf 1100 Metern über Meer Wiesen und Wälder auf der Suche nach jenem «Superfood», das andere Unkraut schimpfen.
Ihre heutige Wirkstätte gilt als Kraftort. Das einstige Kurhaus für Tuberkulosekranke ist zu einem Seminarzentrum mit alpiner Permakultur umfunktioniert worden, wo Menschen aus aller Welt einkehren, arbeiten oder sich weiterbilden. In den umliegenden Gemüse-, Kräuter-, Stauden- und Saatgutgärten spriesst es an allen Ecken und Enden. Pilz- und Waldgärten gehören ebenfalls zu diesem botanischen Potpourri, das ein internationales Team mit viel Hingabe hegt und pflegt. Sobald das erste Grün aus dem kalten Boden hervorlugt, führt Lisa Raimund Interessierte durchs Gelände und zeigt ihnen, welches Potenzial in diesem vielfältigen Grün am Wegrand lauert.
Mit fliessendem Übergang in die Praxis: In der Outdoor-Küche vor Ort kocht sie bei Workshops mit Gästen über offenem Feuer schmackhafte Suppen und verarbeitet das Sammelgut zu Pestos, Getränken, Salaten, Chips und Smoothies. Auch hinter den Kulissen tüftelt sie laufend an neuen Kreationen, um ungeahnte Aromen aus den Pflanzen herauszukitzeln. «Glacé mit Fichtenspitze ist mein nächstes Projekt», verrät sie und steckt sich ein herzförmiges Blatt in den Mund, welches sie soeben am Rande eines Beets entdeckt hat. Der Gundermann – ihr Favorit unter den Wildkräutern. «Ich liebe seinen erdigen Geschmack», schwärmt sie. Ob im Salat, als Suppe, Gewürz oder Limonade: Das schnellwüchsige Kraut mit violetter Blüte steht nicht nur bei vielen Insekten hoch im Kurs, es macht sich auch auf dem Tisch gut. Zum Beispiel als Dessert: «Das Blatt in flüssige Schokolade tunken und fertig ist das Wiesen-After-Eight», witzelt Raimund und schnappt sich das nächste Blatt.
Was die Kräuterfrau in ihrem Alltag feststellt: Immer mehr Menschen interessieren sich für ihr Handwerk und wollen sich mit dieser Praxis – notabene eine der ältesten der Menschheitsgeschichte – vertraut machen. Über die Gründe kann sie nur spekulieren: «Das Suchen und Sammeln sind zutiefst sinnliche Erfahrungen, bei denen Augen, Hände und die Nase im Einsatz sind. Nicht zu unterschätzen ist auch die entspannende Wirkung der Terpene, die wir beim Streifzug durch den Wald einatmen.» Das wiederaufflammende Interesse an den wilden Grünen schreibt sie aber ebenso der Schnelllebigkeit unserer Zeit zu und einem Alltag, in dem die Natur oft aussen vor bleibt. «Für viele Menschen sind zudem die gesundheitlichen Benefits von Wildkräutern ein Grund, Wiesen und Wälder zu durchkämmen: Sie tragen eine erstaunliche Fülle an sekundären Pflanzenstoffen, Vitaminen, Spurenelementen und Bitterstoffen in sich.» Ein weiteres Plus: Im Gegensatz zu Nahrungsergänzungsmitteln wachsen sie draus-sen vor unserer Tür und sind kostenlos. «Zu wissen, welches Kraut gegen welche Beschwerden wächst, schafft ein Stück Unabhängigkeit», ist Lisa Raimund überzeugt.

Kostenlose Outdoor-Apotheke
Doch der Umgang mit dem Grün auf Wiesen und in Wäldern will gelernt sein. Zum Starten empfiehlt sie fachkundige Begleitung, um Schritt für Schritt mehr Sicherheit beim Bestimmen zu erlangen und die Risiken gefährlicher Verwechslungen zu minimieren. Ebenso sinnvoll: «Die Ziele am Anfang nicht zu hoch stecken», rät die Kräuterexpertin. «Es ist besser, 50 Verwendungsarten von Löwenzahn oder der Brennnessel kennenzulernen als mit 50 verschiedenen Wildkräutern aufs Mal zu starten.» Jetzt bückt sie sich zum Frauenmantel, der keck aus einem Beet hervorlugt. Sie befühlt das funkelnde Nass am Grund des gefältelten Blatts und erzählt von den wundersamen Eigenschaften, die diesem Guttationstropfen einst zugeschrieben wurden. Märchen, Sagen und Mythen über die Kraft der Pflanzen kennt Lisa Raimund zuhauf. Doch sie will auf ihren Rundgängen nicht nur unterhalten, sondern auch das Bewusstsein für die Natur schärfen. In den Kräuter-Workshops kommen deshalb immer auch die Dos und Don’ts beim Sammeln zur Sprache. Regel Nummer Eins lautet: Nur das sammeln, was sich mit hundertprozentiger Sicherheit bestimmen lässt. Wer den Bärlauch nicht vom Maiglöckchen, der Herbstzeitlose und dem gefleckten Aronstab zu unterscheiden vermag, muss nochmals gut über die Bücher, bevor der Pesto gemixt und kredenzt wird.
Mass halten ist ein Muss auf Kräutersafari: «Bei einer Fundstelle nicht mehr als ein Drittel ernten, damit sich die Pflanze regenerieren kann und genug Nahrung für Insekten übrigbleibt», betont Raimund. Ebenso wichtig: Nicht auf Vorrat horten, sondern nur so viel pflücken, wie sich wirklich verwenden und verarbeiten lässt. Auch der Standort sollte mit Bedacht gewählt werden: Gedüngte Flächen, Strassenränder und Hundewiesen sind kein geeignetes Terrain – ebenso wenig wie Naturschutzgebiete, wo das Sammeln untersagt ist. Weiter gilt es, die Wetterprognosen im Auge zu behalten: «Bei Sonne sind die Wirkstoffe am intensivsten», weiss die Kursleiterin. Und zu guter Letzt: Ins Gepäck gehört immer ein scharfes Messer oder eine Schere. Das verhindert, dass die Pflanze versehentlich ausgerupft wird.
Auch Marianne Ruoff beherzigt beim Sammeln von Wildkräutern zahlreiche Regeln: «Die kräftigsten Pflanzen lasse ich stets stehen, damit sie sich vermehren können. Schliesslich geht es darum, diese Schätze der Natur zu bewahren», betont die Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin, Akupunktur, traditionelle chinesische und europäische Kräutermedizin. Nachhaltig sammeln heisst für sie auch: Die Pflanzen nicht zertrampeln und die ersten Blüten den Insekten und Vögeln überlassen. Grundsätze, mit denen sie bereits ihr Grossvater vertraut gemacht hatte, der im Zweiten Weltkrieg mit Wildkräutern seinen Hunger linderte. «Er wollte, dass ich mir dank dieses Wissens jederzeit selbst helfen kann», erinnert sie sich. Einem Wunsch, dem sie auch Jahre später noch nachkommt, wenn sie auf Spaziergängen Schafgarben, Giersch, Gänseblümchen, Löwenzahn oder Sauerampfer pflückt und kostet. «Es steckt so viel Kraft in diesem Grün», sagt die Kräuter- und Heilpflanzenexpertin, die seit 20 Jahren eine Praxis in Bern führt und ihr Wissen in Büchern, Vorträgen, Workshops und Kräuterwochen weitergibt.

Löwenzahn: Ein Alleskönner
Besonders angetan hat es ihr der Löwenzahn; dieser milchige Korbblütler, der weidende Tiere nährt, mit seinen Pfahlwurzeln verdichtete Böden auflockert und als Pusteblume Gross und Klein begeistert. Seiner Löwenkraft hat Marianne Ruoff ein ganzes Buch gewidmet. «Bei dieser Pflanze ist alles essbar – von der Wurzel bis zur Blüte», so Ruoff. Von seiner Heilkraft profitieren vor allem die Verdauungsorgane, aber auch Zähne, Augen, Leber, Galle, Haut und Gehirn. Ebenso praktisch: Anfänger, die sich mit dem Erkennen von Wildkräutern schwertun, gehen keinerlei Risiken ein. Die beiden Pflanzen, die dem Löwenzahn am ähnlichsten sehen – der Wiesen-Pippau und das Ferkelkraut – sind ungiftig. Dennoch: Marianne Ruoff empfiehlt beim Sammeln, bei jeder Pflanze mehrere Erkennungsmerkmale zu verinnerlichen, um Verwechslungen komplett auszuschliessen. Vorsicht ist auch in quantitativer Hinsicht angezeigt: Die Ärztin rät, beim Verzehr mit kleinen Mengen zu starten, um die Verträglichkeit erst einmal zu prüfen.
Die Heilkraft dieses gelben Alleskönners beschränkt sich nicht auf körperliche Beschwerden: «Der Löwenzahn löst auch Blockaden und durchstrahlt Körper und Seele», ist Ruoff überzeugt. Für eine Frühlingskur empfiehlt sie, für zwei Wochen jeden Tag sechs bis zehn frische, gewaschene Löwenzahn-Blütenstängel über den Tag verteilt zu essen. Nicht minder anregend in der Wirkung: Junge, frische Blätter, die dem Salat beigegeben werden. Wer sich mit der Bitterkeit schwertut, kocht die Blätter in Essigwasser. Dazu 400 ml Obstessig, 200 ml Wasser, einen halben Teelöffel Salz und einen Teelöffel Zucker aufkochen und die Blätter zwei bis drei Minuten mitkochen.
Eine weitere Pflanze, deren Kraft Marianne Ruoff in den Bann zieht, ist der Schachtelhalm, der sich wie Farne über Sporen vermehrt. «Schachtelhalmgewächse haben alle bisherigen Erdkatastrophen überlebt», sagt die Pflanzenkennerin. «Sie tragen die Heil- und Überlebenskraft aus der Urzeit in sich.» Die mineralienreiche Pflanze ist ein weiteres Multitalent: In der Volksheilkunde gilt sie als Kraut der Wahl bei Erkrankungen von Haut, Schleimhäuten, Haar, Niere und Blase, Magen-Darm-Trakt und Bewegungsapparat, aber auch bei psychischen Beschwerden. «Der Schachtelhalm bringt vieles wieder ins Lot», so ihreErfahrung. Er könne äussere körperliche Strukturen wie die Haut, Zähne und Knochen stärken, aber auch Ängste lösen und Struktur ins Leben bringen. Selbst Tiere profitieren von dieser Pflanzengruppe, die sich seit der Karbonzeit vor rund 300 Millionen Jahren kaum verändert hat: Bei Hunden vermag der Schachtelhalm Hauterkrankungen zu lindern, bei Pferden Gelenkentzündungen und -schmerzen.
Andere Länder, gleiche Sitten
Obwohl Marianne Ruoff mittlerweile hunderte von Wildkräutern bestimmen kann und drei Bücher zu diesem vitalisierenden, gesunden Grün publiziert hat, lernt sie immer wieder dazu: Beim Bestimmen unter freiem Himmel, bei Weiterbildungen, auf Expositionen oder im Austausch mit indigenen Völkern. Ihr jüngstes Werk «Eiszeitmedizin» geht auf einen Aufenthalt in Westgrönland zurück, wo sie als Ärztin eine Fastenwanderung durch die grönländische Tundra begleitete und aus dem Staunen nicht herauskam. Dort entdeckte sie vertraute Pflanzen wie den Löwenzahn, die Glockenblume, Schachtelhalme, Heidelbeeren und Arnika. Im Austausch mit den dort ansässigen Kalaallit-Inuits erfuhr sie: Diese arktisch-alpinen Pflanzen, die sie aus ihrer Heimat kannte, erstrecken sich nicht nur über die gesamte Nordhalbkugel, sie werden auch von sämtlichen indigenen Völkern und Alpenbewohnern seit Jahrtausenden bis heute in ähnlicher Weise verwendet. «Pflanzen am Rande des Eises sind extrem langlebig und ausgesprochen widerstandsfähig», so Ruoff. Das überlieferte Heilwissen, das sie während ihren Forschungsreisen durch Grönland, Sibirien und in die Mongolei zusammengetragen hat, ist Teil ihres neusten Buchs. Ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse: «Die Forschung, alte Traditionen und Spirituelles schliessen sich nicht aus», stellt Marianne Ruoff klar. Mehr noch: «Moderne Erkenntnisse und traditionelles Wissen zu Heilpflanzen lassen sich eigentlich wunderbar kombinieren.»
Fünf Wildkräuter im Porträt

1. Gänseblümchen
Das «Müllerblüemli», «Margrittli», «Himmelsblume» oder «Tausendschön», wie das Gänseblümchen in gewissen Regionen der Schweiz heisst, blüht fast das ganze Jahr über. Die kleinen Blüten leisten gute Dienste bei leichten Kratzern oder Insektenstichen. Dazu Blätter oder Blüten zwischen den Fingern zerquetschen bis der Saft austritt, und sie auf die betroffene Stelle legen. Das dämpft den Juckreiz und unterstützt den Heilungsprozess. In der Küche findet das Gänseblümchen vielfältige Verwendung. Ob in Salaten, als Topping auf Gemüsesuppen oder fein gehackt in Quarkspeisen: Die Blüten und Blütenknospen sind ein Hingucker und bringen Mineralstoffe und Vitamine auf den Teller.
Auch für Hunde sind diese Korbblütler ein vitalisierender Futterzusatz: Sie regen den Stoffwechsel an, reinigen das Blut und helfen, wenn die Haut schuppt. Im Herbst können sie getrocknet zur Stärkung der Bronchien eingesetzt werden.

2. Löwenzahn
Pusteblume, Kuhblume, Chrottepösche, Söiblueme oder Sonnewerbel heisst dieses Kraut mancherorts, dessen gezackte Blätter wie Zähne eines Löwen aussehen. Besonders üppig spriesst es auf Wiesen, wo seine leuchtend gelben Blüten nicht zu übersehen sind. Mit seiner stoffwechselanregenden Wirkung bringt der Löwenzahn den Organismus nach den Wintermonaten wieder in Schwung. Die Bitterstoffe kurbeln die Produktion der Verdauungssäfte an und haben eine entgiftende Wirkung. Besonders raffiniert: Aus den geschlossenen Blütenknospen lassen sich Löwenzahn-Kapern herstellen. Als Zugabe in Wildkräuter-, Blatt- oder Kartoffelsalaten eignen sich vor allem die jungen Blätter. Die Wurzel weist grosse Mengen an Kohlenhydraten, verschiedenen Vitaminen und Kalium auf und kann während der Wintermonate getrocknet in Teezubereitungen oder gemahlen als verdauungsfördernder Kaffee verwendet werden.
Viele Hunde knabbern gerne direkt an den frischen Blüten im Garten. Bei ihnen unterstützt der Löwenzahn vor allem Leber und Niere, er wirkt aber auch stoffwechselanregend. Auch Vögel, Meerschweinchen und Hasen sind auf dieses Kraut erpicht.

3. Grosse Brennessel
Bereits Kräuterpfarrer Johann Künzle verkündete: «Die Brennnessel ist heilsam, nahrhaft und kräftigend in all ihren Teilen: Wurzel, Stängel, Blatt und Blüte.» Das Kraut weist einen hohen Gehalt an Eisen und Vitamin C auf. Zudem enthält es Magnesium, Kalzium und Beta-Carotin. Zur Entschlackung im Frühling bietet sich die Brennnessel in der Küche für eine schmackhafte Suppe aus den jungen Triebspitzen oder für einen Tee an. Für dessen Herstellung werden die Stängel mit kochendem Wasser überbrüht und während zehn Minuten ziehen gelassen. Um frische Brennnessel roh zu essen, sollte man die Blätter «entschärfen»: Das gelingt am besten mit einer Teigrolle, in einem Mixer oder durchs Blanchieren für wenige Sekunden in kochendem Wasser. Im Garten hilft Brennnesseljauche, die Pflanzen zu stärken und Schadinsekten wie die Möhrenfliege und den Kohlweissling abzuwehren.
Für die Tierwelt ist die Brennnessel das eigentliche Gold im Garten und Wald: Über 100 Tierarten – darunter einige der schönsten Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge oder der Kleine Fuchs – leben von ihr. Bei Hunden kann die Brennnessel mit ihrem hohen Kaliumgehalt zur Behandlung von Harnwegs- und Nierenerkrankungen eingesetzt werden.

4. Gundermann
Er wächst in den meisten Gärten meist ganz unscheinbar und ist oft in Eckbereichen zu finden, wo er am Boden kriechend nach und nach grössere Flächen erobert. Der Gundermann enthält viele ätherische Öle, Gerbstoffe und Cholin und hat einen scharf-würzigen Geschmack, der in Salaten, Smoothies oder Kräutersalzen gut zur Geltung kommt. Besonders eignet er sich für die Behandlung von eitrigen Entzündungen, Durchfall, bei Magen-Darm-Problemen und rheumatischen Beschwerden. Für einen Tee übergiesst man ein bis zwei Teelöffel getrockneten Gundermann mit 250 ml kochendem Wasser und lässt ihn fünf bis acht Minuten ziehen. Zur Herstellung einer Tinktur werden zehn Gramm blühender Gundermann klein gehackt und mit 90 ml Wodka gemischt. Die Mischung lässt man vier bis sechs Wochen in einem dunklen Raum stehen und siebt die Kräuter dann ab.
Bei Hunden kann Gundermann als Tee innerlich bei Verdauungsproblemen helfen oder bei Wunden äusserlich in Form von Kompressen. Achtung: Aufgrund des hohen Kaliumgehalts sollte er nicht bei Erkrankungen von Herz, Nieren oder Nebennieren gefüttert werden.

5. Spitzwegerich
Mit seinen lanzenartigen Blättern ist der Spitzwegerich leicht an Wegrändern und in Wiesen erkennbar. Die Schleimstoffe des Wegerichs können in den angegriffenen Atemwegsorganen eine Schutzschicht bilden und bei Husten oder Bronchitis helfen, zum Beispiel in Form eines Sirups. Bei kleinen Verletzungen oder Insektenstichen ein Spitzwegerichblatt zerreiben und auf die verletzte Stelle legen. In den Nachkriegszeiten wurde der Spitzwegerich als günstiger Salatersatz gegessen. Heute feiert er in der Küche mit seinem steinpilzähnlichen Geschmack ein Comeback. Er kann geschnitten in Salate gemischt, in Suppen oder als Pesto verwendet werden.
Der Spitzwegerich ist auch eine wichtige Raupenfutterpflanze. Bei Hunden wirkt er schleimlösend und unterstützt die Bronchien.

