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Gänsegeier auf der Kaiseregg im Freiburgischen

Flimmernde Hitze, ein Tierkadaver und zahlreiche Geier passen zu Afrika. Doch diese Szenerie stellt sich auch in den Freiburger Alpen ein. Eine Exkursion der Extraklasse.

Nichts deutet darauf hin, dass die Wanderung besonders spektakulär wird. Klar, weidende Kühe, Alpenblumen und die Aussicht sind wundervoll, wie immer auf Bergwanderungen in den Schweizer Alpen. Doch die Kaiseregg in den Freiburger Bergen verspricht zu all dem Exotik: kreisende Gänsegeier! Darum nichts wie los!

Ausgangspunkt der Tour ist Schwarzsee Gypsera. Von dort führen Sessellift und Wanderweg auf die Riggisalp. Wer auf der 2185 Meter hohen Kaiseregg und überhaupt auf dem Grat gerne beobachten und verweilen möchte, nimmt besser den Sessellift. Der ungefähr zweieinhalbstündige Aufstieg von derRiggisalp bis zum Gipfel wird noch anstrengend genug.

Zu Beginn windet sich der Weg angenehm um einen Kessel unterhalb des Schafbergs. In der Ferne in Richtung Jaunpass ragt die Spitzfluh schroff in den blauen Sommerhimmel, im Vordergrund weiden Kühe. Der Pfad führt bald schräg der Nordflanke der Kaiseregg entlang. Jetzt am Morgen liegt er noch im angenehm kühlen Schatten. Durch Schotter suchen sich Rittersporne ihren Weg ans Licht. In einer Senke funkelt smaragdgrünes Wasser eines runden Seeleins unheimlich. Dann beginnt der Aufstieg.

Gänsegeier auf der Kaiseregg im Freiburgischen
Alpendisteln beim Aufstieg auf die Kaiseregg.

Ab Salzmatt führt der Wanderweg steil einer Krete empor. Abwechslung bietet ein Paar Alpine Gebirgsschrecken. Die grünen Insekten sitzen zuoberst auf einem Zaunpfahl. An felsiger Kante blühen purpurrot Alpendisteln. Der Himmel ist zwar blau, aber leer. So ein Pech, schwirrt durch den Kopf. Da unternimmt man extra diese Tour, doch von den Gänsegeiern fehlt jede Spur. So ist es halt mit Vögeln. Schnell sind sie anderswo. Es bleibt Zeit für in sich gekehrte Gedankengänge. Wieso heisst ein Berg in der Schweiz Kaiseregg? Einen Kaiser gab es hier nie! Bei Nachforschungen am Abend wird sich dann zeigen: Die Gipfelbezeichnung basiert auf einer Verwechslung mit dem Namen Käseregg. Dieser Begriff taucht in verschiedenen alten Schriften auf.

Kreisende Gänsegeier

Bei all den Gedanken ist unvermittelt der Bergrücken erreicht. Als hätte sich ein Bühnenvorhang geöffnet, reicht der Blick auf die andere Seite hinunter – und auf zahlreiche Gänsegeier, die kreisen. Eine Szenerie wie irgendwo in der afrikanischen Savanne. Welch ein Spektakel! Eine Wanderin taucht unvermittelt hinter einer Felskante auf. Sie kam über den Alpinwanderweg von Jaun her. Dieser unausgeschilderte Pfad mit grandioser Aussicht führt dem Berggrat entlang und ist nur für Schwindelfreie, denn zu beiden Seiten fallen die Flanken ab. Der Vorteil der Frau: Sie hat dem Geschehen schon lange zugeschaut und berichtet darum: «Eine Kuh stürzte zu Tode, das haben sie sofort bemerkt.» Sie reckt ihr Kinn in Richtung der kreisenden Geier. Die Aasfresser gingen leer aus. «Der Kadaver wurde vor einiger Zeit mit einem Helikopter ausgeflogen», erzählt die Beobachterin, bevor sie weiter steigt, und fügt noch vielsagend an: «Dort oben sitzen sie jeweils und schauen.» Sie deutet auf einen dunklen Grat in der Ferne.

Gänsegeier auf der Kaiseregg im Freiburgischen
Rittersporn gedeiht im Schotterfeld unterhalb der Kaiseregg.

Flimmernde Sommerhitze, Stille, im Nordosten verliert sich das Mittelland im Dunst, im Südwesten ein Durcheinander von Bergkämmen und -spitzen und die weit über 100 kreisenden Gänsegeier. Die verendete Kuh lag offensichtlich in der Nähe des Walopsees auf der gleichnamigen Alp, auf die der Blick vom Grat aus fällt. Die Geier von oben kreisen zu sehen, ist spektakulär. Wie schnell die einzelnen Vögel sind! Sie nutzen die über den Mittag intensive Thermik. Deshalb gewinnen sie in Windeseile an Höhe, schiessen wie Pfeile waagrecht durch den Himmel. Bald schon kreisen sie hoch über der Kaiseregg. Auch für Wanderer mit diesem Ziel geht es nun nochmals in die Höhe. Etwa 30 Minuten, dann ist der Gipfel mit dem Kreuz erreicht. Als könnten sie es nicht fassen, um ihre Mahlzeit gebracht worden zu sein, kreisen manche Gänsegeier immer noch im Gebiet. Wanderer haben es besser: Welch ein Genuss sind Käse und Brot aus dem Rucksack hoch oben! Fantastisch dabei der Ausblick auf die Geier. Manche sind zu weit entfernten Punkten geworden. Alles, ohne jemals mit den 2,6 Meter breiten Schwingen zu schlagen. Die aufsteigende Wärme reicht für sie vollends, um aufzusteigen. Gänsegeier sind Exoten in der Schweiz. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet zieht sich von Indien, der Mongolei, Iran und Irak über die Türkei. Punktuell kommen sie auch auf der arabischen Halbinsel, in Eritrea und Äthiopien vor. In Nordafrika, den Pyrenäen und entlang der ostadriatischen Küste segeln sie ebenfalls.

Gänsegeier leben sozial. Darum auch ihr massenweises Auftreten auf der Kaiseregg. Sie wissen nie, wann und wo sie einen Kadaver finden. Deshalb kreisen sie pro Tag teilweise hunderte von Kilometern über Berggipfel. Der Ornithologe Stefan Bachmann von BirdLife Schweiz sagt, dass Gänsegeier auf dem Vormarsch seien: «Der Bestand in Südeuropa nimmt in den letzten Jahrzehnten zu.» Mittlerweile würden in Frankreich über 3000 Paare brüten, unter anderem im Zentralmassiv. Da junge Geier weit umherschweiften, würden sie sich nun wieder etwas mehr ausbreiten. «Sie werden heute nicht mehr verfolgt oder vergiftet wie früher.»

Gänsegeier auf der Kaiseregg im Freiburgischen
Nach dem Aufstieg auf die Kaiseregg belohnt die Sicht bis weit ins Mittelland.

Schwarze Silhouetten am Bergkamm

Bei den Gänsegeiern, welche um die Kaiseregg kreisen, handelt es sich also um Jungvögel auf Entdeckungstour. Es sei unwahrscheinlich, dass Gänsegeier in der Schweiz brüten würden, meint Stefan Bachmann.Paare brüten in den Pyrenäen bereits im Januar.

Brot und Käse haben geschmeckt, auch die Tee-flasche ist wieder eingepackt. Nur noch zwei schwarze Punkte kreisen am Firmament. Bei näherem Absuchen der Bergkante mit dem Feldstecher zeigt sich aber: Zahlreiche Augenpaare richten sich von dort auf die Kaiseregg. Aufgereiht mit eingezogenen Hälsen sitzen die Gänsegeier auf der weit entfernten, hohen Krete. Wie herumlungernde Soldaten. Nur ihre schwarzen Silhouetten heben sich vom Gegenlicht ab. Vielleicht fragen sie sich: «Was nun?». Am darunter liegenden steilen Hang weiden Schafe. Würde eines abstürzen und durch den Aufprall sterben, wären die Geier sofort zur Stelle. Tote Schafe werden meist nicht durch den Menschen abtransportiert – sondern von der fliegenden Gesundheitspolizei verwertet. Auch wenn das Fleisch bereits verwest, fressen sie es, denn die sauren Magensäfte und das hoch spezialisierte Mikrobiom des Darms sorgen dafür, dass der Verzehr nicht zu Krankheit führt. Mit ihren kahlen Hälsen reissen Gänsegeier, Fleisch aus dem Kadaver, ohne das Gefieder zu verschmutzen.

Gänsegeier auf der Kaiseregg im Freiburgischen
Der Weg auf die Kaiseregg ist idyllisch.

Vorerst heisst es für sie aber: abwarten. Die Sonne steht hoch, sengende Hitze, ab und zu ein Lufthauch, gaukelnde Schwalbenschwänze, die Kühe unten auf der Alp käuen liegend im Schatten der Hütte wieder. Kein Drama für die Gänsegeier, dass sie der Helikopter um eine saftige Mahlzeit gebracht hat. Sie sind darauf ausgerichtet, lange keine Nahrung zu finden. Wenn sie aber auf einen Kadaver stossen, fressen sie so viel wie möglich. Sie lagern nämlich grosse Fettdepots ein. Das ermöglicht ihnen, mehrere Tage bis zu mehrerenWochen ohne Nahrung auszukommen.

In den Schweizer Alpen fällt viel Aas an. Die Gänsegeier finden es mit ihren guten Augen. Darum spähen sie herum, ob vom Himmel oder von Felsklüften herab, besonders auf der Kaiseregg.

Der Weg zu den Geiern

Vom unterirdischen Busbahnhof Freiburg aus (direkt von der Bahnhofsunterführung aus zu erreichen) fährt der Bus Nr. 123 in gut 50 Minuten nach Schwarzsee Gypsera. Dort führt der Sessellift auf die Riggisalp, wo der Aufstieg beginnt (Wegweiser folgen). Die Gänsegeier halten sich nur im Sommer im Gebiet auf.

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